Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1917/18)

70 
BAUZE1TUNG 
Nr. 51/52 
schulen und der Behörden sein, davon Kenntnis zu neh 
men und die vorhandenen Einrichtungen zu überprüfen. 
Wir wollen uns hier nur über die Richtung unterhalten, 
welche für die Erziehung der Architekten wichtig ist. 
Und diese führt uns wieder auf die antike Baukunst 
zurück. 
Aber nicht, daß wir nun unbesehen wieder die alten 
Motive des Säulenbaues zu maßgebenden Normen für 
unsere Raumformen verwenden müßten. Das meinen wir 
nicht. Die antike Baukunst soll uns vielmehr ein Spiegel 
sein, darinnen wir am klarsten sehen können, was einen 
Stil ausmacht. Gerade weil wir die Vollendung und die 
typische Geltung des antiken Säulenbaus bewundern, 
weil wir uns stets wieder von seinen Reizen angezogen 
fühlen, gerade deshalb ist es unsere Pflicht als Lehrer 
und Künstler, ihn genau zu kennen, sofern wir eben auch 
große und dauernde Leistungen hervorbringen wollen, 
was ich als selbstverständliches Ziel unseres • Streben 
voraussetze. 
Bei der Betrachtung der antiken Baukunst ergeben 
sich für unser Schaffen mancherlei Richtlinien. Die wich 
tigste ist; Großes und Größtes in der Baukunst ensteht 
durch Stetigkeit, nicht durch ein Uebertrumpfen durch 
neue Einfälle, durch Launenhaftigkeit und Phantasterei. 
Aber gerade diese Eigenschaften kennzeichneten unsere 
baulichen Leistungen vor dem Kriege fast ausschließlich. 
Jeder versuchte an sich gleiche Aufgaben auf eine neue 
Art zu lösen. Welch ungeheure Arbeit wird durch sol 
ches Tun verbraucht, ohne daß in jedem Falle Befriedi 
gendes geleistet wird. Wir haben uns fortwährend gegen 
die Bildung von Typen gesträubt. Die antike Baukunst 
lehrt uns aber, daß nur durch eine Verbesserung eines 
bereits geschaffenen Typs, durch eine fortwährende, stets 
neue ernsthafte Beschäftigung in der gleichen Richtung 
ein vollendetes Kunstwerk entsteht. Es kommt also 
nicht so sehr auf neue Erfindungen an, als auf ein sorg 
fältiges Ausarbeiten und Weiterentwickeln des schon Ge 
gebenen — eine Art künstlerische Z u ch t w a hl! 
Nicht daß vielerlei Originelles geleistet werde, sondern 
etwas wirklich Vollkommenes. Daß jeder bei uns am 
eigenen Strick zog, geschah aus Eigenbrödelei; daß aber 
auch wir fähig sind, uns auf ein künstlerisches Ziel zu 
einigen, haben uns die Gotik und der deutsche Barock 
bewiesen. Wir brauchen wieder künstlerische Selbstzucht. 
Die Eigenbrödelei muß also überwunden werden können. 
Sehr oft wurde sie aber auch eine Art Reklame der künst 
lerischen Individualität — man sollte vom Publikum so 
gleich erkannt und gebührlich beachtet werden. Daß dies 
vom Uebel ist, lehrt uns neben dem traurigen Erfolg, 
nämlich der chaotischen Unruhe unserer Straßen- und 
Stadtbilder, wieder die Antike. Dort tritt die Einzel 
leistung zurück hinter der Gesamtleistung. Es fällt schwer, 
trotzdem uns viele griechische Architekten bekannt sind, 
sie als Künstler in ihren Werken zu charakterisieren. Sie 
haben sich alle der Gesamtordnung unterworfen und nur 
durch Steigern und Ueberbieten des Vorhandenen, sei es 
in den Verhältnissen oder in der Feinheit der Durch 
führung, oder im Schmuck, oder in technischen Dingen 
die früheren Leistungen zu übertreffen gesucht. Hätten 
die Griechen so gebaut, wie wir bis vor dem Krieg, so 
hätte es niemals eine antike Baukunst gegeben, die noch 
nach zweitausend Jahren fortwirkt, und alles künstlerische 
Tun nachhaltig beeinflußt. Der griechische Tempel stünde 
nicht in ewiger Schönheit vor uns, wenn nicht Generationen 
von Künstlern an seinem Werdegang gearbeitet hätten. 
Aber man wird einwerfen: Wie soll das bei uns 
möglich sein? Wir bauen nicht nur Tempel und Hallen, 
oder vielleicht noch Theater und Wohnhäuser, wie die 
alten Griechen. Unsere Bauaufgaben sind außerordent 
lich vielseitig, kaum eine gleicht der andern. Nur beim 
Wohnhaus mögen unter gleichen Bedingungen gleiche 
Lösungen am Platze sein. Daß in unserer Zeit die Typen 
bildung schwieriger ist, muß zugegeben werden, um so 
wertvoller aber wird sie sein und um so notwendiger. 
