Volltext : Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

1./15.  Sept.  1920.

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den;  allein  eine  Siedlungsmöglichkeit  wäre  dann  nicht  gegeben. ­
  Der  See  würde  als  Reservoir  für  ■Wasserkraftanlagen ­
  dienen.  Während  des  Auspumpens  müßten  die  zwei
Zuflüsse  im  Ried  intakt  gehalten  werden,  was  die  Wasserundurchlässigkeit ­
  des  Torfs  ermöglichen  läßt,  das  durch
Pumpen  gehobene  Wasser  fließt  durch  die  Wurzacher  Ach
ab.  Die  Wassermenge  wird  sich  nicht  erheblich  ändern.
Alle  diese  mit  der  Entwässerung  zusammenhängenden  Arbeiten ­
  müssen  möglichst  bald  vor  Beginn  der  Torfgewinnung ­
  beendet  sein.
Wenn  nun  die  Entwässerung  auf  die  eine  oder  andere
Weise  erfolgt  ist,  handelt  es  sich  darum,  die  Ausbeutung ­
  und  Nutzbarmachung  in  großzügiger  Weise  vorzunehmen. ­
  Von  der  Gewinnung  mit  Handstich  muß  abgesehen, ­
  das  muß  den  angrenzenden  Besitzern  von  kleineren ­
  Riedparzellen  überlassen  werden.  Es  ist  nicht  uninteressant, ­
  bei  diesem  Stechen  mit  Torfspat  ein  wenig  zu
verweilen.  Während  bis  vor  etwa  60  Jahren  das  Stechen
mit  einer  gewöhnlichen  kurzstieligen  Torfschaufel  und  in
senkrechter  Richtung  geschah,  hat  seitdem  das  Stechen  mit
besonderer  Ohrspate  von  rechtwinkliger  Form  in  horizontaler ­
  Richtung,  das  sog.  Schieben  des  Torfs,  die  Ueberhand
  gewonnen  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  bei  letzterer ­
  Gewinnungsart  die  Torfstücke  od.Soden  einen  größeren ­
  Zusammenhang  behalten,  als  bei  dem  senkrechten
Stich,  bei  dem  die  Stücke  oft  schichtweise  auseinanderfallen
und  zusammenbröckeln.  Ein  gut  geübter  Stecher  fördert
im  Tag  je  nach  vorhandenem  Abraum  der  Oberschicht  und
der  verwitterten  oder  durch  Frost  zerstörten  Teile  und  je
nach  Vorhandensein  von  Wasser  und  Holzwurzeln  3000
bis  6000  Stück,  je  28—33  cm  lang,  10  10  cm  dick,  die
durch  zwei  Hilfskräfte  (jüngere  Leute)  50—100  m  weit  in
Reihen  auf  den  Trockenplatz  gebracht  und  in  sogenannten
Böcken  zu  6  Stück  aufgestellt  werden.  Bei  trockenem
Wetter  werden  diese  Böcke  umgewendet,  und  zwar  nach
2—3  Wochen;  bei  Regenwetter  muß  dies  öfters  geschehen.
Bis  zum  Jahre  1915  wurden  für  1000  Stück  stechen  und
trocknen  2.—  bis  2.50  Mark  bezahlt;  der  Torfstecher  verdiente ­
  täglich  mit  zwei  Schiebern  zirka  12—15  Mark  und
war  mit  seinem  Verdienst  zufrieden.  Das  Leben  dieser  oft
wie  Marokanner  aussehenden  Arbeiter  ist  sehr  einfach.
Ihre  Lebensmittel  steckten  sie  in  kleine  Aushöhlungen  der
Torfwand,  wo  sie  auch  im  heißesten  Sommer  völlig  frisch
blieben.  Jetzt  verlangt  der  Torfarbeiter  den  4—öfachen
Lohn  und  lehnt  alle  Akkordarbeit  ab.  Diese  Art  der  Torfgewinnung ­
  ist  schon  aus  dem  17.  Jahrhundert  bekannt.
Der  Torf  oder,  wie  damals  geschrieben  wurde,  der  Turf
kam  meistens  für  große  Städte  wie  Ulm  usw.  in  Betracht.
Zur  Deckung  des  jetzigen  gewaltigen  Torfbedarfs  ist  aber
nur  der  Maschinenbetrieb  geeignet.  Die  Tagesförderung
eines  mit  Elevator,  Mischmaschine  mit  liegender  Schraubenpresse ­
  und  Ausleger  bestehenden  Torfmaschine  beträgt
etwa  30  000  Stück,  in  günstigen  Fällen  40  000  Stück,  wozu
eine  Mannschaft  von  20—25  Erwachsenen  und  2  bis  3
Jungen  erforderlich  ist.  Die  Gewinnung  stellt  sich  also
nicht  billiger  als  beim  Handstich.  Der  Hauptvorteil  des
Maschinentorfes  besteht  in  gleichmäßiger  Mischung  der
verschiedenen  Torfsorten,  Erzeugung  von  größeren  und
kompakteren  Torfstücken  mit  einem  spezifischen  Gewicht
von  0,9—1,2  und  eine  Brennkraft  bis  5000  Kalorien.  Entscheidend ­
  für  letztere  ist  der  Wassergehalt  des  Torfes  mit
17—25  Prozent  in  lufttrockenem  Zustand,  der  bei  günstigem ­
  Wetter  mit  Wind  auf  15  Prozent  sinken  kann.  Man
hat  deshalb  Verbesserungen  der  Torfmaschinen  in  der
Richtung  der  schärferen  Auspressung  des  Torfbreies,
durch  künstliche  Trocknung  auf  150—180  Grad  in  erwärmten ­
  Röhren  (letztere  nach  dem  System  Dr.  Eckenberg-Schweden), ­
  wodurch  der  Brennwert  auf  6000  Kalorien ­
  gesteigert  ^vurde,  und  in  neuester  Zeit  durch  andere'
Mittel  (Evarorierung)  versucht,  um  den  Wassergehalt  abzumindern. ­
  Für  den  Bahntransport  fällt  dieser  Wassergehalt ­
  schwer  ins  Gewicht.  Man  denke,  daß  man  z.  B.

