Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1917/18)

Der. 1918. 
BAUZEITUNG 
67 
Die Ausführung von Notstandsarbeiten nach 
dem Selbstkostenverfahren 
von 
Stadtbaurat Dr. Ing. E. Maier und Regierungsbaumeister 
Dr. Ing. K. Späth, Stuttgart. 
Infolge der plötzlich veränderten politischen Lage 
unseres Vaterlandes sehen sich die staatlichen und in 
sonderheit die städt. Verwaltungen vor die vordringliche 
Aufgabe gestellt, der durch die rasche Demobilmachung 
zu erwartenden Arbeitslosigkeit durch Schaffung hinreichen 
der Arbeitsgelegenheit rechtzeitig vorzubeugen. Es steht 
außer Zweifel, daß es gerade die großen und größeren 
Städte sind, in welche sich der Hauptstrom der Arbeits 
losen jeglicher Art auf der Suche nach Arbeit ergießen 
wird. Neben den frei werdenden Arbeitern der Rüstungs 
industrie werden viele kleine Handwerker in der ersten Zeit 
der Uebergangswirtschaft ohne Beschäftigung sein, sei 
es aus Mangel an Rohstoffen, sei es aus Mangel an Auf 
trägen infolge des Darniederliegens von Handel und Ge 
werbe. Es gilt also für die einzelnen Verwaltungen, in 
beschleunigtem Maße die erforderliche Arbeitsgelegen 
heit zu schaffen. Viele während des Krieges zurückge 
stellten Arbeiten und Projekte müssen daher zur als 
baldigen Ausführung bestimmt werden. Ein entsprechen 
der Erfolg in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird 
jedoch nur dann erreicht werden, wenn die Vergebung 
der Bauarbeiten so geregelt wird, daß möglichst viele 
ungelernte Arbeiter, denn um solche wird es sich in der 
Hauptsache handeln, Beschäftigung finden. Es bedarf 
keiner weiteren Ausführungen, daß an eine freie Vergebung 
der Notstandsarbeiten an einen Unternehmer nach dem 
bisher geübten Akkordverfahren im Hinblick auf die vor 
liegenden besonderen Verhältnisse nicht gedacht werden 
kann. Auch ist der Unternehmer bei der Unsicherheit 
der Löhne keineswegs in der Lage, bindende Angebote 
für größere und langdauernde Arbeiten abzugeben. Es 
ist. daher die Durchführung der Notstandsarbeiten so zu 
regeln, daß einesteils die Beschäftigung einer größtmög 
lichen Anzahl Arbeitsloser gesichert wird und andern- 
teils das Interesse sowohl der Bauverwaltung wie des 
Unternehmers genügend gewahrt wird. Eine derartige 
Regelung wurde vor kurzem anläßlich der Vergebung 
der Erdarbeiten — es handelt sich vorerst um 160000 
cbm Aushub — für idie Neckarverlegung in Untertürkheim 
getroffen und in einer Vereinbarung zwischen der Bau 
verwaltung und dem Unnternehmer zusammengefaßl, deren 
wesentlicher Inhalt mit Rücksicht auf das Interesse, das 
diese Frage in Fachkreisen allgemein beanspruchen dürfte, 
im folgenden mitgeteilt sein soll: 
§ 1. 
Der Unternehmer hat sämtliche, ihm von der Bauverwaltung 
bezw. vom städt. Arbeitsamt Stuttgart zugewiesenen Arbeitskräfte, 
gelernte und ungelernte, ohne Racksicht auf die körperliche Leistungs 
fähigkeit in dem Umfange auf der Baustelle zu beschäftigen, als es 
die ungehinderte Ausführung der Arbeiten überhaupt zulässt. 
Im Falle des späteren Nachlassens der allgemeinen Arbeitslosig 
keit geschieht das Abstossen der untauglichen Arbeitskräfte auf An 
trag des Unternehmers nur im Einverständnis der Bauverwaltnng. 
Der Unternehmer hat den Arbeitern auskömmliche Löhne bezw. 
die von der Bauverwaltung vorzuschreibenden Löhne zu bezahlen. 
§ 2. 
Die Bauverwaltung ersetzt dem Unternehmer gegen Nachweis 
ohne jeglichen Verwalfungszuschlag die folgenden Auslagen: 
a) sämtliche Löhne und Gehälter der auf der Baustelle beschäf 
tigten Arbeiter und Angestellten, deren Entlohnung ausschliess 
lich durch den Unternehmer geschieht, der der Bauverwaltung 
in regelmässigen Zeitabständen auf Verlangen auch jederzeit 
die Originallisten über die Entlohnungen zwecks Anerkennung 
und Verrechnung vorzulegen hat. 
b. ) sämtliche auf der Baustelle anfallenden gesetzlichen und üb 
lichen Privat-Versicherungen u. ä.; 
c. ) sämtliche auf der Baustelle zur Verwendung kommenden 
Bau- u. Betriebsstoffe, vor deren Anschaffung, soweit möglich, 
die Einwilligung der Bauverwaltung einzuholen ist; 
d) sämtliche zur Baustelle gehörigen Einrichtungen, Büros, Hütten, 
Werkstätten, Holz für Betrieb und Profilierung u. ä. 
