Objekt: Romberg's Zeitschrift für praktische Baukunst : zur Kundmachung d. neuesten Erfindungen, Entdeckungen, Erfahrungen u. Ereignisse im Gebiete d. gesammten Hochbauwesens f. Architekten, Hochbauingenieure, Bauherren, Baumeister u. Bauhandwerker (Jg. 1880, Bd. 40, H. 1/24)

307 Zur Frage der Bauausführungen des preußischen Staates. 
als unberechtigt zurückzuweisen, und von diesem Gesichtspunkte war im vorliegenden Falle weit zurückbleiben, so können natur—⸗ 
aus anerkennenswerth. emäß nur zwei Fälle stattfinden, indem entweder das System, 
Allein sachlich dürfte es denn doch an der Hand der ver- dder die allgemeinen Fähigkeiten nicht normal in die Erscheinung 
gleichenden Leistungen zwischen den Bauausführungen des preußischen reten, im ersten Falle also das Uebel, das die Denkschrift haupt⸗ 
Staates und jener anderer Länder schwer werden, die in der ächlich zum Gegenstande hat, und im zweiten jenes, gegen welches 
Denkschrift gemachten Bedenken gegen das vorhandene System in ich der Verfasser der Entgegnung so nachdrücklich verwahren zu 
Preußen zu paralysiren. nüssen glaubte. 
Der Verfasser der Entgegnung sucht hauptsächlich Verwahrung Der Kern der Sache, von allem Persönlichen abgesehen, bleibt 
dagegen einzulegen, daß die künstlerische Befähigung der Bau- mmer die Frage: stehen die Staatsbauten, speciell in den preußischen 
heamten im preußischen Staate gegen jene vor Privat-Architekten Staaten, in allgemeiner und künstlerischer Hinsicht auf der Höhe 
zurückstehen sollte, während die Denkschrift der Hauptsache nach er Zeit, und wenn nicht, welches sind die Ursachen, daß trotz der 
das mangelhafte System im Ganzen zur verurtheilenden Kritik ohen Anforderungen, die in formeller und individueller Beziehung 
nimmt und die künstlerische Minderwerthigkeit der Baubeamten ür den Eintritt in den Staatsdienst gestellt werden, die Resultate 
nehr als nachtheilige Folgen dieses System folgert, also eine eine befriedigenden genannt werden können? 
allmählige Verkümmerung der ursprünglich im gleichen Procent⸗ Um den ersten Punkt zu erledigen, ist es nothwendig, die 
atz gleichwerthigen Fähigkeiten mit dem absolvirten Akademiker der ervorragenden Bauaufgaben in Betracht zu ziehen, welche in 
Privatrichtung deklarirt. Breußen während der letzten 20 Jahre nach den Unternehmungen 
Das ist aber ein großer Unterschied zwischen der Auffassung önig Friedrich Wilhelm IV. zur Erledigung gelangt sind, besonders 
der Denkschrift und jener des Verfassers der Entgegnung; die iber jene Objekte, die auf die Periode nach dem französischen 
erste rügt dem Wesen nach das System, und der Letztere bezieht driege fallen, da nach der Ansicht des Verfassers der Entgegnung 
zdie gemachten Bedenken haupisächlich auf die individuellen Fähig- breußen vor 1870 seine Kraft zur Wehrfähigkeit concentriren 
keiten der Baubeamten selbst, während diese lediglich als Opfer nußte, also für die Kunstförderung weder Mittel noch Zeit 
der Beamtenschablone hingestellt erscheinen. ibrig hatte. 
Daß die Uebelstände, welche die Denkschrift hervorhebt, in Wenn man schon den riesigen Militäretat gegen jene Summe 
Preußen thatsächlich bestehen und allgemein hemmend auf die vergleicht, welche für Kunst und Wissenschaft vom Staate zur 
zffentliche Kunstentwicklung einwirken, ist eine längst allseitig be- Lerfügung gestellt werden, so ist der letztere Aufwand im Ver— 
kannte und gefühlte Thatsache, und ich habe bereits bei einer ältniß zum ersteren gleich Null; vergleichtman aber die Staatsbauten 
inderen Gelegenheit?) auf die mangelhaften Resultate der staat- der letzten Decennien für Kunst und Wissenschaft mit jenen der Militär— 
ichen Bauthätigkeit speciell Berlins hingewiesen, ohne damit auszu- dauten, so verschwinden die ersteren wiederum gegen die letzteren, ganz 
iprechen, daß die Privatbauthätigkeit theilweise nicht ebenfalls sehyr ibgesehen davon, daß dieselben auf äußerst primitive Ausstattung 
aiel zu wünschen übrig lasse; aber der Staat als solcher hat der allge- ingewiesen waren. 
