Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1914)

7. März 1914 
BAUZEITUNG 
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Pyramiden zwei in ordnungsmäßigem Zustand befunden 
hätten, so habe bei der dritten ein 94 cm hohes Stück 
schon mit der Hand aus der Standfuge getrieben werden 
können. Dazu habe der Mörtel gefehlt, sodaß nach der 
Ueberzeugung des Senates allein die Kraft des Sturmes 
genügt habe, das Loslösen herbeizuführen. Schon 1906, 
bei dem Erwerbe des Gebäudes, habe man festgestellt, 
daß die Pyramiden morsch seien. Aus diesem Grunde 
und, da das Gebäude an einer verkehrsreichen, von 
Kindern sehr belebten Straße stehe, sei die Beobachtung 
einer besonderen Sorgfalt durch die Stadt am Platze 
gewesen. Statt dessen hätten sich die Revisionen seitens 
des Stadtbaumeisters nur auf das Innere des Gebäudes, 
bis zur Zeit des Unfalls aber niemals auf die Turmpyramiden 
erstreckt. Wären auch diese ordnungsgemäß untersucht 
worden, so hätten die Verwitterung und das Fehlen des 
Mörtels entdeckt werden müssen. Zu Unrecht beruft 
sich ferner die Beklagte darauf, daß in einer Reihe von 
Städten die Revision sich nicht auf Architektur usw. 
jährige hat, oder nicht, mit der Zeit klar werden muß, 
daß wir bezüglich der Vorbildung die gleichen Verhält 
nisse bekommen müssen, wie sie für die mittleren Post-, 
Eisenbahn-, Notariats-, Verwaltungs- etc. Beamten schon 
lange bestehen, wenn der ungesunden Ueberproduktion 
in unseren Reihen gesteuert werden soll. Nun besteht 
aber bei vielen Kollegen die Auffassung, daß mit der 
Absolvierung der Baugewerkschule und der Erstehung 
der Bauwerkmeisterprüfung die Berechtigung zum Ein 
jährig-freiwilligen Militärdienst erreicht werden soll; (der 
Einsender dürfte sich in diesem Punkt über die Ansichten 
seiner Kollegen doch etwas täuschen. Die Red.); wäh 
rend ich der Ansicht bin, daß wir gerade dieser Auffassung 
es zu danken haben, daß wir mit unseren Forderungen 
noch nicht viel weiter gekommen sind. Ich vertrete den 
Standpunkt daß wir, solange wir das Einjährige mit 
der Bauwerkmeisterprüfung verquicken wollen, die Real 
schulen gegen unsere Bestrebungen sein werden, wo 
durch es für die Regierung immer schwer sein wird, 
Architekt: 
Ludwig 
BührffP 
Stuttgart 
Dorfkirche 
Schaubild 
(Variante) 
erstrecke. Diese Behauptung werde durch gegenteilige 
Feststellung für andere Städte hinfällig. Die Sladtgemeinde 
habe daher den Beweis, daß sie die erforderliche Sorg 
falt beobachtet habe, nicht erbracht; der Anspruch der 
Witwe H. sei somit als dem Grunde nach für gerecht 
fertigt zu erklären. Gegen diese Ausführungen richtete 
sich die von der Stadt Saarbrücken beim Reichsgericht 
eingelegte Revision. Der höchste Gerichtshof fand jedoch 
die Entscheidung der Vorinstanz bedenkenfrei und wies 
das Rechtsmittel zurück, sodaß die Stadtgemeinde schaden 
ersatzpflichtig bleibt. 
Standesinteressen 
Von einem Bautechniker des mittleren Beamtendienstes 
wird uns zu der gegenwärtig schwebenden Titel- und 
Vorbildungsfrage geschrieben: 
Obwohl ich selbst nicht im Besitz des Berechtigungs 
scheins für den Einjährig-freiwilligen Militärdienst bin, 
^ so habe ich doch aus Erfahrung die feste Ueberzeugung 
gewonnen, daß eine Besserung unseres Standes nur 
durch die Vorschriften einer besseren Vorbildung erreicht 
werden kann, ja, daß die Einführung einer solchen Vor 
schrift eine überaus wichtige sogar Lebensfrage für 
unseren Stand bildet. Ich gehe davon aus, daß es jedem 
im Staatsdienst stehenden Kollegen, ob er nun das Ein 
unseren Bestrebungen gerecht zu werden. Wenn wir in 
dieser Hinsicht nicht stehen bleiben wollen, so müssen 
wir die Regierung zu überzeugen wissen, daß eine Bes 
serung unseres Standes nur eintreten kann, wenn die 
Bestimmungen für die Zulassung zur Bauwerkmeister 
prüfung dahin abgeändert werden, daß eben ein jeder 
Kanditat im Besitze des Einjährigen sein muß. Bekannt 
lich ist man aber in den maßgebenden Kreisen gegen 
eine solche Bestimmung, weil man, wie es heißt, den 
tüchtigen jungen Leuten, namentlich denen vom Lande, 
den Zugang zum technischen Studium nicht absperren 
dürfe. Solche Fälle werden aber heute als Ausnahmen 
zu betrachten sein, nachdem doch fast in jeder Oberamts 
stadt Gelegenheit geboten ist, das „Einjährige" zu machen. 
Um aber den jungen tüchtigen Leuten auch ohne Ein 
jähriges den Besuch der Baugewerkschule zu ermöglichen, 
geht mein Vorschlag dahin, diesen die Klassen 1—4 
offen zu halten, damit sie als tüchtige Bauführer mit 
einer Abgangsprüfung ähnlich der Diplomprüfung für 
Ausländer aus der Anstalt hervorgehen können. Diese 
sollten den Titel Werkmeister oder Bauwerkmeister erhalten. 
(Dieser Vorschlag wird wohl nicht durchführbar sein 
die Red.) Als freie Wahlfächer wären in den Klassen 
1—3 allgemein bildender Unterricht und Sprachen in 
dem Maße zu erteilen, daß den Besuchern ohne weitere 
Geld- und Zeitopfer es ermöglicht würde, das Einjährige 
nachzuholen. Diejenigen Besucher aber der Baugewerk
	        

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