Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

zur Arbeiterwebuungssrage. — Unsere Wobnung und ihre Cinrichtun« 
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nossenschaft selbst Eigenthümerin bleibt, bis in etwa zwöls 
Jahren ein Drittel des Kaufpreises durch Abtrag von jährlich 
2 pCt. gedeckt ist und sodann das Grundstück dem Erwerber 
aufgelassen werden kann. Die Rest bleibenden zwei Drittel 
werden als feste Hypothek zu 4 pCt. eingetragen. Es sind bisher 
acht Zweifamilienhäuser gebaut mit 3 bezw. 2 Stuben und Zu— 
behör, Küche, Waschküche, Stall, Abtrittsgebäude, auf einem 
Terrain von 252 30 D Ruthen, mit Brunnen und Umzäunung 
für einen Preis von je 6600 - 7410 Mtk. Der vierprozentige 
Zins hiervon macht 240-296,40 Mk. für den Besitzer. Da 
derselbe die zweite Wohnung für 180 Mk. vermiethet, so ha 
er nur für einen Betrag von (0—116,40 Mk. selbst zu sorgen 
Rechnet man dazu 2 pGt. Abzahlung zur Tilgung der Kapital 
schuld, so leistet der Erwerber jährlich 180 —5264,60 Mk., wofür 
er eine Wohnung von 2 bezw. 3 Stuben bewohnt und außer— 
dem in ungefähr 12 Jahren durch Abzahlung Eigenthümer eines 
Haufes wird, auf dem nur nech zwei Drittel des Sellstkosten— 
preises als Hypothek lastet. In dem letzten Geschäftsbericht der 
„Berliner Baugenossenschaft“ findet sich nämlich folaende kleine 
statistische Aufstellung: 
Viel wichtiger, als, der Umgang, ist die Wohnung des 
Menschen, um ein richtiges Bild ven seinem Charakter zu ge— 
vinnen. Wir graben, alte Städte aus, weil wir aus den zu 
Tage geförderten Arbeitsresten ein Bild von der Kultur der be— 
treffenden Voͤlker und Bewohner gewinnen. Die Wohnungen 
und ihre Einrichtungen sind Denkmäler der Kultur, Erzeug— 
nisse der Kultur. Die Kulturentwicklung der Voͤlker geht aber 
nicht immer gerade, nicht immer stetige Wege; sie bewegt sich 
aft auf Seitenwegen, hat Höhenpunkte ünd zeigt Niederungen — 
ie nach den auf dieselbe Einfluß gewinnenden Faktoren auter 
oder schlechter Art. 
Einen Maaßstab der Kritik dieser Kulturentwicklung giebt 
uns eine logische Beurtheilung des geschichtlich Gewordenen' auf 
Hrund der Gesetze, wie solche die praktische Aesthetik kennt und 
aufstellt. 
Die Wand, dem Sprachstamm nach verwandt mit Gewand, 
war früher ein einfacher Stoffbehang oder Flechtwerk, welches 
den Raumabschluß vermittelte. Die zwei wesentlichen Theile der 
Wand, entsprechend ihrer eigensten Funktion, sind der Sockel 
und die Füllungsfläche. Der Sockel zeigt an, daß die Wand 
als etwas Auswärtsstrebendes getragen werden muß, gestützt 
werden muß, um ihre tragende, ufsteigende Tendenz zur Geltung 
zu bringen. Der Theil über dem Siackel dient einfach dem 
Ausdruck des Raumabschlusses mit leiser Betonnng der auf— 
strebenden Tendenz. Der Sockel, in der Regel bis zu den Fenster— 
brüstungen gehend, unterscheidet fich als tragendes Element von 
der Flächenfüllung der Wand schon durch seine Farbe; er muß 
dunkler als diese sein und so seine mehr kompaktere Ratur an— 
zeigen. — Die Füllungsflächen der Wand koönnen gemustert oder 
einfarbig sein, in jedem Falle aber soll eine gewiffe konstruktive 
Anordnung dabei zu Ausdruck kommen, welche darauf hinweist, 
daß die eigentlichen Füllungen von einem Rahmen oder-⸗ Latten— 
werk getragen und gehalten siud. Am einfachsten erreicht man 
dieses dadurch, daß die Wand der Breite nach durch aufsteigende, 
auf dem Sockel aufstehende, andersfarbige Streifen in Felder 
zetheilt wird, welche je nach der Größe der Wand eins oder 
mebrfarbig angeordnet werden. 
