Süd- und lllitteldeutsdie 
1/15. Juni 1919 
BTOifä 
Heue folge der Bauzeitung für Württemberg, Baden, fj 
flsaß-üothringen. 
Gegründet als Würtlembergische Bauzeilung im lahre 1904. 
Inhalt; Zimmermann und Baumeister. II. — Erleichterungen baupolizeilicher Anfor 
derungen. — Die Elektrizitätswirtschaft in Baden. — Zum 50. Geburtstag von 
Prof. Hermann Jansen. — Deutscher Architektentag. — Der Cannstatter Sauer 
wassertuff. — Rundschau. — Wettbewerbe. — Vereinsmitteilungen. — Personal. 
Alle Rechte Vorbehalten. 
Zimmermann und Baumeister. 
II. 
Wir haben das letzte Mal vom Zimmerhandwerk als 
dem ursprünglichsten auf deutschem Boden, vom Zimmer 
mann als dem ersten deutschen Baumeister gesprochen und 
behauptet, daß unsere deutsche Kunstwissenschaft, wobei 
vor allem an den Zweig von ihr gedacht wird, der an den 
hohen und tiefen Bauschulen als Baugeschichte und auch 
Bauformen gelehrt wird, davon nicht viel zu .erzählen 
weiß. Wir könnten natürlich in mancher Hinsicht mit 
noch viel mehr Recht, den Steinhauer, wenn auch nicht 
für den ersten deutschen Häuserbauer, so doch für den 
ersten Erhabenheitsbaumeister anführen (dessen gotische 
Münster aber nichts als eine Uebersetzung der Holzkunst 
des Zimmermanns und des Geistes der Pflanze in Stein 
waren); und wir wissen auch, daß im Mittelalter auch 
schon der Maurer sich zum Baumeister und selbst Bau 
künstler erhub. Alle diese Nachweise führten aber zu weh, 
wir wollen unsere Kraft nicht teilen und im großen ganzen 
bei dem Zimmermann als dem urtümlichsten und dem 
Zimmerhandwerk als dem deutschesten bleiben. 
Es steht da nun vor allem die Frage: warum erfährt 
der junge deutsche Baulernende in Hoch- und Bauschule 
nichts von diesen ersten deutschen Baumeistern und ihren 
Künsten ? Die drei Rückenwirbel unseres Baues sind doch 
bis heute der Zimmermann, der Maurer und der Stein- 
hauer, und aus unserem Handwerk entwickelte sich unsere 
Baukunst; warum hören wir da nichts von ihm und seinen 
Anfängen auf deutschem Boden? Es ist doch die Auf 
gabe der Baugeschichte, in die Urgedanken der Kunst und 
der Künstler einzuführen, warum hören wir nun wohl von 
dem Felsgrab zu Gizeh, vom Schatzhaus des Atreus mit 
seiner vielberühmten Kragwölbung, von der Zierkunst der 
Mykener, aber niemals etwas von den Urkunstgedanken 
auf deutschem Boden, die uns doch sicher näher liegen 
— gleichgültig, ob wir sie den Germanen, den Kelten oder 
den Morgenländern zuschreiben —, von der altgermani 
schen Schmuck- und Erhabenheitskunst, wie sie uns die 
Forschungen Seeßelbergs und des Werdandibunds auf 
decken, von dem geheimnisvollen Zierwerk in Band-, Zick 
zack- und Riemenverschlingungen, von den Sonnendienst 
stätten von gewaltiger Pracht und Höhe, die sie Dolmen 
und keltisch nennen, von den Walburgen, nordischen 
Wehrkirchen und, um wiederum bei dem uns nächstliegen- 
den und dem Ausgangspunkt unserer Ausführungen zu 
landen, von der deutschen und germanischen Zimmer 
mannskunst, deren Vollendung, Schönheit und Ausdrucks 
fähigkeit wir in den norwegischen Stabbaukirchen noch er 
ahnen können? Warum hören wir nichts vom Zimmer 
mann und seiner Axt, vom Steinhauer und seinen geheimen 
Bräuchen und Steinzeichen in den merkwürdigen, hoch 
bedeutsamen Bauhütten, von den Zünften, vom Hand 
werksbrauch und Gewohnheit? Von alledem sollte doch 
ein Baumeister, der immer aus dem Handwerk heraus 
schaffen muß, etwas wissen! Das läge ihm doch minde 
stens näher als das berühmte Zyklopenmauerwerk und 
seine sagenhafte Erklärung und anderes, altes, archäolo 
gisches Gerümpel, das dem jungen Mann auch keinen 
Schimmer in die Nacht seines baulichen Seins zu werfen 
vermag. 
Die Beantwortung dieser Fragen fällt nicht schwer; 
Deshalb wird von den deutschen Urgedanken und Grund 
lagen des deutschen Baues und Bauens nichts gelehrt, weil 
unsere Kunstgelehrten es beim besten Willen einfach nicht 
lehren können, da sie durch höhere Mächte, durch die 
höchste und stärkste Macht der Gewohnheit, durch ihre 
von Jugend an eingesogene, humanistische Welt-, Kunst-, 
Bildungsanschauung unseres höheren Erziehungswesens 
in ihren deutschen Baugedanken, ja in ihrem ganzen kunst 
fühlenden deutschen Blutsmenscnen allmählich so ent- 
deutscht, so ausgeleert wurden, daß sie etwas Blutvolles, 
Eigenes, überhaupt nicht mehr zu sehen, zu fühlen und 
sicn an ihm zu freuen imstande sind. 
Im Gymnasium oder auch in der Realschule fing die 
Humanei an, die Betrachtung der Welt durch die Brille 
des Humanismus: griechisch, lateinisch, griechische und 
römische Geschichte füllte den Lehrplan aus, und mit grie 
chischer und italienischer Kunst setzte sich’s fort, bis mit 
Abschluß der Hochschulbildung der geistige, künstlerische 
Grieche und Romane vollendet war. Wo sollte da, bei 
dieser ganz falschen Bildungseinstellung noch etwas von 
einem deutschen Baumensclien und Schönheitsehen übrig 
bleiben? Wo der Akanthus rauscht, vertrocknet das 
deutsche Dornröschen! Unserer deutschen Kunstwissen 
schaft ist es — ähnlich wie unserer sogenannten Ger 
manistik — gar nicht möglich, die Grundlagen der deut 
schen Gesittung und Kunst zu sehen, richtig zu sehen, 
weil ihre deutschen Grundgefühle allmählich von der hu 
manistischen Welt, aus der sie herauskommen, erstickt 
wurden, weil ihr deutsches Scnönheitsauge erloschen ist, 
das durch ein Glasauge aus griechischem und römischem, 
d. h. klassiktümlichen und aus dem ihm entspringenden ro 
manischen und allgemein welschen Schönheitsehen ersetzt 
wurde. Wenn wir aber zu einer eigenen deutschen Kunst 
in Flöhen und Tiefen kommen wollen, müssen wir zuerst 
wieder unser deutsches Kunst- und ßauauge finden, und 
dazu bietet uns das Handwerk, der einfache, ganz geringe 
Zimmermann, eine Handhabe. Aus den Wurzeln steigt 
immer die eigene und große Kunst, die Oliven, Datteln und
        

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