Volltext: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

Süd- und mitteldeutsche 
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neue Folge der Bauzeitung für Württemberg, Baden, fjessen, 
GsaB-üothringen. 
Gegründet als Württembergisdie Bauzeitung im lahre 1904. 
1./15. Juni 1920 
Inhalt: Die Verwertung der Wasserkraft am Neckar anläßlich des Ausbaus der Schiff 
fahrtsstraße. — Baukunstabteilung und Baukunstrat. — Der württ. Akademiker 
bund. — Rundschau. — Vereinsmitteilungen. — Bücher. — Fragekasten. 
Alle Rechte Vorbehalten. 
Die Verwertung der Wasserkraft am Neckar 
anläßlich des Ausbaus der Schiffahrtsstraße.*) 
von Oberbaurat Dr.-Ing. Maier. *) 
Die Reichsverwaltung hat einen ersten Teil 
betrag für den Ausbau der Schiffahrtsstraße auf dem 
Neckar von Mannheim bis Plochingen genehmigt und da 
mit den Auftrag zum Beginn des für die Uferstaaten des 
Neckars: Baden, Hessen und Württemberg hochbedeut 
samen Werke gegeben. Während noch vor einigen Mona 
ten die Veranstaltungen des südwestdeutschen Kanalver 
eins in den Räumen des Landesgewerbemuseums, die als 
ein mächtiges Bekenntnis des ganzen Volkes zum Kanal 
gedanken ausgesprochen werden durften, einen wesent 
lichen Fortschritt in der jahrzehntelangen Entwicklung des 
Neckarschiffahrtsplans bedeuteten, können wir heute die 
Tatsache verzeichnen, daß die große Idee in die Wirklich 
keit umgesetzt wird. 
Zwei Zwecke sind es, die mit der Kanalisierung des 
Flusses erreicht werden sollten: die Herrichtung der Fluß 
rinne für Aufnahme von Frachtkahnen großer Tragfähig 
keit und die Nutzbarmachung der in dem üefäll desWassers 
liegenden Wasserkraft. Da uns durch die im Friedensver 
trag festgesetzten Ablieferungspflicht an Kohlen nur die 
Hälfte der in der Vorkriegszeit jährlich verbrauchten Koh 
len zur Verfügung steht, ist der Ausbau der Wasserwege 
zur Beförderung von Massengütern mit weit geringerem 
Kraft- bezw. Kohlenaufwand als bei der Eisenbahn und 
die Beschaffung von elektrischem Strom aus Wasserkraft 
als Ersatz für Dampfstrom ein Notwerk zur Wiederauf 
richtung unseres Wirtschaftslebens. Aus dieser Erkenntnis 
heraus ist im Volk und Volksvertretung der einmütige Ent 
schluß erwachsen, die Neckarkanalisierung, die eine Rie 
senunternehmung darstellt, auszuführen. Aber nicht nur 
gefühlsmäßig ist die Zweckmäßigkeit des Kanalbaus aner 
kannt; zahlenmäßig ist festgestellt, daß die Vorteile aus 
dem Unternehmen die Aufwendungen rechtfertigen. In 
der Denkschrift zur Begründung der Anforderung der 
Baugelder bei der Nationalversammlung ist niedergelegt, 
daß nach Vorkriegspreisen dem Bauaufwand von 150 Mil 
lionen Mark der Wert der gewonnenen Wasserkräfte mit 
154 Millionen Mark gegenübersteht, so daß der Vorteil 
der Schiffbarmachung nicht besonders erkauft zu werden 
braucht. Bei dieser überragenden Bedeutung der Wasser 
kräfte für das Unternehmen ist es unerläßlich, ihre Aus 
nützung so zu gestalten, daß ihre restlose Erfassung ge 
sichert ist. Dem Wasserbauingenieur erwächst die Auf 
*) Vortrag gehalten auf der Techniker-Woche. 
gäbe, die Werke für höchste Wirtschaftlichkeit anzulegen. 
Die Maßnahmen für die Schiffahrt sind mit denen der 
Wasserkraftnutzung gleichlaufend, soweit es sich um Her 
stellung großer Staustufen, langer Stauhaltungen und 
reichlicher Wassertiefen handelt, nicht gleichlaufend soweit 
die Abflußbewegung des im Flußbett und den Kanälen 
fließenden Wassers in Frage kommt. Die großen Wasser 
massen, die den Wasserkraftwerken zugeleitet werden, 
müssen so geführt werden, daß die Bewegung der Schiffe 
nicht beeinträchtigt wird. Schiffahrtstreibende und Was 
serbauer müssen einen für beide Zwecke — für Schiffahrt 
und Wasserkraftnutzung — einwandfreien Plan schaffen, 
eine Aufgabe, die neuartig und bei den Flußverhältnissen 
des Neckars nicht leicht ist, die aber ihrer sicheren Lösung 
entgegen geht. In großen Zügen sind für Wasserkraft und 
Schiffahrt folgende Richtlinien maßgebend: 
Das Gefäll des Neckars auf der 212 Kilometer langen 
Strecke von Plochingen bis Mannheim ist 157 Meter, also 
durchschnittlich 0,74 Meter Gefäll auf 1000 Meter Länge. 
Das verhältnismäßig rasch abfließende Wasser bietet für 
die zur Beförderung kommenden großen Kähne mit La 
dungen bis zu 1200 Tonnen und 2,2 Meter Tiefgang keine 
genügende Wassertiefe, ganz besonders trifft dies für 
Stromschnellen zu. Es ist daher nötig, den Fluß von 
Strecke zu Strecke zu größerer Wassertiefe aufzustauen und 
so das bisher durchlaufende "Längsgefäll des Flusses in 
eine Treppe von 20—30 sich aneinander reihender Stau 
stufen umzuwandeln. Eine Mindestwassertiefe von 2,5 
Meter soll dadurch hergestellt werden und während bisher 
kleine Kähne auf der Strecke Mannheim bis Heilbronn nur 
vermittelst der an einer im Fluß liegenden Kette sich em 
porwindenden Schleppdampfers flußauf geschafft werden 
konnten, stehen nach der Kanalisierung horizontale Stau 
haltungen mit genügender Wassertiefe der Großschiffahrt 
zur Verfügung. Die Höhenunterschiede zwischen den 
Stauhaltungen werden von den Schiffen durch Schleusscn 
oder Hebewerke überwunden, das zwischen 2 Staustufen 
sich ergebende Gefäll ist die Grundlage für Erschließung 
von Wasserkräften. Die neu zu fassenden Wasserkräfte 
ergeben außer den bisher im württembergischen Neckar 
lauf schon ausgenützten rund 10 000 Ps. noch 60 000 Ps. 
was einer jährlichen Kohlenersparnis von 10 Millionen 
Zentnern Kohlen gleichkommt. 
Bei der Ueberwindung der Höhenunterschiede zwischen 
den einzelnen Stauhaltungen durch Hebewerke wird kein 
Betriebswasser verbraucht. Zum Füllen der Schleusen 
sind dagegen erhebliche Wassermengen erforderlich, bei 
fortgesetztem Verkehr schätzungsweise 3 cbnFsec., eine 
Wassermenge, welche den Wasserkraftwerken entzogen
	        

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