Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1914)

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BAUZEITUNO

Nr.  5

Riesenarbeit,  die  von  unzähligen  deutschen  Geschmacksbildern ­
  seit  vielen  Jahren  geleistet  worden  und  in  der
Tätigkeit  des  „Deutschen  Werkbundes“  nunmehr  zielbewußt ­
  organisiert  und  zusammengefaßt  ist,  vielleicht  überhaupt ­
  nicht  oder  wenigstens  nicht  annähernd  in  diesem
Umfange  nötig  gehabt.  Und  wäre  dem  Handwerk  und
der  Industrie  im  Laufe  der  Zeit  das  Gefühl  für  das  Selbstverständliche ­
  in  der  Materialbehandlung  und  Formgebung
nicht  allmählich  so  gut  wie  vollkommen  abhanden  gekommen, ­
  wir  hätten  vor  rund  zwanzig  Jahren  nicht  wieder, ­
  wie  Schuljungen  beim  A-B-C,  von  vorne  anfangen
müssen.  Freilich,  ein  Nutzen  ist  bei  jedem  Schaden,  wir
hätten  dann  auch  kaum  die  gegenwärtige  Blüte  deutscher
Werkkunst  erlebt,  die  den  furchtbarsten  und  lebendigsten
Perioden  früherer  Zeiten  durchaus  ebenbürtig  ist.  Auch
hier  ist  wieder  einmal  die  Not,  eine  ideelle  Not  zwar  nur,
die  aber  kaum  weniger  bitter  empfunden  worden  ist,  wie
irgend  eine  materielle  —  einem  ganzen  Volke  zum  Segen
geworden.  Und  wenn  heute  das  Selbstverständlich ­
  e  im  Allgemeinen  wenigstens,  tatsächlich  sich  wieder  von
selbst  versteht,  so  wissen  wir,  daß  damit  ein  seltener  Idealzustand ­
  wieder  in  greifbare  Nähe  gerückt  ist.  Dieses
Selbstverständliche  ist  aber  in  unserem  Falle  mit  drei
Worten  ausgedrückt:  Zweckmäßigkeit,  Qualität  und  künstlerische ­
  Form.  Und  man  beachte  wohl  die  Steigerung,
die  in  der  Aufeinanderfolge  dieser  Begriffe  liegt.  Das  Zunächstliegende ­
  bei  einem  beliebigen  Gegenstand  der  Werkarbeit ­
  und  Werkkunst  ist,  daß  er  zweckmäßig  sei,  d.  h.,
daß  er  dem  Zweck,  dem  er  dienen  soll,  ohne  Hemmungen,
die  in  der  Konstruktion,  der  Form  oder  in  irgend  einem
anderen  Umstand  liegen  können,  zu  genügen  imstande  sei.
Dazu  ist  weiter  nichts  notwendig,  als  daß  der  Gegenstand ­
  sich  seiner  Bestimmung  nach  Form  und  Material
genauestens  anpaßt.  Und  damit  wäre,  für  allerprimitivste
Ansprüche,  auch  bereits  ein  Endziel  des  Strebens  erreicht.
