Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 47, Bd. 6, 1887)

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Die Gefahren für die gedeihliche Weiterentwickelung unserer gewerblichen Lehranstalten. — Mittheilungen aus der Praris. 556 
hnen bei solchen Anschauungen nicht in den Sinn, und, so 
zählen auch sie zu unseren Gegnern. Da kann nur unermüd⸗ 
iche Belehrung bei jeder sich bickenden Gelegenheit helfen; sowohl 
nn öffentlichen Versammlungen, als auch im perfönlichen Ver— 
ehr, immer und überall muͤssen wir das Engherzige und Thö— 
richte solcher Anschauungen bekämpfen. 
In gewissem Zusammenhange zu jenen, wenn auch oft 
uur latenten Kräften gewissenloser oder beschränkter Handwerks⸗ 
neister steht der gewerblichen Schulfrage die Lauheit vieler 
Stadtverwaltungen gegenüber. In den meisten Fällen mag 
diese Theilnahmlosigkeit wohl in dem geringen Verständniß für 
die hohe Bedeutung dieser ganzen Frage ihren Grund finden, 
in mauchen Fällen läßt sie sich aber auch auf den Einfluß eng— 
herziger Meister zurückführen. Ja, wenn es sich darum han— 
delt, höhere Lehranstalten zu schaffen, mit denen womöglich durch 
die Heranziehung fremder Schüler noch ein gutes Geschäft ver— 
nüpft werden kann, wird der Stadtsäckel nie als leer befunden, 
da finden sich immer noch hinreichende Mittel; gilt es aber, 
der eigentlichen Bürgerschaft, dem gewerblichen Mittelstande ein 
vürdiges und nutzbringendes Schulheim zu schaffen, dann reicht 
die Selbstachtung nicht aus, sich irgend welche nennenswerthen 
Opfer aufznerlegen. Wir sagen „nennenswerth“; im Vergleich 
zu den hohen Lasten, welche unsere höheren Schulen verursachen, 
nüßten wir eigentlich richtiger das Wort „bescheiden“ ge— 
»rauchen; allein ohne ausreichende Mittel darf man nun ein— 
mal auch nicht entsprechende Resultate erwarten, und so be⸗ 
ennen wir denn auch offen: mit allzu kärglichem Aufwand 
ann auch von den gewerblichen Lehranftalten nicht allzugroße 
Leistungsfähigkeit erwartet werden. Es ist ein schwerwiegender 
Fehler, mit demselben Maaßstab gut ausgerüstete und trefflich 
ausgebaute Erziehungs-Anstalten und gewerbliche Schulen, deren 
Existenz alle nur denkbaren Schwierigkeiten zu überwinden hat, 
messen zu wollen. Darum verlangen wir: „Die städtische Ver— 
valtung möge mehr Rücksicht auf die zeitgemäße Ausbildung 
hrer gewerblichen Einwohner nehmen und nicht über die Heran— 
siehung Einjährig-Freiwilliger und höherer Beamtenaspiranten 
den Kern der Bürgerschaft vergessen.“ 
Neben jenen änßeren Hemmnissen bieten sich aber zur 
Zeit auch noch eine ganze Reihe innerer Uebelstände dar, deren 
Beseitigung oder Verbesserung erst erfolgen muß, ehe an eine 
gedeihliche Weiterentwicklung unserer gewerblichen Schulen ge— 
acht werden kann. Als einer der schlimmsten Schäden, welcher 
deren Wirksamkeit höchst lästige Schranken setzt, muß vor allen 
inderen die späte Schulzeit angeführt werden. Man will 
Leistungen sehen — an hochfliegenden Anforderungen fehlt es 
wahrlich nicht — die Handwerkerschule soll in kurzer Zeit 
Wunderdinge hervorzaubern, aus ungeschliffenen Landjungen ge— 
ittete und verständnißreiche Gewerbejünger, ja, wie Manche 
vollen, Gesetzkundige schaffen und dazu goͤnnt man ihr nur die 
päten Abend- oder richtiger die ersten Nachtstunden. Die Mehr— 
zahl unserer Schulen muß von 8—10 Uhr Abends ihren Unter— 
icht ertheilen. Wo soll da der Trieb der Schüler herkommen? 
— Den ganzen Tag angestrengt arbeiten und dazu den Abend 
den feinen Stift in die Hand nehmen und saubere Striche 
iiehen — das ist allerdings nicht Jedermanns Sache, und er⸗ 
lärlich ist es immerhin, wenn solch' überbürdete Geschöpfe nach 
nicht selten 12—514stündiger Arbeitszeit in ihrem Streben er— 
ahmen. — Woran liegt aber da die Schuld? — an der Schul—⸗ 
„ehoͤrde sicherlich nicht, die weiß ganz genau, wie wenig fördernd 
eine solche Einrichtung auf die Leistungsfähigkeit der Anstalt 
wirkt. Es sind wiederum die Meister, die ihre Lehrlinge oft 
äber die Gebühr für sich in Anspruch nehmen und die nicht 
cher an ihre eigentlichen Verpflichtungen denken werden, ehe sie 
ticht Rechenschaft darüber ablegen müssen, in welcher Weise sie 
die ihnen anvertrauten Lehrlinge selbst unterrichtet haben und 
interrichten haben lassen, ob' der Lehrling in seiner Lehrzeit 
ruch wirklich belehrt wurde. Wir haben schon wiederholt darauf 
ingewiesen, daß hier eine der allerwichtigsten Aufgaben der 
Innungen zu suchen sei und sie schon um deßwillen Bestand 
haben müssen. Es wird aber auch eine weitere Aufgabe die 
verden, für die Schule eine zweckentsprechendere Unterrichtszeit 
zu erwirken und wäre es vorerst auch nur die Verschiebung des 
Abendunterrichts auf die Stunden von 7—29 Uhr. 
