366 K. J. B. Neher
Verzögerung der Arbeit eine überaus gutherzige Geduld.
Schuchardt und Eckermann, die ehemaligen Sekretäre
Goethes, machten deſſen Worten Chre: Edel ſei der
Mensch, hilfreich und gut. Neher ſagte einmal ſcherzend,
er müsse sich zuweilen besinnen, ob er den alten Herrn
nicht noch ſselbſt in Weimar gesehen habe, ſo viel haben
ihm die beiden von ihm erzählt. Friedrich Preller,
der bei Nehers Ankunft mit der Ausschmückung des
Härtelſchen Hauſes in Leipzig beſchäftigt gewesen war,
hatte nach ſeiner Rückkehr den alten Freund mit ge-
wohnter Herzlichkeit in seine Familie aufgenommen.
Im Hauſe des Oberbaudirektors Coudray (17751845),
wo die Mutter der kurz zuvor geſtorbenen Gattin dem
Hauſe vorstand, las Marie, die liebliche Tochter, dem
augenkranken Hausfreunde manchen Abend hinter dem
Lichtſchirme aus Schiller und Goethe vor. Dafür be-
grüßte der Künstler Fräulein Marie, nachdem sie im
Winter 1837 eine ſchwere Krankheit überstanden hatte,
an ihrem Geburtstage im Frühjahr 1838 mit einer
Zeichnung, welche sinnvoll die drei heiligen Frauen am
Auferstehungsmorgen darstellte. An dieſem Tage wurde
sie seine Braut. Die Trauung Follte stattfinden, wenn
das Schillerzimmer vollendet wäre. Aber troßdem, daß
Neher im Sommer jenes Jahres die Seebäder in Nizza
gebrauchte, konnten seine Augen noch immer keine An-
strengung ertragen. Seine Lage fing an, ernstlich be-
denklich zu werden. In dieser Not rief er den alten
Freund Kögl, der sich inzwiſchen noch unbeſchäftigt in
München aufhielt, zu Hilfe. Kögl kam und sie arbeiteten
wieder so einträchtig zuſammen, wie am Iſarthor. Im
Winter 1839940 wurde das Schillerzimmer fertig und