Denn  der  betreffende  Gegenstand  wird  seinen  Zweck  gewiß ­
  auch  in  rohester  Gestalt  und  Ausführung  und  in  billigstem ­
  Material  erfüllen.  Aber  schon  die  einfachste  Wirtschaftlichkeit, ­
  die  mit  Abnutzung  usw.  rechnen  muß,  wird
es  dem  Verbraucher  nahelegen,  sich  einen  Gebrauchsund ­
  schließlich  auch  einen  Luxusgegenstand  nicht  in  der
denkbar  primitivsten  Ausführung  usw.  zu  erwerben,  sondern ­
  von  ihm  auch  Qualität  verlangen.  Mit  anderen  Worten ­
  :  Der  Käufer  wird  verlangen,  daß  der  Gegenstand  aus
bestem  Material  hergestellt  sei  und  daß  der  Zweckmäßigkeit ­
  seiner  Form  auch  eine  (zunächst  handwerkliche)
Qualität  entspreche;  d.  h.,  er  wird  gute  Arbeit,  sei  es
Hand-  oder  Maschinenarbeit,  fordern.  Aber  auch  damit
wird  sich  der  Käufer  von  Geschmack  noch  nicht  zufrieden ­
  geben;  er  wird  über  die  technische  Qualität  hinaus,
als  Krönung  des  Werkes,  noch  eine  künstlerische  Qualität ­
  beanspruchen,  die  in  der  künstlerischen  Form  zum
Ausdruck  gelangt.  Diese  künstlerische  Form  kann  sich
ganz  von  selbst  dort  ergeben,  wo  höchste  Zweckmäßigkeit
und  Qualität  vereinigt  sind.  Die  vollendete,  logisch  durchgebildete ­
  und  durch  die  Qualität  des  Materials  und  der
Arbeit  zur  besten  Wirkung  gebrachte  Zweckform  wirkt
ja  an  sich  bereits  künstlerisch  und  hat,  in  sehr  vielen  Fällen ­
  wenigstens,  eine  Steigerung  durch  eine  bewußte  künstlerische ­
  Formgebung  gar  nicht  mehr  nötig.  Im  Gegenteil; ­
  es  kann  dadurch  sogar  die  natürlich  gute  Form  verwischt ­
  und  verdorben  werden.  Das  Letztere  ist  besonders
überall  dort  der  Fall,  wo  unorganischer  Zierat  künstlerischen ­
  und  wohl  auch  materiellen  Reichtum  Vortäuschen
soll,  aber  meist  wäre  die  Armut  des  Künstlers  an  wirklich
schöpferischen  Ideen  dokumentiert.  Trotzdem  ist  es  recht
gut  möglich,  über  die  Zweckform  hinaus  noch  eine  Steigerung ­
  der  künstlerischen  Wirkung  zu  erzielen,  und  diese
Möglichkeiten  variieren  zwischen  den  einfachsten  Kombinationen ­
  aus  Linien  und  Kurven,  Flächen  und  Bögen
und  der  Dekorierung  mit  Ziermotiven  aller  Art  (Schnitzerei, ­
  Tauschierung,  Zieselierung,  Bemalung  usw.).  Ja,

