Full text: Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 49, Bd. 8, 1889)

der Streit um den Meistertitel und die Angriffe auf die neuen Innungen. 
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Der Streit um den Meistertitel und die Angriffe auf die neuen Innungen.“ 
In den jetzt fehr lebendigen Streit der deutschen Hand— 
verker, bezw. in die überall eifrige Werbung um den Titel 
Meisier“ hat leider das Erkenntniß eines mitteldeutschen Ge⸗ 
ichts eine allgemeine Verwirrung der Anschauungen gebracht: 
as Gerichtsamt zu N.“') erkannte ehne Weiteres einem Gewerbe⸗ 
reibenden die Berechtigung zur Führung des Meistertitels rund⸗ 
veg ab, obwohl nach heutigem Gewerberecht nur in Betreff der 
Fuͤhrung des Titels Innungsmeister“ eine Beschränkung besteht, 
nsofern als Leute, welche einer Innung nicht angehören, folge— 
ichtiger Weise sich diese Benennung auch nicht beilegen dürfen. 
Im üebrigen aber darf den einfachen Titel „Meister? sich jeder 
elbstaͤndige Gewerbsmann beilegen, gleichviel, ob er seine Lehrzeit 
dentlich ausgehalten und eine Prüfung bestanden hat, oder nicht. 
In gleich verkehrter Weise, wie das oben erwähnte Gerichts⸗ 
imt, derfuͤhr ein schlesischer Regierungspräsident. Nach der „Kreuz— 
Zeitung“? wenigstens ist an die Innungsvorstände ein Hinweis 
arauf ergangen, daß „der fragliche Titel, sei es nur „Meister“ 
»der „Innungsmeister“, nur denjenigen Gewerbetreibenden zu— 
estanden werden könne, welche innerhalb einer Innung sich 
Aieses Prädikat durch Erfüllung der hierfür aufgestellten Vor— 
wussetzungen vorschriftsmäßig erworben haben.“ „Es liegt“ — 
o soll der Regicrungspräsident reskribirt haben — „im Interesse 
der Innungen, die ihnen zukommenden Vorrechte im vollsten 
Maaße zu gebrauchen, bezw. die unbefugte Führung des Meister⸗ 
itels zur strafrechtlichen Ahndung zu bringen.“ 
Diese Verordnung hat sedes Innungémitglied glauben machen 
nüssen, es habe das ausschließliche Vorrecht, sich Meister zu 
dennen, wirklich, während unser Gewerberecht nichts davon weiß. 
Gäbe man jetzt den Innungsmitgliedern das Vorrecht, daß 
uur der, welcher oͤrdnungsmäßig gelernt und das Meisterstück 
emacht hat, endlich einer Innung beigetreten ist, den Titel 
Meifter“ zu führen habe, so entständen Zustände, wie sie sehr 
iele Gewerdsleute gar nicht vermuthen und noch weniger wünschen. 
Bei der heutigen Zersplitternng der Gewerbsleute des gleichen 
dandwerks, bei dem Mangel an Geist für einiges, festes Zu— 
ammenhalten liegen die Lehrverhältnisse der Einzelnen sehr ver— 
chieden. So haben Manche ordnungsmäßig gelernt, auch ihre 
Meisterprüfung bestanden, sind aber keiner Innung beigetreten — 
je würden also nach obigem Reskript den Meistertitel nicht führen 
ȟrfen. Umgekehrt sind viele Gewerbsleute in Innungen, haben 
iber keine Meisterprüfung gemacht — sie würden demnach eben— 
'alls das genannte Vorrecht nicht beanspruchen können. 
Wir 'sind durchaus nicht Gegner der Innungen; es ist 
huen heute eine Reihe von sehr wichtigen Aufgaben zugewiesen, 
Reren Loͤsung dringend nothwendig ist. So lange aber die ein— 
elnen Berufsgenossen ohne Band und Zusammenhang sind, ohne 
orporative Einigung, so lange bleiben, etwa mit Ausnahme 
eicher Städte, jene Aufgaben, wie z. B. des Fachschulwesens 
ür Lehrlinge, der Reform des Herbergswesens, des Arbeits— 
iachweises, der Kassen ꝛc., einfach ungelöst, und der „Wilde“, der 
einen Anschluß an seine Genossen sucht, thut, wie dies leider 
die Erfahrung überall zeigt, überhaupt nichts für's allgemeine 
Beste. Man wird aber die ernsten Aufgaben der neuen In 
aungen nicht dadurch fördern können, daß man im Wege des 
Besetzes Vorschriften über Gesellen- und Meisterprüfung giebt, 
owie die Bedingungen für die Führung des Meistertitels vor 
chreibt. Dies Alles find Punkte, welche jede Innung für ihre 
Hitglieder selbststaͤndig durch ihr Statut zu regeln hat. 
Würde das Gesetz beispielsweise eine Prüfung vorschreiben, 
o befänden sich die gemischten Innungen schon in etwas schwie— 
riger Lage. Solche gemischte Innungen bestehen nicht selten aus 
Angehörigen von 4 bis 6 verschiedenen Gewerben. Wie soll da 
eine Prüfungskommission zusammenkommen, da doch der Glaser 
nicht dem Tischlergesellen das Eramen abnehmen fann? Daher 
ziebt es viele Innungen, die überhaupt keine Prüfung zur Vor— 
ꝛedingung der Aufnahme machen, weil auch das Gesetz keine 
Meisterprüfung verlangt. Die Regelung dieses Punktes muß 
also dem freien Ermessen der Innungen überlassen bleiben, bezw. 
den Satzungen. Sehr Viele, die sich heute ‚„Meister“ nennen. 
