Volltext : Deutsches Baugewerks-Blatt : Wochenschr. für d. Interessen d. prakt. Baugewerks (Jg. 55, Bd. 14, 1895)

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Jugend;  es  gestattet  eine  sehr  weitreichende  Ausnützung  der  Baustelle, ­
  indem  ein  Teil  der  Brausebäder  bequem  in  den  höher  gelegenen ­
  Stockwerken  untergebracht  werden  kann  und  dadurch  nicht  nur
eine  sehr  erhebliche  Verringerung  der  Anlagekosten,  sondern  auch  die
Möglichkeit  gewährt  ist,  die  Baustelle  wegen  des  geringen  Raumbedürfnisses ­
  in  den  dichtbevölkertsten  Stadtteilen  aussuchen  zu  können.
Im  Erdgeschoß  wären  die  erforderlichen  zwei  langgestreckten  Bassins
von  nur  etwa  3,0  m  Breite  anzubringen,  welche  wegen  der  Benützung ­
  durch  Kinder  und  Erwachsene  verschiedene  Wassertiefe  erhalten ­
  müssen  und  von  allen  Seiten  durch  zum  Sitzen  eingerichtete
ca.  0,35  in  hohe  und  breite  Stufen  zugänglich  zu  machen  wären.
Neben  diesen  Bassins  wären  noch  verschiedene  und  zwar  bewegliche,
nach  dem  Belieben  des  Badenden  jeden  Körperteil  kräftig  bestreichende
Brausen  anzubringen.  Für  Liebhaber  von  Wannenbädern  kann  dann
noch  durch  Herstellung  einiger  Zellen  mit  Wannen  Sorge  getragen
werden.  Die  Frage  der  Verbindung  eines  solchen  Volksbads  mit
komplizierteren  Badeeinrichtungen,  z.  B.  mit  Dampf-,  römisch-irischen
und  mit  Medizinalbädern  kann  von  Fall  zu  Fall  entschieden  werden,
die  Hauptanlage  wird  hiedurch  nicht  berührt;  aus  dem  gleichen
Grunde  wollen  wir  daher  auch  auf  die  im  Interesse  der  weniger
Bemittelten  so  wünschenswerte  Verbindung  des  Volksbads  mit  einer
Waschanstalt  hier  nicht  näher  eingehen.
Die  Frequenz  der  Bäder  durch  Männer  und  Frauen  ist  eine
auffallend  verschiedene;  es  baden  z.  B.  durchschnittlich  in  Wannenbädern ­
  zweimal  mehr  Männer  wie  Frauen,  bei  Brausebädern  ist  sogar
das  Verhältnis  gewöhnlich  —  10  :  1.  Im  Winter  sinkt  die  Frequenz
sehr  bedeutend,  da  das  Bedürfnis  in  dieser  Zeit  selbstverständlich
ein  viel  geringeres  ist,  als  im  Sommer.  Bei  einem  auf  mehrere
Stockwerke  verteilten  Bad  wird  daher  der  unterste  Raum  als  der
frequenteste  das  ganze  Jahr  über  geöffnet  bleiben  können,  die  Oeffnung
und  Schließung  der  weiter  verfügbaren  Baderäume  in  den  oberen
Stockwerken  aber  mit  der  Zu-  und  Abnahme  der  äußeren  Temperatur ­
  erfolgen,  der  Betrieb  und  hiebei  namentlich  der  Brenmnaterialienverbrauch
  also  ganz  dem  jeweilig  vorhandenen  Bedürfnis  sich  anpassen
lassen.  Das  Lassarsche  Volksbad  in  Berlin  hat  schon  bei  einem
Preis  von  10  ^  pro  Person  die  Ausgaben  gedeckt;  es  ist  bei  der
Einfachheit  der  Anlage  dieser  Preis  jedenfalls  als  ein  Maximum
zu  betrachten,  welcher  für  Kinder  und  Lehrlinge  sich  sogar  auf
5  ^  wird  ermäßigen  lassen.  Das  klassenweise  Baden  der  Schulkinder ­
  hätte  in  den  Bassins  und  mittels  der  Brausen  im  Erdgeschoß ­
  zu  geschehen  und  zwar  unseres  Erachtens  ohne  Erhebung
einer  Abgabe  hiefür.  Eine  solche  Badanlage  hat  neben  den  eigentlichen ­
  für  die  verschiedenen  Geschlechter  räumlich  oder  nur  zeitlich
zu  trennenden  Zellen  u.  s.  w.  wie  das  Lassarsche  Bad  noch  Bedürfnisanstalten ­
  ,  die  Wasch-  und  Trockenräume  für  die  Wäsche,
einen  nach  Geschlechtern  getrennten  Warteraum  sowie  die  Kasse  zu
enthalten  und  kann  für  etwa  60  zu  gleicher  Zeit,  bezw.  für  600
bis  700  an  einem  Tag  badende  Personen  einschließlich  Grunderwerbung ­
  und  aller  sonstigen  Unkosten  um  ca.  50  000  erstellt  werden.
