Volltext : Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 44, Bd. 3, 1884)

Preisbewerbung für die Heizungs- und Lüftungsanlage des neuen Reichstagsgebäudes in Berlin.

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Jeschoß schiebt — und einem theils 6,40, theils 7,60 m hohen
Obergeschoß bestehen wird. Der in der Mitte des Gebäudes be—
indliche, etba 16 m hohe Hauptsitzungssaal schließt sich mit seinen
Eingängen zwar dem Fußboden des Haupt— und des Zwischen⸗
geschosses an, bildet jedoch im übrigen einen selbstständigen Bau—
heil.“ Die größte lichte Höhe (gegen 24 m) findet sich bei dem
zroßen Kuppelbau. Die Anordnung des Grundrisses wird beherrscht
jon der fast 100 melangen, in der Mitte durch die große Kuppel
gekrönten, westlich belegenen Halle, den vier winkelrecht auf sie
ttoßenden breiten Gängen und den diese verbindenden, im östlichen
Bebäudetheil befindlichen, der großen Halle parallel laufenden zwei
Vorsälen. Es liegt in der Natur der Sache, daß nur diejenigen
Entwürfe als gute Lösungen der gestellten Aufgabe sich ergeben
'onnten, welche sich dieser Grundriß-⸗Anordnung von vornherein
ingeschmiegt haben.
Als wesentliche Programmbedingungen sind die folgenden
jervorzuheben: Für sämmitliche (etwa 3049) Räume, ist Sammel-⸗
zJeizung zu verwenden, und zwar Dampfluftheizung für sämmtliche
Sitzungssäle, die sie begrenzenden Gänge und die Haupttreppen⸗
zäuser, Dampfwarmwasserheizung dagegen für alle übrigen Räume.
die erforderlichen Dampfkessel sollen außerhalb des Gebäudes,
jstlich desselben im abgesonderten Kesselhause, untergebracht werden.
Sämmtliche Räume sind mit Drucklüftung zu versehen; aus den
Einzelforderungen geht hervor, daß bei vollem Betrieb stündlich
twa 250 000 kbm Luft zu fördern sind. Den Büreaus, der
Bibliothek, den Wohnungen und sämmtlichen Abtritten soll man
edoch bis zu - 50 Temperatur auch ohne Drucklüftung den vollen
Betrag der für sie in Aussicht genommenen Luftmenge zuführen
können. Der Hauptsitzungssaal ist mittels elektrischen Lichts zu
rleuchten.
Der mit dem ersten Preise gekrönte Entwurf David Groves,
pvon dem ausführliche Zeichnungen, wenn es irgend wie ermöglicht
werden kann, wir bringen werden, löst die gestellte Aufgabe in folgender
Weise: Die frische Luft wird, nachdem sie gereinigt, allgemein auf 120
erwärmt, fast vollständig mit Wasserdampf gesättigt, für den Hauptsaal
nuf 170, für die übrigen Räume auf 200 weiter erwärmt, und hierauf
her letztere Theil mittels entsprechend weiter Kanäle, die dem Lauf der
Hauptgeschoßgänge folgen, zu den Dampfluftheizkammern, beziehungs⸗
weise den senkrecht nach oben führenden Schloten geleitet. Die
Abluft fällt in Kanäle des Kellergeschosses, die den erstgenannten,
der Zuluft dienenden, entlang laufen, und wird gemeinschaftlich ab—
zesaugt und über Dach geworfen. Das ist der für die Anordnung
eitend gewesene Gedanke. Während der frostfreien Zeit soll, so
chlägt Grove vor, die Luft auf dem Königsplatz über dem Wasser—
piegel eines Springbrunnens geschöpft werden. Das vorhandene
Brunnenbecken wird zu dem Ende durch geeignetes Mauerwerk
ringsum so umschlossen werden, daß nahe über dem Wasserspiegel
ein niedriger Spalt entsteht, welcher mit einem ringförmigen Hohl—
raum und durch diesen mit einer geräumigen unterirdischen Kammer
in Verbindung steht. Zwischen dieser und dem Raum unter der
westlichen Rampe sind unterirdische Verbindungskanäle angebracht.
