Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 45, Bd. 4, 1885)

Entscheidungen und Bauprozesse. — Berichte aus verschiedenen Städten. 
eine längere Dauerhaftigkeit bemerkt werden kounte. Beim Kon—⸗ 
erviren des Holzes gilt es eben, nicht nur Luft und Wasser ab— 
zuhalten, sondern auch Mittel zur Unschädlichmachung der stickstoff⸗ 
haltigen Körper zur Verwendung zu bringen. 
Als ein allen diesen Maängeln wirksam entgegentretendes 
VDdittel hat sich auch in solchen Fällen das Carbolineum Avenarius 
erwiesen. 
Alle im Freien oder in wechselnden Feuchtigkeitsverhältnissen 
rusdauernden Holzanlagen schützt es gegen Fäulniß und Ver— 
tockung, wobei es die Poren und Fasern des Holzes nicht verdeckt 
uind demselben ein nußbraunes, einem Anstrich mit gekochtem 
Leinöl ähnliches, geschmackvolles Aussehen verleiht. Dabei ist es 
dünnflüssig und deshalb sehr ausgiebig. Es läßt sich leicht streichen 
uind kann von jedem Arbeiter ohne Weiteres behandelt werden. 
Der Anstrich ist sowohl auf trockenem, als auf grünem Holze an— 
zurathen. Es ist nicht feuergefährlich, kann also, wo besonderes 
Eindringen oder Durchdringen des Holzes nöthig erscheint, wie 
bereits erwähnt, auch erwärmt aufgetragen werden, was in man— 
herlei Fällen sehr rathsam ist. Kleine Stücke imprägnirt man 
im besten durch Eintauchen. Auf dem Lager hält es sich in 
ineen Gefäßen unbegrenzte Zeit. und verliert keine seiner Eigen— 
chaften. 
Im Vergleich mit Oelfarbe ist Carbolineum Avenarius 
geradezu erstaunlich billig, denn auf 426 Quadratmeter Holzfläche 
rechnet man gewöhnlich nur 1 Kilogr. Carbolineum und es ist 
rusgerechnet worden, daß ein das Holz gut sättigender Anstrich 
siich bei weit größerer Haltbarkeit etwa sechs mal billiger stellt, 
als genügend deckende (also 2 — Zmalige) Oelfarbanstriche. Und 
dabei soll ja Tannenholz so dauerhaft werden, daß es Eichenholz 
zu ersetzen vermag! Schreibt doch z. B. die Königl. Württemb. 
Zentralstelle für die Landwirthschaft in Nr. 25 Jahrgang 1884 
zes landwirthschaftlichen Wochenblattes, daß sie die volle Ueber— 
zeugung gewonnen habe, daß es im Interesse der Landwirthschaft 
liege, ausgedehnten Gebrauch davon zu machen und daß die Wir— 
ung auf Haltbarmachung des Holzes eine vorzügliche sei. 
Auch von verschiedenen anderen Fachblättern und Zeit— 
schriften sind dem Artikel empfehlende Besprechungen gewidmet 
vorden. 
Das Fabriklager für Carbolincum Avenarius, Herr Paul 
Lechler in Stuttgart, hat sich gerne bereit erklärt, unseren Lesern 
mit ieder weiter gewünschten Auskunft zu dienen. - 
Ein Anstrich an Stelle des Oelanstrichs. Für 
Façaden, Treppen ꝛc. ist seit ca. 20 Jahren bereits ein Austrich, 
hesonders in Frankreich, aber in neuerer Zeit auch in Deutschland 
derwendet worden, der sich vollkommen bewährt hat. Zuerst giebt 
nan auf die Wand oder das Holz ꝛc. einen Anstrich aus mit 
Leimwasser verdünntem Zinkoxyd, welches im Handel als Zinkweiß 
vorkommt. Ist derselbe nach 2 Stunden getrocknet, dann folgt 
ein Anstrich aus mit Leimwasser verdünntem Chlorzink. Das 
Zinkoxyd bildet nun mit dem Chlorzink eine chemische Verbindung 
don der Härte des Glases und von spiegelglatter glänzender Ober— 
fläche. Um jede beliebige Nüance zu erzielen, kann man die Farben 
nit dem Leimwasser anreiben. Die Vorzüge dieses Anstrichs gegen 
den Oelanstrich sind, bei einem um die Hälfte billigeren Herstellungs— 
zreis, die fast unverwüstliche Dauer, ein sehr schnelles Trocknen 
ind demnach kürzere Herstellungszeit. Es fällt bei diesem Anstrich 
serner der unangenehme Geruch frischer Oelfarben fort und ist ein 
Verstäuben wie beim Oelanstrich absolut ausgeschlossen. — n — 
Entscheidungen und Bauprozesse. 
