Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

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BAUZEITUNG 
Nr. 5/6 
zielen, daß an Stelle des seitherigen schienengleichen 
Uebergangs beim Bahnhof Geislingen eine Unterführung 
treten sollte. 
Für die Entwicklung der Straße war es von Wichtig 
keit, daß Anfetigspunkt und Endpunkt der neuen Steige 
mit einem HöHenunterschied von 180 Meter fast unmittel 
bar übereinander liegen und daß es sich um sehr zer 
schnittene, steile' und felsige Berghänge handelt, welche 
teilweise mit jutaschutt bedeckt sind und teilweise Wassev- 
horizonte zwischdn den einzelnen Juraschichten d und ß, 
: und 4 in Erscheinung treten lassen. 
So ging fast ein Jahrzehnt über die Entwurfsarbeiten 
hinweg. 
Die Linienführung begegnete infolge der Serpentinen 
mannigfachen Einwendungen von Technikern und Laien. 
Bei Berücksichtigung aller technischen und finanziellen 
Gesichtspunkte konnte aber tatsächlich eine bessere Linien 
führung nicht gefunden werden, und so mußte man sich 
mit den Schattenseiten des Entwurfs abfinden. 
Der Höhenlinienplan wurde im letzten Jahr als 
Grundlage für die Einzeichnung von Straßenlinien bei 
einer Prüfung im Baufach verwendet. Es dürfte zwar 
immer Bedenken haben, ob in einem solchen Falle die 
6. Die Ausmündung der Straße in Weiler soll zweck= 
mäßig sein. 
7. Die Straße soll soweit als möglich sommerlich zu 
liegen kommen. 
Bei den Entwurfsarbeiten konnten Ziffer 1—6 fast 
restlos erfüllt werden, dagegen Ziffer 7 nur zum Teil. 
Der Bergabhang, an welchem sich in der Hauptsache die 
Straße entwickelt, liegt größtenteils gegen Nordwesten. 
Nur der oberste Teil der Straße bekommt eine vollständig 
sommerliche Lage. Die Neigung des Bergabhangs und 
seine Ausdehnung zwischen zwei Klingen bot aber die 
günstigste Entwicklungsmöglichkeit, während die in Frage 
kommenden südlichen Berghänge sehr steil und felsig sind 
und nur geringe Entwicklungsmöglickheiten boten. An 
Stelle der Wendeplatten wären in den Halden und den 
vorspringenden Bergnasen scharfe Kurven entstanden, 
deren Radius meist nicht viel größer hätte gemacht werden 
können als an Wendeplatten, oder es wären schlecht über 
sichtliche S-Linien entstanden, die für den Verkehr noch 
schlimmer gewesen wären, als die gut übersichtlichen Ser 
pentinen. 
Die Anordnung der Wendeplatten erforderte ge 
nauestes Studium des Geländes, ebenso die Wasserablei- 
Steige nach Ober 
böhringen im Bau. 
Ausführung einer 
Serpentine (Wendeplattc) 
in den Betafelsen 
des Weißjura. 
Die Serpentine 
liegt im Wasserhorizont 
zwischen Weißjurabeta 
und Alpha. 
Russ. Kriegsgefangene, 
welche beim Bau 
Verwendung fanden. 
richtigen oder besten Lösungen gefunden werden, wenn 
die Kandidaten von der Oertlichkeit keine genaue Kennt 
nis haben und sich auf Theorien beschränken müssen. 
Es wurden auch einzelne Linien als gleichwertig mit den 
Entwurfsplänen erachtet, aber bei einer örtlichen Besich 
tigung hat sich ergeben, daß andere Linien, als die im 
Entwurf festgelegten, auf bedeutende technische Schwie 
rigkeiten stoßen und beträchtliche Mehrkosten verursachen 
würden. 
Für den Entwurf galten folgende Leitsätze: 
1. Es soll ein günstiger Bahnübergang gefunden werden. 
2. Im unteren Teil der Straße soll gleichzeitig Bau 
gelände erschlossen werden. 
3. Die Steigung der Straße soll 6 Prozent nicht wesent 
lich überschreiten, an den Wendeplatten soll sie nur 
2 Prozent betragen, und die Steigung soll gegen oben 
wegen der Ermüdung der Zugtiere abnehmen. 
4. Es soll das für den Straßenbau günstigste Gelände 
herausgesucht werden, damit große Kunstbauten ver 
mieden und Kosten gespart werden. 
5. Die Straße soll bei günstigsten Steigungsverhältnissen 
die kürzeste Verbindung zwischen Geislingen und 
Weiler darstellen. 
tung in dem steilen Gelände bei den mehrfach übereinan 
der liegenden Straßenzügen. 
Nach langen Verhandlungen wurde der von Ober 
amtsstraßenmeister Vatter bearbeitete Entwurf von der 
staatlichen Behörde genehmigt, und dieser soll demnächst 
als Notstandsarbeit zur Ausführung kommen. Die Kosten 
voranschlagssumme betrug nach Friedenspreisen etwa 
130 000 Mark, sie dürfte aber bei den heutigen Verhält 
nissen ein Mehrfaches dieser Summe erreichen. 
Aber es ist immer besser, in den heutigen Zeiten 
nutzbringende Arbeit zu leisten, als Erwerbslosenunter 
stützung zu beziehen und die Hände in den Schoß 
zu legen. 
Die Technik muß vor allem dazu dienen, das gewerb 
liche Leben wieder in Gang zu bringen, sie muß Mittel 
und Wege finden, daß wir wieder billige und zweck 
mäßige Wohnungen bauen können und daß wir durch 
Verbesserung der Verkehrswege dem Handel und Verkehr 
Erleichterung schaffen. 
Nur mit dem energischen Willen zur Arbeit und für 
die Arbeit werden wir die schweren Stunden unserer 
wirtschaftlichen Not überwinden.
	        

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