»aben es sehr dankbar begrüßt, daß dieses Gebiet den Statuten 
berlassen ist. Auf dem letzten Innungstage führten ein Schneider 
neister aus Magdeburg und ein Schmiedemeister aus Naugard, 
helche Ober- und Prüfungsmeister der dortigen vereinigten Hand— 
verkerinnung sind, das Wort über, bezw. zu Gunsten der Ein⸗ 
ihrung des Befähiguugsnachweises. Sie mußten aber ein— 
estehen, daß sie seibst keinerlei Me sterprüfung gemacht hätten. 
Frotzdem hatten sich Beide in die Präsenzliste als „Meister“ 
ingeschrieben. Wäre das oben zitirte ataamtuche Erkennt⸗ 
iß zu Recht bestehend, so würden Beide sich also eines Verstoßes 
egen die Gewerbeordnung schuldig gemacht haben. Die Reden 
ed beiden Handwerker, welche dahin gipfelten, daß nur, wer eine 
drüfung bestanden habe, zur Führung des Meistertitels be— 
echtigt sein sollte, erregten in der Versammlung sichtliche Un— 
uhe, besonders, als der eine von, Beiden ausführte, daß, wer 
ie Prüfung nicht machen oder nicht nachträglich nachholen wolle, 
ruf den Meisterlitel zu verzichten habe. Es folgten hierauf als— 
ald Amendements mit dem Antrage, daß alle Diejenigen, welche, 
uch ohne geprüft zu sein, sich bisher Meister genannt hätten, 
iesen Titel behalten sollten, auch wenn ein späteres Gesetz be⸗ 
timmen sollte, daß der Titel nur Geprüften zukomme; neue 
hesetze hätten ohnehin ja keine rückwirkende Kraft! Das eitirte 
gerichtliche Erkenntnißz sei nicht genügend begründet, der er— 
ennende Richter durchaus im Irrthum! 
Also — bis heute kann aus der Gewerbeordnung ein Recht 
zuf Untersagung der Führung des Meistertitels gegenüber den 
einer Innung nicht angehörenden selbständigen Gewerbetreibenden 
zurch Innungsmitglieder nicht abgeleitet werden. 
Der Amnag, daß nur Geprüften der Meistertitel zustehen 
olle, wurde von konservativen Abgeordneten schon früher beim 
seichstage eingebracht, damals aber nicht mehr erledigt. Seit 
dem ist die Parlei mit dem Antrage nicht von Neuem gekommen. 
Wie bei dem Mangel geseßlicher Bestimmungen über die 
zührung des einfachen Titels „Meister“ das erwähnte Gerichts 
imt zu der oben besprochenen Entscheidung kommen, bezw. ein 
Hlesischer Regierungspräsident dazu gelangen konnte, eine diesem 
ichterlichen Erkenntniß parallele Verordnung zu erlassen, ist uns 
reilich nicht faßbar. 
Die Innungen sind durch diese Entscheidung und Ver— 
rdnung, wie dies garnicht zu verwundern ist, irre geführt 
vorden“ In mehreren Orten, so z. B. in Frankfurt a. M., 
atten die Innungen einen Strafantrag gegen einen Nicht— 
ingehörigen der Innung wegen, „unberechtigter“ Führung des 
didels „Meister“ gestellt, und wirklich ging der Amttanwalt da— 
auf ein, er erhob die Anklage. Das Gericht aber lehnte die 
zröffnung des Hauptverfahrens gegen den betreffenden Hand— 
verker ab aus solgenden Gründen: Da 5 149 unter Ziffer 8 
er Gewerbeordnung nur Denjenigen mit Strafe bedroht, welcher, 
hne einer Innung anzugehören, sich als „Innungsmeister? be— 
eichnet, Beklagter aber sich lediglich „Schuhmachermeister“ ge— 
jannt hat, so ist derselbe ꝛ. ꝛc. 
Aus Hannover ließen sich die Journale berichten, daß sich 
uch der preußische Handelsminister (Fürst Bismarck) in einem 
Frlasse dahin ausgesprochen habe, daß er den Ausführungen jenes 
Herichts zu N. nicht beizupflichten vermöge. 
Auch der Inhalt des Berichtes der Reichstagskommission 
som 16. Mai 1881, welcher über den Entwurf eines Gesetzes, 
etreffend die Abänderung der Gewerbeordnung, zu berathen 
atte, sowie besonders der Inhalt der Verhandlungen des Reichs⸗ 
ages in der Sitzung vom 9. Mai 1883 über den Antrag Baum— 
ach und Genofsen wegen Streichung der Nr. 8 in 8 149, der 
hewerbeordnung: „mit Geldstrafe bis zu 30 Mk. und im Un— 
ermögensfalle mit Haft bis zu acht, Tagen wird bestraft, wer, 
hne einer Innung anzugehören, sich als Innungsmeister be— 
eichnet“, ließ gar keinen Zweifel daruͤber, daß nach der Absicht 
es Gesetzgebers nur die Beilegung der Bezeichnung „Innungs— 
neister“ seitens eines Gewerbetreibenden, welcher einer Innung 
zicht angehört, der obigen Strafvorschrift unterliegen solle. 
Ebenso stellt der erwähnte handelsministerielle Erlaß die 
zrage des Meistertitels mit dieser Begründung klar und erachtet 
3 hicht für zuläffig, daß seitens der Verwaltungsbehörden ein 
Finschteiten Jegen“ die Beilegung der einfachen Bezeichnung 
Meister“ herbeigeführt werde. Die Verwaltungs-Behörden 
MNach der „Deutschen Indnstrie-Zeitung.“ FJ 
Naumbura. Wir batten s. Z. die bezügl. Entscheidung veröffentlicht. 
Red. des „Baugew.-Blattes.“'
	        

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