Soweit bei § 2 c) und d) gebrauchte, im Eigentum des Un 
ternehmers befindliche Gegenstände in Betracht kommen, wird 
deren Wert durch vorherige Schätzung im gegenseitigen Be 
nehmen bestimmt, im Streitfälle entscheidet entgültig der in 
Ziff. 7 genannte unparteiische Sachverständige. 
e) Die auf Kosten der Bauverwaltung gern. Ziff. c) und d) zu be 
schaffenden Gegenstände hat der Unternehmer im Einverständ 
nis mit der Bauverwaltung anzuschaffen und sie auf deren 
Verlangen nach Beendigung der Bauarbeiten zu einem in bei 
derseitigem Einverständnis festgestellten Preis zurückzuneh 
men. Im Streitfall entscheidet auch hier der in Ziffer 7 ge 
nannte Sachverständige. Soweit die Gegenstände vom Un 
ternehmer aus seinen Beständen geliefert waren, kann der 
Unternehmer Rückgabe nach Beendigung des Geschäfts ver 
langen. 
§3. 
Der Unternehmer stellt alles Kleingerät in der erforderlichen 
genügenden Menge. Unter Kleingerät wird das Handwerks 
zeug verstanden, das der Arbeiter beim Wechsel einer Bau 
stelle mitzubringen pflegt, also Pickel, Schaufel, Meissel, 
Hammer u. a. mehr, dagegen nicht Schubkarren. 
Als Entschädigung für die Anschaffung und Abnützung des 
Kleingeräts erhält der Unternehmer . .«/ 0 aus der Summe der auf 
der Baustelle anfallenden Löhne der Arbeiter und Vorarbeiter. 
Die Gehälter der Bauführer, Werkmeister und sonstiger An 
gestellte des Unternehmers, die mit Handhabung des Klein 
geräts nichts zu tun haben, bleiben in der für die Entschä 
digung maßgebenden Lohnsumme unberücksichtigt. Die lau 
fende Unterhaltung des Kleingeräts bezahlt die Bauverwaltung. 
Beifuhr des Kleingeräts zur und von der Baustelle geht 
zu Lasten der Bauverwaltung. 
§4. 
Der Unternehmer hat das gesammte Großgeräte, wie Schub 
karren, Rollbahnmaterial, Maschinen u. a. in dem erforder 
lichen Umfange zu stellen, soweit die Bauverwaltung nicht 
selbst eigene Großgeräte mit verwendet. 
Als Entschädigung für die Gestellung, Abnützung und Ab 
schreibung der im Eigentum des Unternehmers befindlichen 
Großgeräte erhält der Unternehmer einen für die ersten 3 
Monate vom Baubeginn an gleichbleibenden festen Zinssatz 
von je °/o aus dem geschätzten Wert der einzelnen Gegen 
stände. Dieser Zinssatz wird nach Ablauf der ersten 3 Monate 
für jeden folg, angef. Monat ebenfalls auf ®/ 0 festgesetzt. 
Der Schätzungswert der einzelnen Großgeräte wird im 
gegenseitigen Einvernehmen von Fall zu Fall festgesetzt. 
Im Streitfall entscheidet wiederum der unter Ziffer 7 genannte 
unparteiische Sachverständige. 
Sämtliche Ausbesserungen des Großgeräts werden, auch 
soweit sie ausserhalb der Baustelle vorgenommen werden, 
gegen Nachweis der tatsächlichen Auslagen des Unternehmers 
ohne Verdienstruschlag durch die Bauverwaltung bezahlt. 
Dasselbe gilt bezüglich aller der für die Großgeräte erfor 
derlichen Materialien u. a. Wird durch die Ausbesserungen 
ein erheblicher Mehrwert des Großgeräts bei Aufhören des 
Geschäfts erzielt, so wird dieser Mehrwert durch den un 
parteiischen Sachverständigen festgesetzt und vom Unter 
nehmer der Bauverwaltung vergütet. 
Bei- und Abfuhr des Gerätes zur Baustelle ab Standort 
und zurück zum Lagerplatz geht zu Lasten der Bauverwaltung. 
Die Miete beginnt mit dem Tag des Abgangs vom Standort 
und endigt mit dem Tag des Eintreffens auf dem Lagerplatz, 
Evtl. Reparaturzeit nach Beendigung des Geschäfts zählt nicht 
zur Mietezeit.
	        

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