meinen Kunstentwicklung und ihrer Förderung gegenüber ganz an⸗ An der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt a,„M., an 
dere Pflichten, als einzelne Privatbaumeister, von denen viele weder er Kölnerstraße in Cassel, an verschiedenen Punkten in und um 
die hinreichende Vorbildung, noch ausreichende künstlerische Faähig- derlin und auch allenthalben auf dem Lande Kasernen und 
zeiten besitzen, den Mangel gründlicher Studien durch Talent zu Nilitärmagazine, wo man tritt und steht; die Staatsbauten für 
ersetzen, und die überhaupt nicht die Aufgabe haben, für das riedliche Zwecke sind nur sporadisch vertreten; außer Berlin noch in 
Allgemeine zu schaffen, also mit ihren Schöpfungen mehr oder der polytechnischen Schule zu Aachen und der Bildergallerie in 
weniger vereinzelten Aufgaben, oder der Speculation folgen. zassel als größere Objekte; in Berlin sind zur Entwicklung gelangt 
Man kann dennoch auf normaler Basis wohl dem Staate dder noch in der Ausführung begriffen: das physiologische Institut, 
einen begründeten Vorwurf machen, wenn seine Leistungen nicht ber Umbau des Handelsministeriums und ein anderes Objekt an der 
den berechtigten Erwartungen entsprechen, während den Privat- Woßstraße, die Bergakademie und das Landwirthschaftliche Museum, 
architekten noch kein allgemeiner Vorwurf treffen kann, da der das neue Polytechnikum und Deutsche Gewerbemuseum, die Reichs— 
etztere der öffentlichen Meinung gegenüber keine so große Ver- dank und eine Anzahl neuer Postgebäude, die naturgemäß mehr 
antwortlichkeit trägt, auch selbst dann, wenn seine Leistungen ils Specialfach auftreten. 
hinter jenen des Baubeamten zurückstehen sollten, vom Staate be— Von den ersteren Objekten ist wohl nur die Reichsbank von 
soldet werden, also weniger als der etwa unbemittelte Privatarchi- Hitzig und die Casseler Gallerie von Rothfelzer von hervorragender 
tekt den Kampf um's Dasein durchzukämpfen haben. Bedeutung, die letztere namentlich bezüalich der vortrefflichen Be— 
Schon auf Grund dieser Vortheile würde demnach der Bau- euchtungsresultate. 
beamte bei gleichem Procentsatze individueller Fähigkeiten normal Das Physiologische Institut an der neuen Wilhelmstraße ist 
mehr zu leisten im Stande sein müssen, als die Privatarchitekten n der äußeren Architektur von sehr unglücklicher Entwicklung und 
im Allgemeinen, denen überdieß im Privatwege weit weniger esonders die vereinzelten Fenstereinfassungen in Sandstein, die 
Gelegenheit gegeben ist, sich mit größeren Monumentalbauten zu dunten Terracottenfriese zeugen nicht von künstlerischem Verständniß 
beschäftigen, als das bei den periodisch auftretenden Staatsbauten ür Farbe und schöne monumentale Verhältnisse; das deutsche 
der Fall ist. Hewerbemuseum wird in der Vollendung ein nüchterner Bau, 
Wenn demnach 2 posteriori dennoch die Leistungen des ind die innere Architektur mit den flach gespannten Gurtbogen 
Staates mit einem Heere gut geschulter und vor Nahrungssorgen der Hauptsäle steht nicht auf jenem Höhepunkt normaler An⸗ 
zeschützter Baubeamten hinter denen der Privatthätigkeit und dorderungen, wie man sie bei einem Museum selbst niederen 
— NRombera'che Zeitschrift No. 6, 7, 10. 11. 12 (1880 Ranges voraussest. 
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