Die frische Luft soll nun, theilweise durch das niederfallende Wasser
hierzu angeregt, durch den erwähnten Spalt eintreten und die
Kanäle durchströmend in das Haus gelangen. Indem das von
dem Brunnen abfließende Wasser unter die westliche Rampe tritt,
hort in 24 flache, in den unterirdischen Kanälen befindliche Rinnen
»ertheilt und in diesen nach dem Brunnenabfluß zurückgeleitet wird,
entstehen ausgedehnte Berührungsflächen zwischen Wasser und Luft,
velche zum Beseitigen des Staubes der letzteren wesentlich bei—
ragen werden. Fraglich ist, ob nicht durch das Wuchern niederer
Thiere in den fenchtwarmen Kanälen, oder auch durch diesen ent—
tammende Gerüche größere Unzuträglichkeiten entstehen. Während
Frostwetters ist von dem erwähnten Entstäubungsmittel kein Ge—
brauch zu machen, sonach macht es die Anlage anderer nicht un—
nöthig. Die Hoffnung, durch die beschriebene Einrichtung während
der wärmeren Jahreszeit die Luft um 40 zu kühlen, dürfte nicht
zerechtfertigt werden. Als zweite Schöpfstelle wird — wie von
der Mehrzahl der Preisbewerber — die Giebelseite der westlichen
Rampe in Aussicht genommen; auch ist eine Luftwäsche durch künst—
lichen Regen für diese Schöpfstelle vorgesehen.
Von dem Raum unter der Rampe gelangt die Luft zu dem
etwa 300 qm messenden Filter, welches an der Westseite des großen
Achtecks untergebracht ist. Unter der großen Kuppel und weiter
dis zur Mitte der Gebäudetiefe ist das Kellergewölbe beseitigt, um
die nöthige Höhe für das Filter und die folgenden Einrichtungen
uu gewinnen. Das Filter besteht aus zickzackförmig aufgestellten
Holzrahmen, welche mit geeignetem Gewebe bespannt sind und zum
Zwecke der Säuberung hinweggenommen werden können. Es darf
»emerkt werden, daß die Luftgeschwindigkeit, auf die Filterfläche
»ezogen, immer noch über O,2 mm in der Sekunde beträgt, fodaß
iemlich bedeutende Widerstände auftreten werden. Nach'‘ der

Filterung trifft die Luft auf Dampfheizkörper, welche die bereits
rwähnte Vorwärmung auf — 120 hervorbringen, und durchströmt
ilsdann künstlich erzeugten Wasserstaub, um sich mit Feuchtigkeit
nöglichst zu sättigen. Gelingt das, so erhält man nach der späteren
krwärmung auf 200 etwa 60 pCt. Feuchtigkeitsgehalt. Wahr—
cheinlich wird man volle Sättigung nicht erreichen, sonach in die
käume weniger feuchte Luft liefern, was für das Wohlbefinden
er dort befindlichen Menschen günstig sein dürfte. Die weitere
frwärmung erfolgt alsdann in mehreren, nuter dem Hauptsaal an—
ebrachten Einzelheizkammern, von welchen mittels 2 Schrauben—
läser (Axial-Ventilatoren) die für den Hauptsaal, mittels 4 eben—
olcher Bläser die für die übrigen Gebäudetheile bestimmte Luft
ntnommen und fortgedrückt wird. Was die bereits oben erwähnten
daupt⸗-Frischluftkanäle anbelangt, so dürfte sich empfehlen, sie an
hren (östlichen beziehungsweise westlichen) Enden zu verbinden, um
urch diese Verbindungsstelle auch denjenigen Kanal — wenn auch
näßig — mit Luft versorgen zu können, dessen Bläser infolge
rgend eines Uufalls den Dienst versagt. Die Luftheizka mmern
sat Grove in recht geschickter Weise zwischen den Haupt-Frischluftanälen
 und den Haupt-Abluftkanälen des Kellergeschosses unterge—
xracht, auch so angeordnet, daß die waagerechten Theile der Zweig—
anäle kurz und leicht zu reinigen sind.
Auf die künstliche Kühlung der Luft ist besonderer Werth
jelegt. Eine Lindesche Kühlmaschine, welche im Kesselhause aufzu—
tellen ist, soll sehr kaltes Wasser in die unter der Kuppel befind—
ichen Vorwärmkörper liefern, auch soll während der heißen Jahres—
eit des Nachts gelüftet werden, was angesichts der gewaltigen
Mauerstärken einige Wirkung haben wird.