Durch Punktation war ein Grundstück, wie es stand 
ind lag, oder wie es im Vertrage hieß, im augenscheinlichen Zu— 
tande verkauft worden. Nach der einige Monate später erfolgten 
Auflassung sah der Käufer, daß ein nach dem dem Verkäufer ge— 
jörigen Nachbar-Grundstücke hinaus belegenes Fenster mit Erde 
zugeworfen war. Er beseitigte diese Erde und öffnete das Fenster 
vieder, wurde darauf aber vom Nachbar auf Wiederherstellung 
des ihm übergebenen Zustandes des Feusters verklagt. Die Ent— 
cheidung darauf war folgende: Der Verkäufer eines Hauses kann 
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saufe getroffene Vorrichtungen eine veränderte Gestalt geben; jedoch 
'ann solche Veränderung den Käufer an der Wiederherstellung des 
rrüheren Zustandes rechtlich nur dann hindern, wenn die betreffen— 
den Vorrichtungen ihrer Beschaffenheit nach eutweder auf die 
Dauer berechnet sind, oder aus anderen Gründen den Käufer die 
Absicht des Verkäufers klar erkennen lassen, den veränderten Zu— 
stand als den augenscheinlichen darzustellen. Letzteres ist der Fall, 
venn ein bis zum Verkauf vorhanden gewesenes Fenster, um 
dessen Wegfall zu bewirken, bermauert worden ist. Sind dagegen 
ie getroffenen Vorrichtungen von so zweifelhafter Beschaffenheit, 
daß sie nicht als dauernde' Anlagen aufgefaßt werden können, so 
nermag der Verkäufer den durch solche Vorrichtungen hergestellten 
zustand wider den Willen des Käufers nicht als den augenschein— 
ichen zu beanspruchen, weil zweidentige Willensäußerungen stets 
gegen den Urheber, hier den Verkäufer, auszulegen sind. — 
Berlin. In den letzten Tagen spielte sich vor dem 
96. Schöffengericht in Berlin ein Prozeß über Desinfektions— 
pflicht der Hausbesitzer ab, dessen Verlauf auch für unsere 
außerhalb Berlins wohnenden Leser von Interesse sein dürfte: Nach 
den polizeilichen Verordnungen haben die Grundbesitzer die Ver— 
»flichtung, die Aborte, Dunggruben ꝛc. auf ihren Höfen gegen üble 
Herüche zu desinfiziren. Auf Grund dieser Verordnungen war 
gegen den Hauseigenthümer Fuhrherr Oswald Müller in der 
Posenerstr. ein Strafmandat ergangen, weil nach der Anzeige des 
etreffenden Polizeilieutenants und eines Schutzmannes seine mit 
euhdung gefüllte Senkgrube nicht „gehörig“ desinfizirt gewesen ist. 
diergegen hatte Herr Müller auf richterliche Entscheidung an— 
jetragen und wurde in der vorigen Woche in der Sache verhandelt. 