Aus  der  der  Stadt  Stuttgart  von  dem  schon  erwähnten  ungenannten ­
  Geber  zu  solchem  Zwecke  zur  Verfügung  gestellten  Mitteln
könnten  somit  4  solcher  Anstalten  in  verschiedenen  Teilen  der  Stadt
errichtet  werden,  welche  wie  in  Karlsruhe  den  Namen  ihres  Stifters
auf  ferne  Zeiten  bringen  würden.
Will  man  solche  Badanstalten  zu  Gunsten  der  Erniedrigung
der  Eintrittspreise  für  weniger  Bemittelte  rentabel  machen,  so  kann
man  jederzeit  bestimmte  Räume  außerhalb  der  üblichen  Feierstunden
für  Dritte  um  erhöhte  Eintrittspreise  reservieren.  An  manchen
Orten,  namentlich  an  der  Peripherie  der  Städte  und  in  Mitte  von
Fabriken,  wird  man  zuweilen  zur  Ersparung  an  Anlagekosten  die
Kesselanlage  eines  hier  vorhandenen  industriellen  Etablissements  zur
Heizung  und  zum  Erwärmen  des  Wassers  verwenden  können,  was
namentlich  bei  beschränktem  Winterbetrieb  von  Vorteil  wäre.  Es
ist  unseres  Erachtens  auch  die  Ansetzung  eines  etwas  höheren  Badepreises ­
  während  des  Winters  wohl  gerechtfertigt.
Wenn  wir  noch  zum  Schluß  die  Frage  auswerfen,  von  wem
die  Volksbäder  erbaut  werden  sollen,  so  berühren  wir  hiemit  den
Punkt,  in  welchem  Technik  und  Verwaltung  zusammentreffen  und
wo  die  öffentliche  Wohlthätigkeit  noch  ein  großes  Feld  zu  bebauen
hat.  Da  der  Gemeinde  die  Handhabung  der  Gesundheits-  und

Sittenpolizei  und  deshalb  in  erster  Linie  auch  die  Sorge  für  die
Errichtung  öffentlicher,  jedermann  zugänglicher  Bäder  obliegt,  sofern
solche  noch  nicht  oder  wenigstens  nicht  in  genügendem  Maße  vorhanden ­
  sind,  da  ferner  die  Gemeinde  häufig  allein  das  erforderliche
Wasser  für  die  künstlichen  Bäder  zu  liefern  vermag,  so  erscheint  es
anch  als  eine  Aufgabe  jedes  Gemeinwesens,  hierin  die  Initiative  zu
ergreifen.  Die  großen  Anforderungen,  welche  zur  Zeit  an  die
städtischen  Haushaltungen  und  an  die  Steuerzahler  gestellt  werden,
haben  es  jedoch  wenigstens  in  Deutschland  nur  in  seltenen  Fällen
zugelassen,  daß  die  Gemeinden,  wie  z.  B.  in  Dortmund,  den  Bau
und  den  Betrieb  öffentlicher  Bäder  selbst  in  die  Hand  genommen  haben;
meistens  ging  der  Anstoß  hiezu  von  Privatpersonen  und  Körperschaften
aus,  welche  die  hiezu  erforderlichen  Kapitalien  teils  schenkten,  teils
gegen  sehr  mäßige  Verzinsung  herliehen,  so  daß  seitens  der  Gemeinden
keine  oder  doch  keine  erheblichen  Kosten  mehr  aufzuwenden  waren.