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Typ  II.  Vierfamilien-Haus.
beim  Transport  von  7000  Waggons  Torf  mit  20  Prozent
Wassergehalt  etwa  1400  Waggons  Wasser  mitführen  muß.
Wie  oben  schon  angedeutet,  sind  auch  die  Chemiker  der
Lösung  dieser  Frage  näher  getreten,  auch  in  Bezug  auf
die  Gewinnung  von  Nebenprodukten  aus  dem  stark  kohlenstoffhaltigen ­
  Torfwasser,  so  daß  wohl  mit  Sicherheit
auf  brauchbare  Verbesserungen  gerechnet  werden  kann.
Wegen  der  Lage  des  Bahnhofs  Wurzach  ist  es  angezeigt, ­
  bei  der  Maschinentorfgewinnung  die  Hauptangriffslinie ­
  des  Rieds  in  nicht  zu  weiter  Entfernung  von  demselben ­
  zu  legen,  damit  nicht  für  die  Anschlußgeleise  eine
zu  große  Länge  nötig  wird.  Sodann  wird  die  Anlage
eines  eigenen  Elektrizitätswerkes  ins  Auge  zu  fassen  sein,
wobei  Dampfbetrieb  mit  minderwertigem  Torf  zur  Verwendung ­
  kommen  kann,  ähnlich  wie  im  Norddeutschen
Braunkohlengebiet,  wo  große  Elektrizitätswerke  mitten
hineingesetzt  wurden  und  in  ausgedehnter  Weise  zur
Kraft-  und  I  ichtversorgung  dienen.  Ein  Elektrizitätswerk
ist  schon  für  den  Antrieb  von  etwa  20  erforderlichen  Torfmaschinen ­
  nötig,  kann  aber  auch  für  Pumpanlagen  und
Bahnbetrieb  die  Kraft  liefern.  Es  sind  somit  alle  Voraussetzungen ­
  für  eine  großzügige  Inbetriebnahme  gegeben.
Im  ersten  Jahre  wird  die  Torfausbeutung  noch  kleiner
bleiben,  aber  wenn  Arbeiter  und  Torfmaschinen  genügend
vorhanden  sind,  läßt  sich  die  Jahresleistung  auf  4000  bis
6000  Waggons  jährlich  steigern  und  wird  damit  das  vom
Reichsmoorsachverständigen  Dr.  Birk  nach  flüchtiger  Einsichtnahme ­
  des  Rieds  in  Aussicht  gestellte  Jahresquantum
bedeutend  übersteigen.  Wenn  man  an  eine  weitere  Ausnützung ­
  des  Rieds  gehen  will,  so  läßt  sich  auch  an  die
Anlage  von  Moorbädern  denken  wie  in  Aibling.
Nach  den  Ausführungen  über  die  schwierige  Entwässerung ­
  oder  Auspumpung  des  Rieds  ist  eine  baldige  S  i  edelungsmöglichkeit
  nicht  in  Aussicht  zu  nehmen. ­
  da  der  Abbau  des  Rieds  nicht  allseitig  und  ringsum
erfolgen  wird  und  die  Vollendung  desselben  je  nach  der
Betriebsintensivität,  die  von  so  verschied.  Zeitverhältnissen
abhängt,  mindestens  60  Jahre  erfordert.  Für  Ansiedlungen
wäre  übrigens  in  den  umliegenden  angrenzenden  Wiesflächen
  von  meist  geringerem  Wert  genügend  Areal  zu
haben.  Von  den  hiezu  nötigen  Baumaterialien  könnte  zum
Beispiel  Lehm  an  Ort  und  Stelle  gewonnen  werden  zur
Erzeugung  von  Ziegelwaren.  Schon  1750/60  hat  ein  Graf
Waldburg-Wurzach  versucht,  Ansiedlungen  am  Ried  behufs ­
  dessen  LIrbarmachung  zustande  zu  bringen;  er  wollte
dort  zu  diesem  Zweck  eine  größere  Kolonie  gründen,  was
aber  nur  mit  sieben  Familien  gelang,  die  jetzt  in  der  Bevölkerung ­
  aufgegangen  sind.  Noch  vor  wenigen  Jahren
war  ein  solcher  Siedler  in  einem  alten  Eisenbahnwagen
            
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