Full text: Süd- und Mitteldeutsche Bauzeitung (1919/20)

.■ Jr~* 
1./15. August 1919. BAUZEITUNG 
Vertreter Cannstatts befürchteten, durch eine Kläranlage 
oberhalb Münster könnte auf die Cannstatter Bauquartiere 
in der Nähe der Markungsgrenze gegen Münster ein nach 
teiliger Einfluß ausgeübt werden. 
Nachdem ein Versuch der Stadtpflege, das Areal für 
die Kläranlage bei Hofen zu annehmbarem Preis zu er 
werben, mißlungen war, wurde das Projekt einer mechani 
schen Kläranlage auf Markung Hofen im Juni 1906 der Re 
gierung mit dem Gesuch um Erteilung der flußpolizei 
lichen Genehmigung vorgelegt. Gegen dieses Projekt 
wurde insbesondere von den Gemeinden Hofen, Münster, 
Zuffenhausen, Feuerbach und Mühlhausen Einsprache er 
hoben. Das Oberamtsphysikat Cannstatt hielt es schon im 
Jahre 1906 für geboten, die Kläranlage weiter neckarab- 
wärts, jedenfalls unterhalb des Arnold’schen Wehrs, zu 
verlegen. Professor Maurer stellte als technischer Berater 
von Hofen und Mühlhausen u. a. die Forderung auf, das 
Kanalwasser solle nicht in den Stau des Wehrs von Mühl 
hausen, sondern unterhalb desselben in den Neckar einge 
leitet werden. Stuttgart hielt aber an dem Hofener Projekt 
fest und im November 1907 erteilte die K. Kreisregierung 
die flußpolizeiliche Genehmigung. 
Allein die mit ihrer Einsprache abgewiesenen Gemein 
den Hofen und Mühlhausen legten sofort Beschwerde beim 
K. Ministerium des Innern ein. Hofen machte noch weiter 
gehende Ansprüche gegen Stuttgart geltend, wie Erricht 
ung einer Wasserleitung und Erbauung einer Kanalisation 
für Hofen, sowie Bezahlung einer besonderen Entschädi 
gung von 50,000 M. Stuttgart wollte jedoch unter keinen 
Umständen die von Hofen verlangte besondere Entschädi 
gung bezahlen, Hofen forderte von Jahr zu Jahr einen hö 
heren Preis für den zur Kläranlage benötigten Platz, und 
als vollends die Regierung im Dezember 1908 für den Fall 
der Einführung der Schwemmkanalisation eine mechani 
sche Klärung für ungenügend erklärte, war jede Hoffnung 
auf baldige Einführung des Schwemmsystems geschwun 
den. Die Gemeinde Hofen versuchte im Jahre 1909 auch 
noch dadurch einen Druck auf Stuttgart auszuüben, daß 
sie dem Gedanken näher trat, auf dem für die Kläranlage 
vorgesehenen Talgelände eine eigene Grundwasserversor 
gung einzurichten. Nach Ansicht der Stadtverwaltung 
konnte der Grunderwerb auf Markung Hofen nur noch im 
Wege der Zwangsenteignung vollzogen werden. Als die 
Stadtgemeinden Feuerbach und Zuffenhausen für ihre 
Grundwasserversorgung auf Markung Hofen zu dem un 
erwartet hohen Preis von 4 M. per qm Areal angekauft 
hatten, stellte Gemeinderat Prof. Weitbrecht am 14. Juni 
1909 die Anfrage, ob es wegen des schwierigen Grund 
erwerbs nicht rentabler erscheine, einen anderen Platz 
ober- oder unterhalb Hofen für die Errichtung der Klär 
anlage ausfindig zu machen. Der damalige Vorstand des 
Tiefbauamts, Oberbaurat Zobel, erwiderte jedoch, nach 
seinem Dafürhalten müsse ma n bei dem vorgesehenen 
Platz bleiben. 
II. Das ausgeführte Projekt. 
Als Hilfsarbeiter des Tiefbauamts hatte ich seit Mai 
1906 den schweren Kampf der Stadt Stuttgart um die 
Hauptkläranlage bei Hofen mitgekämpft, und als sich der 
Ausführung des Hofener Projekts immer wieder neue und 
fast unüberwindliche Hindernisse entgegenstellten, ent 
schloß ich mich, ohne hiezu irgend welchen Auftrag er 
halten zu haben, in systematischer und gründlicher Weise 
sämtliche für eine Zentralkläranlage in Betracht kommen 
den Plätze daraufhin zu untersuchen, ob nicht doch irgend 
ein Platz den Vorzug vor dem bei Hofen verdienen würde. 