Während die Lage der Zu⸗- und Abluftöffnungen in den ein—
elnen Räumen einer weiteren Erwähnung nicht bedarf, ist nöthig,
»en Hauptsaal in dieser Beziehung eingehend zu besprechen.
Der Grovesche Entwurf enthält in erster Linie den Vorschlag,
die Zuluft unter den Sitzen des Saales wie der Galerie eintreten
ind nahe der Galeriedecke wie durch die Wölbung der Saaldecke
»er Abluft Austritt zu gewähren. Für dieses Verfahren wird
jeltend gemacht, daß wegen der festen Lage der Sitze dieses „ein⸗
achste und natürlichste“ Verfahren möglich sei und dadurch, daß
»ie auf 200 erwärmte Luft mit sehr kleiner Geschwindigkeit ein—
tröme, jede Zugempfindung vermieden werde. Das ist richtig.
Ist es denn aber zulässig, dem Saal 200 warme Luft zuzuführen?
Vährend dessen Benutzung gewiß nicht! Nach unten verliert der
Saal keine Wärme, nach den geheizten Gängen wenigstens nicht
iel, und ebensowenig durch die Decke, wenn, was zur Verhütung
er Niederschläge an dem Oberlicht gut sein wird, dieses besonders
rwärmt wird. Somit sind die Waͤrmeverluste des Saales, selbst
ei größter Kälte, sehr gering, bei warmem Wetter aber seilbstver—
tändlich gleich Null. Bei mittlerem Feuchtigkeitsgehalt der um—
ebenden Luft giebt ein erwachsener Mensch durchschnittlich stündlich
90 W. E. in fühlbarer Wärme ab. Für jede Person sollen dem
Zaal stündlich 40 kbm Luft, wofür 48 k8 geschrieben werden
nag, zugeführt werden. Jene 100 Wärmeeinheiten bewirken daher
l — 90 Temperaturerhöhung. Wenn daher die Luft
nit 200 Temperatur an den Füßen eintritt, so zeigt sie in Kopf—
jöhe 2901 Etwa 230 wird man sich in Kopfhöhe wohl gefallen
assen; dann muß aber die Luft mit 23 — 9 140 eiuntreten,
»der doch, wenn man beachtet, daß der Saal selten vollständig
zesetzt ist und die Wände des Saales ein bedeutendes Wärme—
rufspeicherungsvermögen besitzen, mit 15 oder 160. Solche Tem—
jeraturen dürften die Füße ernstlich belästigen. Ferner ist nicht
u verkennen, daß eine Ungereimtheit darin liegt, die frische Luft
unächst den Unterkörper bestreichen zu lassen, bevor sie zum Munde
selangt. Der Beweggrund, daß durch die Wärmeabgabe der Menschen
as Emporsteigen der Luft gefördert werde, kann hier nicht aus—
hlaggebend sein, indem der Mensch nicht ein metallner oder
hönerner Heizkörper, sondern ein lebendes, empfindendes Geschöpf
st. Grove scheint die entwickelten Gegengründe wenigstens gefühlt
u haben, weshalb er zwei andere Vorschläge macht, welche glück—
icherweise ohne weitere Umstände dem Gesammtentwurf eingefügt
verden können. Dem einen derselben zufolge soll die Zuluft aus
ser oberen Kante des vor der Galeriebrüstung liegenden Gefimses,
twa um 450 nach oben gerichtet, austreten, und durch den Fuß—
„oden des Saales, unter der Decke der Galerie uud durch die
Wölbung der Saaldecke der Abzug erfolgen. Dieser Vorschlag er—
veckt mehr Vertrauen. Die nothwendigerweise kühlere frische Luft
jelangt wegen ihrer Bewegungsrichtung zunächst in die oberen
Schichten des Saales, wirkt dort kühlend und sinkt alsdann in
»em Maße auf die versammelte Menge, wie unter dieser gesaugt
vird. Was soll aber die Luftabfuhr an der Decke? Wird fie
nicht das Niedersteigen der Luft beeinträchtigen? Soll durch fie
etwa die Wärme abgeführt werden, welche durch das Oberlicht
            
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