Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 44, Bd. 3, 1884)

Entscheidungen. 
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Brennen der Ziegelsteine wurden bis jetzt fast stets allein diese 
für den Bauherrn nichts weniger als angenehmen Eigenschaften 
zugeschoben. Herr Parize erklärt diese Einflüsse jedoch als nur 
von sekundärer Natur und basirt diese Annahme auf folgende Be 
obachtungen. Bei der zufälligen Untersuchung einer aus Ziegel— 
steinen aufgeführten Scheidewand in einem fest verschlossenen, ein 
klein wenig feuchten Gebäude bemerkte er, daß an mehreren 
Stellen der Verputz blasenartige Auftreibungen zeigte, und bei 
dem Durchstoßen einer solchen kam ein äußzerst feiner, rother 
Staub hervor. Dieser Staub unter ein dreihundertmal vergrößern 
des Mikroskop gebracht, zeigte neben amorphen Miineralgebilden 
und aus dem Lehm stammenden Kieselpanzeralgen, eine ganz im— 
mense Menge lebender, mikroskopischer Organismen 
Die meisten dieser letzteren erwiesen sich als Mikrokeoken, Amöben 
und einzellige Algen, welche sich alle mit erstaunlicher Schnellig 
keit bewegten. Mehrere waren gerade im Stadium der Theilung 
Es sei hierzu gleich bemerkt, daß die Untersuchung mit der mög 
lichsten Vorsicht und Genauigkeit ersolgte und die Auflösung des 
rothen Staubes nur mit destillirtem Wasser oder mit Alkohol vor— 
genommen wurde. 
Das Vorhandensein dieser Organismen, ihr reges Leben 
und sogar ihre Vermehrung an einem solchen Orte und unter 
einer mindestens sechs Millimeter starken Kalkschicht, erschien 
gewiß in hohem Grade wunderbar, aber etwas noch Erstaun 
licheres sollte noch nachkommen. Nachdem Herr Parize mit 
dn einer scharfen Bürste die Oberfläche eines angeflessenen 
iegelsteines gründlich gereinigt hatte, bohrte er mit einem Bohrer 
ein wenigstens drei Zentimeter tiefes Loch in den Stein, dessen 
Inneres noch vollständig die normale Härte besaß, und siehe da 
das aus der Tiefe herausgeholte Bohrpulver zeigte die nämlichen 
Organismen, wenn auch nicht in derselben ri sigen Menge, wie 
das der Oberfläche entnommene Während in diesem auf dem 
Quadratzentimeter des Präparates im Durchschnitte 150 Indivi— 
duen gezählt wurden, waren es hier nur ungefähr 100. Alle die 
verschiedenen, der betreffenden Mauer eutnommenen Steine wiesen 
die nämliche Erscheinung auf, überall auf der Oberfläche, wit 
tief im Innern die massenhaften lebenden Organismen. 
Herr Parize glaubt auf Grund dieser Entdeckung verschie— 
dene Konsequenzen ziehen zu dürfen: Zunächst beweisen die Ber— 
suche, daß die Lebensfähigkeit dieser mikroskopischen Wesen, sowie 
thre Lebenskraft und Lebensfähigkeit eine nahezu unbegrenzte sen 
— eine Annahme, welche übrigens auch in zahlreichen anderen 
Thatsachen ihre Bestätigung findet. Ferner sagt Herr Parize, 
daß die neue Beobachtung so recht geeiquet sei, die Nothwendigkeit 
der Desinfektion von Wohnräumen, Krankensälen, Ställen, in 
welchen sich Fälle von Infektionskrankheiten ereigneten, ad oculos 
zu demonstriren. Das Abkratzen und nene Verputzen der Wände 
waren bisher die einzigen in dieser Rücksicht angewendeten Maß 
nahmen, die eine Zerstörung des sich an den Wänden und Decken 
etwa abgesetzten Krankheitsstoffes bewirken sollten. Es läßt sich 
aber leicht erkennen, daß diese lediglich die Oberfläche der Manern 
berührenden Manipulationen dann nicht mehr als hinreichend be— 
trachtet werden können, wenn es den organischen Krankheitskeimen 
möglich ist, auch im Innern der Steine noch zu vegetiren und 
lustig weiter zu leben. Es ist dabei gleichgültig, ob sie dieses in 
demselben Entwicklungsstadium thun, in welchem sie die betreffen 
den Krankheiten hervorrufen oder etwa in einem davon verschie— 
denen. Schließlich aber beansprucht auch Parize's Entdeckung 
eine nicht geringe praktische, technische Wichtigkeit. Man wird — 
ihre volle Bestätigung vorausgesetzt — in Zukunft auch die zer— 
störende Thätigkeit der Baktersien und verwandter Wesen bei der 
Berechnung der Dauer eines Gebäudes mit in Rechnung zu zieher 
haben. Ja es dürfte sogar nicht als ausgeschlossen zu betrachten 
sein, daß diese winzig kleinen Organismen auch mit ihr gutes 
Theil beitragen zur Zerklüftung und Verwitterung der Felsen und 
Gesteine und dadurch mittelbar zur Bildung und Entstehung des 
fruchtbaren Erdreiches — eine Thätigkeit, welche man bisher 
allein den elementaren Kräften der Atmosphäre, Luft und Wasser. 