Auch ich war anfangs der Ansicht, die von Bürgeraus 
schußmitglied Wöhrwag noch im März 1911 ausgespro 
chen wurde: „Wenn man unterhalb Hofen geht, hat man 
größere Ausgaben für die Zuleitung und größere Schwie 
rigkeiten für den Kanal durch Hofen hindurch.” Wenn 
man nämlich den Kanal von demOelände bei Hofen flußab 
wärts nach dem Gelände zwischen Mühlhausen und Al 
dingen um rund 2 km verlängert, wird der Kanal um rund 
500,000 M. teurer, wodurch die Ersparnisse durch billi 
geren Grunderwerb wieder völlig aufgehoben werden. 
Diese allgemeine Ueberlegung müßte also ohne weiteres 
ergeben, daß es sich nicht lohnt, den Platz bei Hofen zu 
verlassen und einen Platz weiter neckarabwärts zu wählen. 
Ich habe mich aber trotzdem, um der Stadt Stuttgart aus 
der Notlage, in der sie sich mit dem fast unausführbar ge 
wordenen Projekt bei Hofen befand, womöglich heraus 
zuhelfen, nicht abhalten lassen, für mich privatim alle ört 
lichen Verhältnisse eingehend zu untersuchen und habe 
ausgangs 1909 und im Frühjahr 1910 nach Auffindung 
eines völlig neuen, besseren und billigeren Wegs für die 
Kanalführung das anerkannt großzügige Projekt für die 
Zentralkläranlage unterhalb Mühlhausen aufgestellt. 
Um mein generelles Projekt, das als Grundlage für die 
weitere Planbearbeitung der nunmehr fertiggestellten Klär 
anlage diente, in seinem Wert richtig einschätzen zu kön 
nen, muß man es mit dem Hofener Projekt vergleichen. Bei 
diesem waren, wie aus dem Uebersichtsplan I zu ersehen 
ist, von Cannstatt talabwärts 3 getrennte Kanäle nötig, 
nämlich: 
1. ein hochliegender Kanal für Stuttgart, Gaisburg 
und Wangen, der zwar durch Cannstatt hindurchführte, 
aber für die Entwässerung Cannstatts nicht benützt wer 
den konnte; deshalb war 
2. ein tiefliegender Kanal für die Entwässerung der 
Cannstatter Neckarvorstadt und 
3. ein tiefliegender Kanal für die Entwässerung von 
Cannstatt und Untertürkheim vorgesehen. 
Außerdem mußte bei der Fähre Cannstatt-Münster 
eine Pumpstation errichtet werden, um das Abwasser von 
ganz Cannstatt und Untertürkheim in den hochliegenden 
Stuttgarter Kanal zu pumpen und durch diesen der Klär 
anlage bei Hofen zuzuführen. 
Bei meinem neuen, im Uebersichtsplan II dargestellten 
Projekt dagegen genügt ein einziger Hauptkanal, der so 
geführt wird, daß alle alten und neuen Kanäle Cannstatts 
ohne weiteres angeschlossen werden können. Durch be 
deutende Abkürzung des Kanals mittelst des rund 1900 m 
langen Stollens in Verbindung mit einem Minimalgefälle 
von 1 ; 2500 wird erreicht, daß der Kanal selbst bei dem 
allerhöchsten Hochwasser vom Jahre 1824 unterhalb des 
Wehrs von Mühlhausen hoch wasserfrei ausmündet und 
auf dem Wiesengelände zwischen Mühlhausen und Al 
dingen für jedes beliebige Klärverfahren genügend natür 
liches Gefälle zur Verfügung steht, so daß nicht einmal der 
Schlamm aus den Emscherbrunnen oder Neustädter 
Becken gepumpt werden muß. Der 6,2 km lange Haupt 
kanal von der König Karlsbrücke bis unterhalb Mühlhau 
sen muß zwar zweimal als Doppeldüker den Neckar kreu 
zen, als Stollen den langen und hohen Bergrücken zwi 
schen Cannstatt und Hofen durchqueren und kostet rund 
2 Mill. Mark, ist aber doch infolge Wegfalls jeder Pumpen 
anlage billiger als die Kanalzuführung für die 2 km weiter 
flußaufwärts vorgesehene Hofener Kläranlage. Daß ein 
Kostenvergleich zu Gunsten meines Projekts ausfallen 
mußte, wird verständlich, wenn man bedenkt, daß zu den 
Baukosten der 3 Kanäle des Hofener Projekts mit Pump 
station auch noch der kapitalisierte Betrag .der jährlichen 
Pumpbetriebskosten zu rechnen ist, die zudem mit der 
Vergrößerung von Cannstatt und Untertürkheim von Jahr 
zu Jahr angewachsen wären, während bei meinem Projekt 
nur die Baukosten des einen Kanals in Betracht kommen. 
Wohl kaum eine andere Großstadt wird ein so vorzüg 
liches, einfaches und einheitliches Entwässerungssystem 
besitzen wie Stuttgart, dessens Hauptsammelkanal alle tief 
liegenden Stadtteile auch beim allerhöchsten Wasserstand 
des Flusses ohne künstliche Hebung des Kanalwassers ent 
wässert und jederzeit eine Abwassermenge von mehr als
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.