Volltext : Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

I

beiter  aus  allen  Zukunftsverheißungen  des  sozialistischen
Evangeliums  nichts  herausgelesen,  als  die  irreführende
Parole;  Mehr  Lohn  und  weniger  Arbeit.  Die  Revolution
mit  der  Lösung  aller  Bande  der  Ordnung,  die  sie  im  Gefolge ­
  hatte,  hat  ihm  dazu  verholfen,  diese  Parole  in  die
Tat  umzusetzen,  und  das  Ergebnis  ist  ein  Nachlassen  der
Arbeit  und  ein  Sinken  der  Erzeugung,  das  uns  an  Gütern
immer  ärmer  macht  und,  indem  es  die  Preise  jeder  Ware
in  die  Höhe  treibt  und  auch  die  Ware  Arbeit  immer  teurer
macht,  zugleich  zu  unserer  Zahlungs-  und  Wettbewerbsunfähigkeit ­
  im  Auslande  führt,  was  dann  infolge  des
Mangels  an  Rohstoffen  abermals  auf  unsere  Wirtschaftslage ­
  daheim  verhängnisvoll  zurückwirkt.  Das  gesteigerte
Lohnbedürfnis  und  die  verweigerte  Arbeit  treiben  uns  dem
Abgrunde  der  Verarmung  und  Verelendung  immer  näher,
und  noch  hat  sich  kein  Lenker  gefunden,  der  den  auf
schiefer  Ebene  gleitenden  Wagen  unserer  Wirtschaft  von
dem  sicheren  Sturz  mit  fester  Hand  zurückreißt.
Es  ist  traurig,  daß  weit  und  breit  kein  Arbeiterführer
zu  sehen  ist,  der  dasselbe  Maß  von  Beredsamkeit  und
Scharfsinn,  das  einst  der  Verbreitung  einer  trügerischen
Irrlehre  und  ihrer  Einhämmerung  in  die  Gemüter  gewidmet ­
  wurde,  der  Aufgabe  zuwendet,  das  deutsche  Volk
aus  höchster  Gefahr  zur  Besonnenheit  und  Vernunft  zurückzuführen. ­
  Die  Mehrheitssozialdemokratie  mahnt  in
ihren  Blättern  ebenfalls  theoretisch  dazu,  doch  die  praktische ­
  Bearbeitung  von  Mann  zu  Mann,  von  Angesicht
zu  Angesicht  in  den  Werkstätten  und  Fabriken  fehlt.  In
bürgerlichen  Blättern  findet  sich  manch  gutes  Wort  zur
Bekämpfung  des  Wahnsinns,  der  die  Arbeiterschaft  erfaßt,
aber  immer  bleiben  es  „Briefe,  die  sie  nicht  erreichten“,
Aufsätze  und  Reden,  die  nicht  auf  den  Boden  fallen,  darin
sie  Frucht  tragen  könnten.
In  den  Dresdener  Neuesten  Nachrichten  gibt  G.  Vieweg ­
  (Bremen)  einen  Beweis  gegen  die  Irrlehre,  Sozialisierung ­
  bringe  fühlbare  Arbeitsverringerung  für  den  Arbeiter ­
  bei  besserer  Lebenshaltung,  der  es  wohl  verdiente,
den  mißleiteten  Schichten  mit  aller  Deutlichkeit  eingeprägt
zu  werden.  Wenn  der  Bergmann,  sagt  er,  der  in  einer
Schicht  von  acht  Stunden  bei  guten  Flözverhältnissen  eine
Tonne  Kohlen  förderte,  nur  sieben  Stunden  arbeitet  und
in  diesen  sieben  Stunden  10  Mark  mehr  verdienen  will,
als  bei  acht  Stunden,  so  verteuert  sich  bei  15  Mark  Grundschichtlohn ­
  nach  Adam  Riese  die  Tonne  Kohlen  um  13.50
Mark.  Die  Ansprüche  der  am  Transport,  an  der  Verladung, ­
  an  der  Verkokung  der  Kohle  beteiligten  Arbeiter ­
  erhöhen  diesen  Betrag  weiter  bis  zu  der  phantastischen ­
  Höhe  der  Kohlenpreise,  die  wir  erlebt  haben.  Entsprechend ­
  und  in  abermals  erhöhtem  Maße  verteuert  sich
das  Roheisen,  und  die  Verteuerung  aller  Erzeugnisse
wälzt  sich  auf  diese  Weise  lawinenartig  wachsend  weiter.

Alle  Verbraucher,  die  die  teuren  Preise  anlegen  sollen,
fordern  ihrerseits  wieder  Erhöhung  ihres  Einkommens
bezw.  ihrer  Preise,  ihrer  Löhne.  Der  Verbrauch  wird
mehr  und  mehr  eingeschränkt,  die  Arbeitslosigkeit  wird
immer  größer,  die  Arbeitszeit  muß  weiter  verringert  werden, ­
  um  auch  nur  der  gleichen  Anzahl  von  Arbeitern
weiter  Beschäftigung  zu  geben.  Die  Löhne  müssen  auf
der  eingeschlagenen  falschen  Bahn  weiter  erhöht  werden,
um  bei  verringerter  Arbeitszeit  das  sogenannte  Mindesteinkommen ­
  für  den  Arbeiter  zu  halten.  Die  Preise  aller
Dinge  und  aller  Arbeit  erreichen  eine  Höhe,  die  jedermann
abschreckt  und  veranlaßt,  Neuanschaffungen  an  sich  notwendiger ­
  Dinge  zu  unterlassen  und  zu  versuchen,  alle
Ausbesserungen  und  Reparaturen  selbst  auszuführen-Der
  Bergmann,  der  streikt,  um  eine  Stunde  weniger
als  Bergmann  zu  arbeiten,  setzt  sich  zu  Hause  zwei  Tage
je  drei  Stunden  lang  hin,  um  im  Schweiße  ungewohnter,
ungelernter  Arbeit  sich  seine  Stiefel  selbst  zu  besohlen,
wofür  ein  gelernter  Schuster  nur  zwei  Stunden  gebraucht
hätte,  er  zimmert  einen  Tag  lang  an  einem  zerbrochenen
Stuhl  herum,  für  dessen  Reparatur  der  Tischler  früher
eine  Mark  verlangte,  jetzt  aber  vier  Mark,  versucht,  einem
steinigen  Bauplatz  eine  Kartoffelernte  abzugewinnen,
während  wegen  Arbeitermangel  und  nicht  zu  bezahlender
Lohnforderung  große  Flächen  besten  landwirtschaftlichen
Bodens  nicht  genügend  ausgenutzt  werden.  Der  Bergmann ­
  baut  sich  selbst  einen  neuen  Oartenzaun,  einen
Stall  usw.  und  macht  sich  so  mit  Arbeit,  die  er  nicht  gelernt ­
  hat  und  die  ihm  nicht  von  der  Hand  geht,  das  Leben
sauer.  Derweil  aber  nimmt  er  seinem  Arbeitskollegen  in
anderen  Gewerben  die  Arbeit,  die  jener  haben  könnte,
wenn  er  sie  zu  erträglichen  Preisen  leisten  wollte.  Bei
dem  Schuhmacher,  Tischler,  Schneidermeister  aber  häu ­
            
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