sowie dem Eindringen der Wurzeln pflanzlichen Lebens zuschrieb 
Hoffen wir, daß mit den Untersuchungen Parize's, über die 
wir uns vorläufig noch kein endgültiges Urtheil anmaßen wollen, 
diese Frage noch nicht abgeschlossen ist. sondern auch in den hierzu 
berufenen Kreisen (wir denken z. B. an die technischen Versuchs— 
anstalten) weitere Ausschlüsse über diesen für die Technik außer— 
ordentlich wichtigen Gegenstand gewonnen werden. Die Wissen⸗ 
schaft wird dann gewiß schon bald Miittel und Wege finden, um 
den erkannten neuen Feind der Technik erfolgreich zu bekämpfen. 
P. 
eivile erfolgte, sie dürfte aber auch für die Leser jener Provinzen 
von Wichtigkeit sein, in denen obiges Gesetzbuch keine Geltung hat. 
Umfang der Haftpflicht des Arbeitsherru für den 
durch seine Taglöhner während der ihnen aufgetragenen 
Arbeit verübten Schaden. Art. 1383 C. c. sagt: Jeder ist 
rür den Schaden verantwortlich, den er durch seine Handlung 
»der auch nur durch seine Nachlässigkeit oder Unvorsichtigkeit ver— 
irsacht hat. Art. 1384 sagt weiter in Abs. 1: Man ist nicht 
allein für den Schaden verantwortlich, den man durch seine eigene 
Zandlung verursacht, sondern auch für denjenigen, der durch die 
Handlung von Personen verursacht wird, für welche man einstehen 
muß, oder durch Sachen, die man unter seiner Obhut hat. Abs. 
2: Der Bater, und nach dem Tode des Mannes, die Mutter, sind 
ür den Schaden verantwortlich, welchen ihre minderjährigen, bei 
huen wohnenden Kinder verursacht haben. Abs. 3: Husherren und 
Kommittenten für den Schaden, welchen ihr Hausgesinde und 
die von ihnen Beauftragten in den denselben auvertrauten Ge— 
chäften verursacht haben. 