Hand in Hand damit drängt sich die Lokalfrage in den 
Vorderarund; in den allerseltensten Fällen verfüt die Hapg— 
verker⸗ oder Gewerbeschule über eigene Unterrichtsräume, und 
neist müssen sich ihre halb, aber auch ganz erwachsenen Schüler 
ruuf Schulbänken herumdrücken, die für schulpflichtige Knaben 
»er Elementarschule bestimmt sind. Noch schlimmer wird es 
iber, wenn es sich um den Zeichenunterricht handelt, ein Zeichen— 
aal in der Volks- oder Bürgerschule, welch' ein Luxus! — 
velche mittelgroße Stadt könnte sich eines solchen rühmen? — 
Und doch soll in der Handwerkerschule gezeichnet werden! — 
ind wie gezeichnet werden. Auch mit der Beleuchtung sieht es 
n der Regel nicht besser aus; kümmerliches Licht durch Petroleum— 
impen, oder wenn es gut geht, durch Gas mit Flachbrennern, 
zie kurzer Zeit die Augen der Schüler und Lehrer mit ihrem 
Flackern verderben. Dazu noch häufig empfindlicher Mangel 
in geeignetem Unterrichtsmaterial — und da erwartet man von 
olchen Anstalten wer weiß was für Dinge. Was die Elementar— 
chule bei achtjährigem regelmäßigen Besuch nicht hat erzielen 
önnen, hier wird's verlangt; so nebenbei soll auch die Sozial— 
»emokratie bekämpft und aus jenen Kreisen entfernt werden, 
»s soll außer fachlicher Ausbildung noch ein Stück Erziehung 
jepflegt werden und wer weiß, was sonst noch Alles. Alle 
nöglichen Aufgaben sucht man diesen Anstalten aufzuhalsen 
ind sorgt noch nicht einmal für das Allernothwendigste: „für 
zeeignete Lokale, gute Beleuchtung und geeignete Lehrmittel.“ 
Was helfen solchen Mißständen gegenüber alle Anstrengungen 
nufopferungswilliger Lehrer, wie soll auf solchem Boden die 
jewerbliche Mittelschule: „die Handwerkerschule“, gedeihen? — 
zn der Beziehung steht ihre Schwesteranstalt: „die allgemeine 
Fortbildungsschule“, sogar noch ungleich günstiger, sie kann sich 
veit eher mit den vorhandenen Räumen der Volksschule behelfen. 
Auch hier steht die Gleichgültigkeit des Gewerbestandes 
elbst wieder hemmend im Wege; er vermag sich nicht soweit 
ufzuraffen, für sich die gleichen Rechte, als sie anderen Ständen 
ängst eingeräumt sind, zu beanspruchen. Prachtbauten für 
yöhere Schulen sieht er allerwärts in reicher Zahl entstehen, 
»as findet er begreiflich. Findet sich aber dann wirklich eine 
einsichtsvolle Behörde, wie es z. B. hier in Hildesheim der Fall 
st, welche auch der Handwerkerschule ein ihr würdiges Heim 
haffte, so entblödet er sich nicht, mit in den Ruf einzustimmen: 
„Was soll uns der Handwerkerpalast, welche unverantwortliche 
Verschwendung von unserer Stadtverwaltung, für derartige 
intergeordnete Schulen die Steuerzahler so zu belasten!“ 
Da gilt es für die Berufsgenossen, wie in allen anderen 
Fragen, nicht zu erlahmen in fortdauernder Agitation sowohl 
den Kommunalbehörden gegenüber, als auch den in stumpfer 
Lethargie versunkenen Handwerksmeistern; man rüttele sie auf 
ind trachte danach, daß sie mit uns die Forderung stellen: 
.Man gebe der Handwerkerschule brauchbare Räume“ 
(Schluß folgt.) 
Mittheilungen aus der Praxis. 
Ueber Cement hielt kürzlich Herr Architekt Bosse 
einen ebenso lehrreichen, wie fesselnden Vortrag im Hannöper'schen 
Architekten- und Ingenieur-Verein. 
Redner verbreitete sich, wie das „Wochenbl. f. Baukunde“ mit— 
heilt, zunächst über die theoretischen Prinzipien der Fabrikation 
»es Puzzolancementes und deren praktische Ausübung an Hand 
einer Beschreibung der Puzzolan-Cementsabrik Braunschweig, gab 
odann eine Einleitung uͤber die Prinzipien der Verwendung, 
ndem er die Unterschiede von Puzzolan und Vortland-Cement 
rörterte. 
Redner zeigte durch einen Vergleich mit dem natürlichen 
ind künstlichen Portland-Cemente, welcher entweder ein un— 
zemischtes Naturprodukt resp. eine Mischung solcher bildet, daß 
auch die Puzzolan-Cementfabrikation auf zwei verschiedene Weisen 
arbeitet. 
Entweder wird eine einzige, gerade geeignete Hochofenschlacke 
»enutzt, oder man kombinirt mehrere Schlacken. Der Vortragende 
rörterte das Kombinationsprinzip eingehend und führte das Gesetz 
desselben an Hand von lehrreichen, graphischen Darstellungen 
zus, die erwiesen, daß man im Stande ist, je nachdem der 
hemische Unterschied der zur Verwendung gelangenden Materialien 
groß ist, auf zwei bezw. drei verschiedene Weisen Cemente von 
hoher Festigkeit herzustellen. 
Ueber die physikalische Form der Schlacke wurde die bekannte
	        

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