Der Kläger war der Meinung, daß der Begriff „gehörig“ höchst 
»ehnbar sei und der Geist des Gesetzes doch nur dahin gehen könne, 
daß er zur Desinfektion verpflichtet sei, um Belästigungen durch 
ꝛkelerregenden Geruch zu vermeiden. Von einem solchen sei aber 
im vorliegenden Falle gar keine Rede gewesen, vielmehr habe es 
dei ihm eben nur ganz oberflächlich nach Kuhdung gerochen. — 
Die beiden Polizeibeamten konnten in der That nur solchen Geruch 
jekunden, sie behaupteten auch nicht, daß derselbe ekelerregend oder 
ehr belästigend gewesen sei, hielten ihn aber auch nicht gerade für 
yYmpathisch und erklärten sich nur an den Wortlaut des 8 32 der 
Polizeiordnung gehalten zu haben, wonach die Senkgruben dergestalt 
zu desinfiziren sind, daß „jeglicher Geruch“ beseitigt werde. Nach 
diesem Wortlaute kann sich, wie der Polizeilieutenaänt auf Befragen 
des Vorsitzenden zugab, die Polizei auch zum Einschreiten für ver— 
oflichtet und berechtigt halten, wenn die Senkgrube mit Parfüm 
gefüllt wäre und danach röche. — Der Vertheidiger, Rechtsanwalt 
G. Kauffmann, führte aus, daß bei einer solchen wörtlichen 
Anwendung die betreffende Polizeiverordnung keinen Sinn haben 
würde, denn es sei einfach unmöglich, die völlige Geruchlosigkeit 
einer Senkgrube herzustellen. Die betreffende Bestimmung könne 
also nur dahin aufgefaßt werden, daß durch dieselbe ein die mensch— 
tiche Gesundheit gefährdender, aus dem Uebergang in die Fäulniß 
erwachsender übler Geruch durch Desinfektion zu beseitigen ist. — 
Das Schöffengericht war jedoch mit dem Amtsanwalt der Meinung, 
daß die Polizeiverordnung, so hart dies auch für die Hausbesitzer 
ei, ihrem Wortlaute nach anzuwenden ist, und verurtheilte daher 
den Angeklagten zu 3 Mark Geldstrafe event. 1 Tag Haft. — Wir 
zestehen offen, daß für uns eine solche Entscheidung unverständlich 
ist, da wir keine Möglichkeit kennen, eine „absolute Geruch— 
losigkeit“ herbeizuführen. 
Diese Verpflichtung der Hauseigenthümer zur Desinfektion 
his zur vollen Geruchslosigkeit, unterlag dieser Tage auch der 
Prüfung der Berufuugskammer. Der Eigenthümer eines Grund— 
tücks in der Danziger Straße war durch polizeiliches Mandat in 
eine Strafe von 6 Mark event. 1 Tag Haft genommen worden, 
veil bei einer Revision des Hofes die Senkgrube nicht geruchfrei 
vorgefunden worden war. Das Schöffengericht hatte auf Grund 
der Polizeiverordnung vom Jahre 1867 die Strafe bestätigt. Der 
Vertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Flatau, legte gegen dieses Er— 
enntniß die Berufung ein und machte in dem Termin vor der 
VI. Strafkammer geltend, daß die Verordnung vom Jahre 1867 
nur im „Intelligenzblatt“ und nicht auch im „Amtsblatt“ publizirt 
vorden sei, was aber nach dem Gesetze vom 11. Möärz 1850 zu 
hrer Rechtsgiltigkeit erforderlich sei.. Die Kammer hob in 
Folge dessen das erste Urtheil auf und wies, da die Prüfung der 
Rechtsgiltigkeit bereits in erster Instanz erfolgen mußte, die Sache 
zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Schöffen— 
gericht zurück. Dasselbe erkannte nun nach dem Antrage des Ver— 
heidigers auf Freisprechung des Angeklagten und legte die Kosten 
ncl. dersenigen für die Vertheidigung der Staatskasse auf 
Berichte aus verschiedenen Städten. 
Berlin. Wir erwähnten bereits, daß es beabsichtigt wird, 
in den neuen Anlagen auf dem Schloßplatz eine Instruktions— 
»yramide aufzustellen, wie solche in anderen Städten — z. B. 
n Muünchen, Weimar, Elberfeld, Frankfurt — läugst in Gebrauch 
jenommen sind. Derartige kleine Gehäuse haben den Zweck, au 
hren Flächen Angaben zu tragen über Höhenlage, Bevölkerung 
Zeitdifferenzen, Windrichtung, danu aber Thermometer, Barometer, 
inter Umständen auch — wie früher an Rathhausern — Urmaß— 
zufzunehmen. Das kleine Rondel am Schloßplatz, nahe der Spree, 
velches ohnehin durch Bänke zu einem Ruheplatz ausgebildet 
verden soll, scheint mit Rücksicht auf den lebhaften Verkehr der 
Kurfürstenbrücke zur Aufstellung einer solchen Pyramide ganz be— 
onders geeignet, Die künstlerische Ausbildung einer solchen müßte 
tatürlich der Lage des Platzes durchaus entsprechen und im Stil
	        

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