Beim Wohnhausbau ist eine gute Durchbildung von Typen 
jetzt schon höchste Notwendigkeit. Aber selbst für viele 
andere Bauaufgaben ließen sich in Anlehnung an Vor 
handenes und Erprobtes Typen schaffen. Warum muß 
jede Stadt wieder besondere Anforderungen an ihre Ver 
waltungsgebäude, ihre Theater, an ihre Schulhäuser, ihre 
Kirchen stellen, wo doch ihre Zweckbestimmung genau 
auf den gleichen Grundlagen aufgebaut ist. War man 
z. B. bei den an sich künstlerisch sehr unerfreulichen 
Typen der früheren Theaterbaufirma Fellner & Hellmar in 
Wien besser daran als heute, wo immer wieder neue Ver 
suche gemacht werden, und man das Problem bald von 
der Bühne aus, bald vom Zuschauerraum aus angreift? 
Bei Spitälern und Krankenhäusern kommt man unter ähn 
lichen Bedingungen immer wieder zu ähnlichen Lösungen. 
Warum muß dann eine möglichst individuelle Fassade 
darüber hinwegtäuschen? Die Antike lehrt uns also ein 
Drittes: Die Notwendigkeit der Ty p en bildung im 
Großen und im Kleinen. Sind Typen vorhanden, so können 
sie von untergeordneten Kräften wiederholt werden, da 
durch wird das Handwerk und die Herstellung guter Fabrik 
ware gefördert. Das ist wirtschaftlich und sachlich wichtig, 
denn nach dem Kriege werden wir sehr sparsam bauen 
müssen. Die Typen aber werden von den Künstlern immer 
wieder verbessert und neuen Verhältnissen angepaßt. Aber 
noch mehr! Die Notwendigkeit der Typenbildung, die 
künstlerisch und wirtschaftlich unbedingt zu fordern ist, 
führt zur Beschränkung unserer Bauaufgaben. Statt diese 
durch allerhand Nebenzwecke umständlich und künstlerisch 
kaum lösbar zu machen, müssen wir sie vereinfachen, 
das nicht zusammengehörende trennen, die Ansprüche 
an allzuviel Möglichkeiten der Verwendung herabsetzen. 
Ausstellungshallen, Konzertsäle und Speiseräume mit aller 
nötigen Zubehör können niemals befriedigend unter ein 
Dach gebracht werden. Die Klarheit der Raumanordnung 
ist bei öffentlichen Gebäuden noch viel wichtiger als bei 
privaten; sie muß oberstes Prinzip sein. Je überladener 
die Bauaufgabe ist, um so unwahrscheinlicher ist eine 
gute, allgemein verständliche Lösung. Zu fordern sind 
deshalb möglichst eindeutige Bauaufgaben; nur sie lassen 
sich zu einheitlichen Organismen ausbilden, die dann als 
Typen wieder weiter wirksam sind. Denn nur äußerst 
selten wird es Künstler geben, die auch vielseitigen Bau 
programmen gerecht werden können. Was bisher an 
großen Konzert- und Ausstellungshallen in den letzten 
Jahren entstanden ist, beweist zur Genüge, daß mit der 
Häufung von Zwecken unsere schönsten Bauaufgaben zu 
Kompromißungeheuern geworden sind. Es gilt auch in 
der Baukunst das alte Sprichwort: Divide et impera. 
(Zerteil’ es erst, wenn du das Ganze beherrschen willst.) 
Das einzusehen und darnach zu handeln ist Pflicht der 
Architekten, aber auch Sache der Einzelpersonen und der 
auftraggebenden Behörden. Weise Beschränkung und 
größte Klarheit der Anordnung wird unsere baulichen 
Leistungen auszeichnen müssen. (Schluß folgt.) 
Zu dem Artikel: „Die Einführung der 
geschlossenen Bauweise“ 
wird uns geschrieben: 
ln Nr. 43/46 Seite 62 zweite Spalte Zeile 7—11 
Ihrer Zeitschrift ist der Satz enthalten: 
„Zwei benachbarte Gebäude müssen somit nach der neuen 
Satzung mindestens 2X2 = 4 m von einander entfernt bleiben, 
wogegen nach den bisherigen Bestimmungen ein Mindestgebäude 
abstand von 2,4 X 0,6 bezw. von 2 X 1,5 = 3 m genügte.* 
Dieser Satz könnte leicht zu der irrtümlichen An 
schauung verleiten, als ob nach der neuen Satzung nun
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.