man  kann  sogar  konstatieren,  daß  wir  uns,  nach  einer
Zeit  vielleicht  allzu  großer  Zurückhaltung  im  Dekorativen,
wieder  einer  Periode  reicherer  künstlerischer  Formgebung
nähern.  Da  wir  aber  unterdessen  durch  die  strenge
Schule  der  Zweckmäßigkeit  und  Qualität  erfolgreich  hindurchgegangen ­
  sind,  so  dürfen  wir  auch  in  diesem  heiklen
Punkte  dem  Takt  und  Geschmack  unserer  Werkkünstler
voll  vertrauen.  Und  die  „Deutsche  Werkbund-Ausstellung ­
  in  Cöln  1914“  wird  uns  davon  überzeugen,  daß  man
in  Deutschland  heute  bereits  wieder  ganz  allgemein  die
drei  idealen  Forderungen  guter  Werkarbeit:  Zweckmäßigkeit, ­
  Qualität  und  künstlerische  Form  zu  erfüllen  und  mit
einander  zu  verbinden  versteht.  Richard  Braungart.
Personalien
Baden.  Landesherrlich  angestellt:  die  Bausekretäre
J.  B.  Leuthner  in  Freiburg  und  O.  Heim  in  Achern  unter  Ernennung ­
  zu  Oberbausekretären.
Hessen.  Ernannt:  zum  Bahnmeister  der  Bahnmeister-Diätar
Schmitt  zu  Qau-Odernheim.  Unkündbar  angestellt:  der
Bahnmeister  E.  Schilling  zu  Aschaffenburg,  beide  in  der  Hess.-Preuß.
  Eisenbahngemeinschaft.
Bücher
Der  Städtebau.  Monatsschrift  für  die  künstlerische  Ausgestaltung ­
  der  Städte  nach  ihren  wirtschaftlichen,  gesundheitlichen  und
sozialen  Grundsätzen  begründet  von  Theod.  Goecke  und  Camillo
Sitte.  Jährlich  12  Hefte  mit  illustriertem  Text,  zeichnerischen
Extrabeilagen  und  einem  Jahresbericht  der  Literatur  über  Städtebau ­
  und  Wohnungswesen  von  Professor  Dr.  Rud.  Eberstadt.  Preis
20  Mark.  Verlag  Ernst  Wasmuth  A.-G.,  Berlin  W.  8.  Inhalt  des
Januarheftes:  Geleitwort  zum  XL  Jahrgang.  Der  Bebauungsplan
in  Stadt  und  Land.  Von  Theodor  Goecke,  Berlin.  Zum  Baulinienplan ­
  von  Reuth.  Von  Professor  Otto  Lasne,  München.  Alte
und  neue  Ecklösungen  in  Halberstadt.  Von  Stadtbaurat  Sinning,
Halberstadt.  Die  klimatische  Bedeutung  der  Höhensiedelungen  und
die  ihr  entsprechende  Gestaltung  solcher  Vororte.  Von  Professor
H.  Chr.  Nußbaum.  Eine  Wiener  Musterbauordnung.  Leitsätze  von
Joseph  Aug.  Lux.  Umbau  und  Bodenhebung  einer  Großstadt.
Von  Dr.  Qrimshaw,  Dresden.
Sprechsaal
Anfrage.  Welche  Firma  führt  zur  Zeit  die  biologischen  Hauskläranlagen ­
  (System  K.  K.)  aus,  welche  s.  Zeit  von  der  Firma
Klenk  &  Co.,  Stuttgart,  übernommen  wurden?  Z.
Anfrage.  Im  Kesselhaus  einer  Fabrik  sind  zwei  eiserne  Reservoirs ­
  von  je  5  m  Länge,  1,50  m  Breite  und  1  m  Höhe,  ln  denselben ­
  wird  seit  15  Jahren  abwechslungsweise  kaltes  und  heißes
Wasser  bis  zu  60  Grad  aufgespeichert.  Durch  Kesselstein  und
Kalksteinniederschlag  ist  der  Boden  der  Reservoire  an  einigen
Stellen  annähernd  durchgefressen.  Wer  kann  mir  ein  praktisches
Verfahren,  vielleicht  mittels  Zement  oder  sonstwie,  angeben,  wie
einem  weiteren  Durchfressen  gesteuert  werden  kann,  ohne  daß
eine  Wegnahme  der  Reservoirs  nötig  wird?
Antwort.  Die  richtigste  gründliche  Reparatur  eines  im  Boden
durchgerosteten  eisernen  Reservoirs  ist,  Einsetzen  eines  neuen
eisernen  Bodens.  Billiger  und  einfacher  ist  Eingießen  von  Zement,
etwa  8—10  cm  hoch,  den  man  womöglich  durch  ein  leichtes  Drahtgewebe ­
  armiert.  Bei  diesem  Verfahren  muß  aber  die  Reservoirwandung ­
  und  der  Boden  durch  Sodalauge  vorher  von  jedem
Anstrich  und  Fettansatz  sauber  gereinigt  werden,  damit  sich  der
Zementeinguß  gut  ansetzt;  die  Drahtgewebeeinlage  ist  notwendig,
weil  es  sich  um  warmes  und  kaltes  Wasser  handelt.
Sind  Reservoire  schon  15  Jahre  im  Gebrauch,  so  ist  es  nicht
zu  verwundern,  wenn  dieselben  langsam  durchrosten,  man  muß
deshalb  an  Ersatz  denken,  welcher  in  diesem  Falle  wohl  am
rationellsten  in  Verbindung  mit  einer  neuzeitlichen  Wasserreinigungs-Anlage
  erfolgte.  Ingenieur  Carl  Morgenstern,  Stuttgart,
Maschinenfabrik  und  Kupferschmiede.
Verantwortlich:  Karl  Schüler,  Stuttgart,  Richard  Gebhardt,  Stuttgart.
Druck:  Gustav  Stürner  in  Waiblingen.
            
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