Ueber der eigentlichen Füllwand wird endlich ein mehr oder 
weniger breiter Fries angebracht. Dieser Fries hat zunächst 
eine symbolische Bedeutung. Er deutet an, daß die einzelnen 
'nneren Wände eines Hauses in Beziehung zu einem großen 
Hanzen, den das ganze Haus umspannenden großen Umfaffungs— 
wänden stehen, und daß jene sich diesen unterordnen. Der Fries 
deutet und bezieht sich auf einen leeren Raum, der in frühester 
Zeit, als die inneren Wände durch verstellbares Rahmenwerk, 
vie heute noch im Orient, hergestellt wurden, zwischen diesen 
uneren Wänden und der gemeinsamen Decke thaktsächlich be— 
tand. — Dieser Fries hat aber zweitens auch einen größeren 
praktischen Zweck. Durch hellere oder dunklere Farbengebung 
und durch größere oder mindere Höhe kann ein niedriges Zimmer 
den Eindruck größerer Höhe und umgekehrt erlangen. Endlich 
hat dieser Fries noch ein ästhetisches Moment: er verhindert 
die zu große Ausdehnung der Füllungsfläche der Wand nach 
oben zu und stimmt die Wand zu einem gewissen Dreiklang, 
der in Seckel, Füllung und Fries musikalisch harmonirt. Durch 
diese Dreitheilung wird auch das Anbringen der Bilder auf und 
an der Wand von selbst bestimmt: sie erhalten den Platz an 
der Füllungsfläche und zwar nach einem ästhetischen Erfahrungs— 
jatz etwas über die Mitte derselben. Dadurch kommen sie in 
eine Höhe, die mit dem Auge des stehenden erwachsenen Menschen 
in horizontal gleicher eder nur wenig darüber hinausgehender 
Linie liegt, können genau betrachtet und gesehen werden, erfüllen 
ailso ihren Zweck, während sie heutzutage vielfach dem Auge hoch 
entrückt, nur eingerahmte, mehr oder weniger helle oder buͤnte 
Flecken an der Wand bedeuten. 
Die Geschichte der Ausstattung der Wand zeigt uns, daß 
diese Gesichtspunkte früher allgemein maaßgebend waren. Die 
Wände in Pompeji zeigen die Dreitheilung der Wand mit einem 
Bild in der Füllungsfläche so durchgehends angewendet und befolgt, 
daß über die Absichtlichkeit dieser Anordnung kein Zweifel be— 
stehen kann. — Im Mittelalter war die Wand mit Teppichen 
behängt, welche an einem, in einem ziemlichen Abstand von der 
Decke angebrachten Gesimse aufgehängt waren und bis zum 
hohen Sockel niederhingen. (Schluß felgt.) 
Haus Nr.: 
7 66 
do 6730 7410 7410 
s 270 2968 2αͥ 
180180 180 180 
Kostete d. Erwerb. 
Macht bei 4 pCt. 
Miethszins p. a. 
Davon ab Mictbe 
a. d. Part⸗Wohn. 
Es bleiben also für: 
Nr. 1262 Stuben 
und Küche 
Nr. 7.8 3Stuben 
und Küche 
Feru. 2pGt. Abtrag 
Vom Erwerb jähr— 
lich zu leisten: 
1000 
4 A 
240243,20 264,10 
180 180 1180 
H0 9 
60 63201 8760! 
80 
8 620 116.349 116.340 
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20121bo138 bo 
ISO iS, 2u9 22αναο αb äb 
134 135.10 148.20 148.20 
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Diese Zabhlen sprechen für sich selbst! Rob. Müller. 
Unsere Wohnung und ihre Cinrichtung. 
Von Dr. J. Stockbauer. 
Alles, was Kunst und Kunstgewerbe zu schaffen im Stande 
sind, erhält erst seinen eigentlichen Werth und seine volle Be— 
deutung, wenn es mit dem Menschen in direkte Beziehung tritt, 
und dieses geschieht am Umfassendsten in der Wohnungq in un— 
serem Haus. 
Zu einer Zeit, als das Zurmiethewohnen noch zur Aus— 
nahme gehörte und die eigene Wohnung gleichbedeutend war 
mit dem eigenen Haus, spielte die Ausschmückung derselben eine 
wesentlich andere und größere Rolle, als heutzutage. Die Freude 
am Besitz, und zwar am dauernden, auf Kinder und Kindeskinder 
zu vererbenden Besitz, machte das Haus und die Wehnung zu 
einem Schatzkasten der Kunst und des Kunstgewerbes, und jede 
Generation trug in ihrer Weise und Art bei, den Schatz zu ver— 
mehren und zu vergrößern. 
Mit der Ausbildung unserer Mithssystems in Bezug auf 
die Wohnungen und infolge der nach der französischen Revolution 
eingetretenen Nüchternheit in allen Zierkünsten siund unsere 
Wohnungen weit von jenem Geiste abgekommen, der in unseren 
Häusern wehte; die Leerheit und Nuͤchternheit wurde Prinzip 
und jede, noch so geringe Ausschmückung wurde im Interesse der 
Billigkeit der Wohnung vermieden. Ein einfacher Holzboden 
eine von oben bis unten tapezirte Wand, darüber eine Decke 
weiß getüncht, höchstens mit einer kleinen Rosette in der Mitte, 
— das ist das gewöhnliche Maaß der Ausschmückung der 
Wohnungen des kleineren Bürgerstandes geworden und hat sich 
als Gesetz für die billigeren Miethswohnungen ausgebildet 
Gerade aber der Arbeiterstand, der mittlere und kleinere 
Bürgerstand, dem die Genüsse des Reichthums und der Wohl 
habenheit versagt sind, soll durch eine gewisse Lust und Freude 
an seiner Wohnung für vieles Andere entschädigt werden: diese 
soll ihm ein Heiligthum werden, in das er sich nach des Taget 
Arbeit in der Werkstätte zurücksehnt, sie soll ihm Ruhe und 
Frieden gewähren, sein Herz erfrischen und seinen Geist in 
wohlthuender Weise anregen. Daß dieses moͤglich ist, ohne er— 
hoͤhtere Kosten, das soll hier dargelegt werden
	        

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