Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1917/18)

4 
BAUZEITUNO 
Nr. 1/3 
Baunebengewerben üblichen Tarifverträge verbürgen bei 
der jetzigen Rechtsunsicherheit des Tarivertragswesens 
und bei der durch § 152 2 RGO. bedingten Rechtlosigkeit 
der die Verträge abschließenden Berufsvereine den Wirt 
schaftsfrieden nicht in ausreichender Weise. Der Reichs 
bund erachtet daher eine umgehende gesetzliche Regelung 
der Tarifvertäge für wünschenswert, die zwar einen Zwang 
zum Abschluß von Tarifverträgen nicht vorschreibt, aber 
diejenigen Gewerbe, welche Tarifverträge abschließen wol 
len, während der Vertragsdauer vor jeder Störung des 
Arbeitsfriedens durch tarifwidrige Forderungen und vor 
Arbeitseinstellung unbedingt schützt, indem sie die Berufs 
vereine für Tarifverletzungen, die sie oder ihre Mit 
glieder begehen, haftbar macht. In dem Tarifvertrags 
gesetz wäre die in der Praxis bereits größtenteils aner 
kannte Unabdingbarkeit der Tarifverträge festzulegen und 
zu fordern, daß die eigentlichen Arbeitsbedingungen (Ar 
beitszeit, Arbeitsleistung, Arbeitslohn) in den Verträgen 
bestimmt als Höchst- Einheits- oder Mindestmaß bezeich 
net werden, damit in Zukunft in Streitfällen nicht mehr 
unberechtigter Weise von den Arbeiterverbänden behaup 
tet werden kann, die tariflichen Leistungen des Arbeit- 
von Tarif Streitigkeiten und Arbeitsdifferenzen, die nicht 
durch die zuständigen Instanzen der Tarifverträge erledigt 
werden können, lehnt der Reichsbund ab, da er nach den 
schlechten Erfahrungen mit den Schlichtungsstellen des 
Hilfdienstgesetzes befürchten muß, daß die Vorsitzenden 
derartiger Stellen nicht für strikte Durchführung der Tarif 
verträge sorgen, sondern auch tarifwidrige Forderungen 
der Arbeiterverbände unterstützen werden. Viel zweck 
mäßiger zur Sicherung des Arbeitsfriedens ist die vor 
erwähnte gesetzliche Regelung der Tarifverträge. 
Daß mit der Außerkraftsetzung des Hilfsdienstgesetzes 
auch wieder die Einrichtung der Arbeiter- und Angestellten 
ausschüsse in Betrieben mit mehr als 50 Arbeitern oder 
Angestellten beseitigt wird, muß entgegen dem von Arbeiter 
seite gestellten Verlangen auf Beibehaltung dieser Aus 
schüsse ohne weiteres erwartet werden. In den Tarif 
gewerben besonders sind derartige Ausschüsse vollständig 
überflüssig, da alle Streitigkeiten von den Tarifinstanzen 
geschlichtet werden. 
Die Errichtung von Arbeitskammern erscheint für das 
Baugewerbe und die Baunebengewerbe überflüssig, so 
lange das Tarifvertragsverhältnis zwischen Arbeitgebern 
Bild 4 
Dorf-Brunnen 
in La Selve. 
gebers seien das Mindestmaß, die tariflichen Leistungen 
des Arbeitnehmers das Höchstmaß der Verpflichtungen. 
Die Rechtlosigkeit der Berufsvereine ihren eigenen Mit 
gliedern gegenüber muß gleichzeitig beseitgt werden. Der 
Reichsverband baugewerblicher Arbeitgeberverbände for 
dert daher erneut die Aufhebung des § 152 2 RGO. oder 
mindestens Aenderung dieses Paragraphen dahin, daß den 
Berufsvereinen ein klagbares Recht auf Erfüllung ihrer 
Satzungen zugestanden wird. Nur wenn dieser Forderung 
der Arbeitgeberverbände stattgegeben wird, können diese 
ihre Bedenken gegen die von den Gewerkschaften ver 
langte Aufhebung des § 153 RGO., welche zu einer er 
heblichen Stärkung der Gewerkschaften führen würde, 
zurückstellen. 
Das Tarifvertrags wesen im Baugewerbe hat während 
der Kriegszeit durch störende Eingriffe der in Tarifan 
gelegenheiten meist unerfahrenen Vorsitzenden der Schlich 
tungsausschüsse des Hilfsdienstgesetzes erheblichen Scha 
den erlitten. Der Reichsbund setzt als selbstverständlich 
voraus, daß das Hilfsdienstgesetz mit Beendigung des 
Krieges sofort außer Kraft gesetzt und damit auch die 
Schlichtungsausschüsse beseitigt werden. Die von den 
Gewerkschaften geforderte Einsetzung „amtlicher Schlich 
tungsstellen auf paritätischer Grundlage“ zur Schlichtung 
und Arbeitnehmern weiterbesteht. Die Errichtung würde 
dem Gewerbe nur neue Kosten aufbürden, die nach dem 
jahrelangen Darniederliegen des Baugewerbes besonders 
schwer empfunden werden würden. So wünschenswert 
die Betätigung gemeinsamer Interessen durch Arbeitgeber- 
und Arbeitnehmervertreter ist, so außerordentlich schwer 
ist sie in der Praxis durchzuführen. 
III. Regelung der Arbeitslöhne. Der Reichsbund 
baugewerblicher Arbeitgeberverbände ist von jeher dafür 
eingetreten, daß dem tüchtigen Arbeiter ein auskömmlicher 
Lohn gezahlt wird. Er ist der Ansicht, daß die Kriegsteil 
nehmer, denen der Dank des Vaterlandes in höchstem 
Maße gebührt, nach der Heimkehr in die Lage versetzt 
werden müssen, aus eigener Kraft für den Lebensunter 
halt ihrer Familien in ausreichender Weise zu sorgen. 
Nur durch feste Regelung der Arbeitslöhne, die ein sprung 
haftes Fallen und Steigen der Löhne ausschließt, wird es 
möglich, einen sonst bei übergroßem Arbeiterangebot in 
der Uebergangszeit wahrscheinlichen plötzlichen Sturz der 
Arbeitslöhne abzuwenden. Zu derartigen tariflichen Ver 
einbarungen und damit zum Verzicht auf die Ausnützung 
einer für die Unternehmer günstigen Lage werden die im 
Reichsbund vereinigten Gewerbe, soweit sie bisher schon 
Tarifverträge abgeschlossen haben, weiterhin aber nur
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.