Als  Beispiele  hiefür  sind  neben  Karlsruhe  noch  Bremen,  Hamburg,
Basel  u.  a.  Städte  anzuführen.  Wie  wir  oben  nachgewiesen  zu
haben  glauben,  sind  nun  die  in  diesen  Städten  errichteten  öffentlichen ­
  Bäder  sehr  teuer  zu  stehen  gekommen,  es  sind  hier  unproduktive ­
  Ausgaben  in  großem  Maßstab  gemacht  worden,  welche  wir
durch  unsere  Ausführungen  hier  und  an  andern  noch  nicht  mit  Volksbädern ­
  ausgestatteten  Orten  im  Interesse  der  Sache  zu  verhüten
wünschen.  Rur  dann  wird  es  möglich  sein,  diese  nützlichen  Anlagen
so  allgemein  zu  machen,  wie  dies  in  Deutschland  vor  dem  30  jährigen ­
  Kriege  der  Fall  war,  als  fast  jedes  Dorf  seine  Badestube
besaß,  und  wie  wir  es  heute  noch  in  England  sehen,  welches  in  dieser
Hinsicht  wie  auch  sonst  in  allen  gesundheitlichen,  das  allgemeine
Wohl  betreffenden  Bestrebungen  jedem  anderen  Lande  voranzugehen
pflegt.  Es  wurden  hier  nämlich  schon  im  Jahre  1846  durch  eine
Parlamentsakte  sowohl  Stadtgemeinden  wie  Kirchspiele  ermächtigt,
öffentliche  Bade-  und  Waschanstalten  anzulegen  und  zu  betreiben,
die  Kosten  aber  auf  dem  Weg  der  Gemeindebesteuerung  zu  erheben,
sofern  2 /3  der  in  der  beschließenden  Versammlung  anwesenden  Steuerzahler ­
  sich  hiefür  aussprechen.  Bei  diesen  Anstalten,  in  denen  überall
die  größte  Sauberkeit  und  Wohlanständigkeit  zu  finden  ist,  wird
eine  getrennte  Rechnung  geführt,  welche  von  den  Organen  der  Gemeinde ­
  kontrollirt  und  nach  jedem  Rechnungsabschluß  den  Steuerzahlern ­
  zur  Einsicht  vorgelegt  werden  muß.  Das  in  England  hochgehaltene ­
  Prinzip  der  Selbstverwaltung  wird  dadurch  gewahrt,
daß  die  Leitung  der  Anstalten  3—7  gewählten  Bevollmächtigten
übertragen  wird,  von  welchen  je  ein  Drittel  aus  dem  Ausschuß  jährlich ­
  auszuscheiden  hat.  Die  Anstretenden  sind  jedoch  wieder  wählbar. ­
  Die  wichtigsten  sonstigen  Bestimmungen  und  Nachträge  der
gedachten  Parlamentsakte  sind  in  dem  von  uns  oben  erwähnten
Aufsatz  gleichfalls  enthalten,  und  mag  daher  hier  darauf  verwiesen
werden.  Durch  diese  Bestiinmungen  ist  es  möglich  geworden,  kalte
Bäder  an  Erwachsene  um  10  an  gemeinschaftlich  badende  Kinder
um  5  warme  Bäder  aber  um  den  doppelten  Satz  abzugeben.
Aber  auch  für  Bäder  der  höheren  Klassen  darf  nicht  mehr  als  der
dreifache  Betrag  der  eben  erwähnten  Preise  gefordert  werden.  Bei
offenen  gemeinschaftlich  benützten  Badeplätzen  wird  allgemein  5  ^
pro  Person  verlangt.  Außerdem  sind  die  meisten  künstlichen  Badeanstalten ­
  mit  Waschhäusern  verbunden,  wobei  für  die  Benützung
eines  Waschstandes  für  die  erste  Stunde  10  ^,  für  zwei  Stunden
aber  30  ^  gerechnet  werden.  Wenn  höhere  Gesellschaftsklassen
diese  Waschhäuser  benützen  wollen,  so  bleibt  die  Vereinbarung  der
Preise  der  Verwaltung  überlassen.  Die  Wasserabgabe  erfolgt  seitens
der  Gemeinden  und  Gesellschaften  um  ermäßigte  Preise.  Neben
diesen  öffentlichen  Anstalten  giebt  es  aber  auch  in  England  noch
eine  Menge  von  Privatbädern,  welche  in  der  Regel  von  geschlossenen
Gesellschaften  durch  Ausgabe  von  Aktien  ins  Leben  gerufen  worden
sind  und  sehr  stark  benützt  zu  werden  pflegen,  und  selbstverständlich
ganz  aus  den  eigenen  Einnahmen  und  ohne  jede  Vergünstigung  seitens
der  Gemeinden  unterhalten  werden.
Wir  schließen  mit  dem  Wunsche,  daß  das  uns  hierin  von  den
Engländern  gegebene  gute  Beispiel  auch  hier  zu  Lande,  in  Dorf  und
Stadt,  besonders  aber  in  Stuttgart  bald  Nachahmung  finden,  sowie
daß  der  heutige  Tag  zur  Klärung  der  Anschauungen  beitragen  und
eine  Anregung  zu  einem  thatkräftigen  Vorgehen  in  dieser  mit  dem
Wohl  der  Stadt  so  eng  verknüpften  Angelegenheit  geben  möge.
            
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