Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNG 
Nr. 1/2 
Wirkungskreise die Baukunst den Schau 
platz schaffen, und von dessen Be 
deutung sie Ausdruck geben soll. Es 
wird also wichtig sein, daß der Staat 
und die Gemeinwesen nicht nur Beamte 
erziehen und anstellen, sondern wirk 
liche Künstler zu allen bedeutenderen 
Bauaufgaben des Einzel- und Städte 
baus berufen, Künstler, denen die Mög- 
lichkeit gegeben sein muß, die künst 
lerischen Forderungen des Ortes und 
der Umgebung, des Zweckes und der 
daraus sich ergebenden Qesamtgestal- 
tung ganz zum Ausdruck zu bringen. 
Unsere Staats bauten müssen ähnlich den 
Schöpfungen des 18. Jahrhunderts wie 
der künstlerisch wertvolle Werke sein. 
Solche schafft aber allein eine über 
ragende künstlerische Kraft. Dann erst 
können die Bauten wieder zu Denk 
mälern der besten Gesinnung, zum 
gesteigerten Ausdruck der Empfin 
dung und des eigenen Wollens einer 
Stadt und einer Zeit werden, und 
wieder Heimafwert bekommen, wie unsere alten Kirchen 
und Schlösser. Sie werden uns lieb und vertraut sein, 
weil ein Künstler ein Stück unseres eigenen Empfindens 
wahrhaftig darin verkörpert hat. Und in diesem Sinn 
können wir noch einmal einen Vergleich ziehen mit jener 
Baukunst des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. in Griechen 
land, die das gesteigerte Wollen von kleinen bürgerlichen 
Staatswesen in ihren Tempeln, Hallen, Gymnasien und 
Theatern wiederspiegelt. 
So sehen wir, wie sehr das, was die Antike groß 
und bedeutend machte, was auch in der Renaissance 
wirksam war, etwas allgemein Gütiges ist; das Gesetz 
der Ordnung. Wenn wir Baugeschichte treiben und 
als Unterrichtsfach für wichtig halten, so wollen wir da 
mit nicht nur Kenntnis um des Wissens willen vermitteln, 
sondern wir wollen die künstlerischen Zustände stets auch 
als ein Werkzeug werten, die heutigen Forderungen un 
serer Zeit damit zu begreifen. Die Baugeschichte darf 
an unseren Hochschulen, die Architekten als Beamte und 
als Künstler erziehen sollen, nicht Selbstzweck sein; sie 
hat nicht Vorbilder zu zeigen, sie wird auch niemals ein 
Schönheitsideal wie zu Goethes Zeiten predigen, dem unbe 
dingt zu folgen wäre, denn das wäre ungeschichtlich 
gedacht — und würde ein Hemmnis des eigenen Wol 
lens bedeuten, sondern sie wird überall das Schöne suchen 
und hervorheben und die Umstände so viel als möglich 
erklären. Begrifflich aber kann sie die Schönheit nicht 
fassen. Da gilt das Wort Goethes: „Ohne Enthusias 
mus läßt sich die Kunst weder fassen noch begreifen. 
Wer nicht mit Erstaunen und Bewunder 
ung anfangen will, der findet nicht den 
Zugang ins innere Heiligtum.“ Jede 
künstlerische Tat entspringt der Tiefe 
menschlichen Empfindens, sie ist er 
sehnter, errungener, erkämpfter Aus 
druck menschlicher Vorstellung, kraft 
ungeheuersten Wollens reift sie zur 
Schöpfung und strebt über sich selbst 
hinaus an das göttliche Geheimnis. 
So werden auch die Richtlinien, 
die uns die antike Baukunst gibt, und 
die wir als massgebend für die Forder 
ungen unserer Zeit halten, nichteine neue 
Baukunst bringen aus sich heraus; 
sie können nur Fingerzeige sein, die un 
sere Künstler leiten. Je klarer u. richtiger 
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