Die Gesetzesbestimmungen finden in einem Urtheile des früheren 
Bezirksgerichtes, jetzt Landgerichtes Landau vom 23. Mai 1875 
die weitgehendste Anwendung. Das Urtheil erschien in dem 
neuesten Hefte von Puchelt's Zeitschrift, Bd. XV, S. 112, und 
ist für die Arbeitgeber, wie auch für Eltern von so eminenter 
——— daß wir es nach der angegebenen Zeitschrift hier folgen 
assen: 
Kläger Deck, von frühester Jugend auf taubstumm und in 
Folge dessen mißtrauisch, neidisch und reizbar, arbeitete seit 20 
Jahren im Taglohn bei Guth. Der minderjährige Sohn des 
Beklagten Hust war gleichfalls zeitweise und zur Zeit der That 
nach längerer Unterbrechung seit 2 Tagen wieder im Taglohn bei 
Buth in Arbeit. Deck und der minderjährige Hust waren am 
7. September mit noch 2 Taglöhnern und 2 Dienstmägden auf 
einer Wiese des Guth mit Heumachen beschäftigt, als die beiden 
ersteren in einen Disput geriethen, den Deck allerdings nur durch 
Gesten führte. Deck drohte dem Hust, daß er ihn durch seinen 
Neffen werde erschießen lassen, woörüber Hust mit der Haud auf 
seinen Hintern deutete. Deck schlug Hust in's Gesicht und beide 
halgten sich einige Zeit heuum. Ueber dem kam Guth dazu und 
renute unter Zurechtweisung die Streitenden. Darauf schickte er 
diese beiden und den Taglöhner Mühl auf eine 10 Miinuten weiter 
iegende Wiese zu fernerer Arbeit. Hust und Mühl gingen vor— 
aus. Deck folgte nach 10 Minuten nach. Als Deck auf 30 Schritte 
herangekommen war, rief Hust: „Alter, wenn du heraufkommst 
den Abend schlag ich dich todt'', sprang ihm entgegen und hieb 
hm mehrmals mit dem Rechen auf den Kopf, daß Deck lebens 
gefährlich verwundet wurde und dauernd arbeitsbeschränkt blieb. 
Deck hat nun Guth, gemäß Art. 1384 Abs. 3 O. c., den 
Thäter Hust und dessen Vater als zivilverantwortlich gemäß Art. 
1334 Abs. 2 O. c. auf Schadensersatz verklagt. 
Guth bestritt die Klage, 1. indem er die Haftbarkeit auf 
Vater Hust zu wälzen suchte, mit der Erwägung, daß ihm als 
bloßem Auftraggeber (commeéttant) keine möralische Einwirkung 
auf die Charakterbildung seines Taglöhners möglich und deshalb 
ein Verschulden seinerseits in dieser Beziehung ausgeschlossen sei. 
2. Weil er nicht für strafbare Delikte, sondern höchstens für bei 
8 Arbeitsausführung verursachten Schaden seines Taglöhners 
hafte. 
Vater Hust bestritt die Klage, indem er dem Guth die Ver— 
antwortlichkeit für Ueberwachung seines Sohnes, während er bei 
ihm in Arbeit stehe, aufbürden zu können glaubte. 
Das Bezirksgericht verurtheilte jedoch beide mit dem Thäter 
selbst unter Solidarhaft zu einer Entschädigung von 1500 Me. 
wobei die Beklagten sich beruhigten. 
Die Entscheidungsgründe lauten: 
Kläger gründen ihre Klage auf die durch den Sohn des Be— 
klagten Johannes Hust dem Kläger Johann Jakob Deck am 
7. Septemiber vorigen Jahres zugefügte schwere Körperverletzung; 
da diese Körperverletzung durch das Strafgericht urtheilsmäßzig 
iestgestellt ist, so kann es nach dem Rechtssatze des Art. 1382 O. c. 
deinem Zweifel unterliegen, daß der Sohn Hust fir den durch 
ein Vergehen entstandenen Schaden, insoweit er ihn verschuldet 
hat, auch mit seinem Vermögen haftbar ist. Die Klage ist jerner 
jegen den Vater persönlich, — als nach Art. 1354 C. c. für 
seinen minderjährigen Sohn zivilrechtlich verantwortlich — ge— 
richtet. 
Auch in dieser Richtung stellt sie sich als begründet dar. Der 
Beklagte kann sich seiner Haftpflicht nicht durch den Hinweis darauf, 
daß sein Sohn bei dem Beklagien Guth als Arbeiter beschästig! 
und nicht unter seiner Aufsicht war, entschlagen; dies wäre etwa 
nur zutreffend, wenn er denselben der beständigen Aufsicht Guth's 
übertragen hätte, was keineswegs der Fall war, indem der Sohn 
Hust nuͤr zeitweise Taglöhner von Guth gewesen ist. Derselbe ist 
ielmehr der väterlichen Aufsicht und Ueberwachung fortwährend 
Entscheidungen. 
Aus Speyer wird uns folgende interessante Entscheidung ge— 
meldet. Wir schicken noch voraus, daß sie auf Grund des Lode
	        

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