Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung IV. 
Beule’sche Tor ist aus antiken Bauresten erst in 
römischer Zeit errichtet worden. Unvergleichlich 
aber ist allezeit das Nebeneinander der beiden 
Haupttempel Parthenon und Erechtheion. Dieser 
zart und bescheiden, jener gewaltig und groß, 
jeder den anderen steigernd, des einen Größe, des 
anderen Feinheit betonend und die edelsten mensch 
lichen Gegensätze widerspiegelnd: männliche Kraft 
und Würde, weibliche Schönheit und zarte Emp 
findung. 
Tafel 25. Fig. 1. Höhenverhältnisse ioni 
scher und korinthischer Säulen. Niketempel 
(Material: Marmor). 
u. D. = 0,528 m; Sh. = 4,07 m = rd. 8 1 /! m. D., 
o. D. — 0,43 m, 
m. D. = 0,48 m. 
Gebälkhöhe = 1,166 m = rd. 2^ m. D., 
Achsabstand = 1,58 m = rd. 3 u. D., 
Gebälkhöhe: Säulenhöhe = 1:3,5; m. D.: 1.(Intervall) 
= 1 :2,3. 
Fig. 2. Erechtheion, Nordhalle (Material: 
Marmor). 
u. D. = 0,85 m; Sh. = 7,65 m = 9 u. D., 
o. D. = 0,70 m, 
m. D. = 0,775 m. 
Gebälkhöhe = 1,68 m = rd. 2 u. D., 
Achsabstand = 3,08 m = rd. 4m.D.;m. D.: l. = 1 :3. 
Fig. 3. Athena-Tempel, Priene (Material: 
Marmor). 
u. D. = 1,27 m; Sh. = rd. 11,4 m, 
o. D. - 1,12 m, 
m. D. = 1,18 m = 4 Fuß von 0,295 m. 
Gebälkhöhe ohne Fries (mit Sima) rd. 2,07 m = 7 F., 
„ mit „ (ohne „ ) rd. 2,65 m = 9 F., 
Achsabstand = 3,54 m = 12 Fuß; m. D.: I. = 1:2. 
Dem ganzen Bau ist das Fußmaß von 0,295 m 
zugrunde gelegt. Mit dem unteren Durchmesser 
kommt man nicht zu klaren Verhältniszahlen. 
Fig. 4. Lysikrates-Denkmal, Athen (Ma 
terial: Marmor). 
u. D. = 0,356 m; Sh. = 3,54 m, 
Gebälkhöhe = 0,82 m =273 u. D. 
Tafel 26. Ostportikus des Erechtheion 
(Material: weißer Marmor). Hauptbeispiel der attisch 
ionischen Ordnung; vollendet in der Harmonie der 
Gliederung und der Einzelformen. Der Schmuck 
der Basen, die prachtvollen Halsglieder, die reichen 
Linien in den Voluten, all die feinen Astragale 
und Eierstäbe, der allseitige Figurenfries auf dunkel 
blauem Stein mit weiß aufgesetzten Marmorrelief 
figuren, all die reichen Formen in ihrer ursprüng 
lichen Farbigkeit ordnen sich streng in die archi 
tektonischen Hauptlinien ein, bilden aber einen 
prickelnden, bewußt wirkenden Gegensatz dazu. 
Die Wand der Cella ist in der Zeichnung unrich 
23 
tig wiedergegeben. Nach neueren Untersuchungen 
war die Türe kleiner; links und rechts davon befan 
den sich jedoch schmale hohe Fenster mit reich pro 
filierten Umrahmungen. Der Akroterienschmuck 
ist nicht nach antiken Vorbildern gezeichnet. 
Tafel 27. Niketempel, Athen (Material: 
weißer Marmor). Der kleine Bau ist das erste 
ionische Bauwerk auf der Akropolis. Die Anlage 
ist einfach. Zwischen einer viersäuligen, offenen 
Vor- und Hinterhalle liegt die kleine Cella, deren 
Ostwand fast ganz offen ist. Neben der Tür lagen 
vergitterte Fenster. Beides: eine offene Vorhalle 
ohne seitlichen Wandabschluß und Cellafenster, 
war der dorischen Bauweise fremd, ln Griechen 
land bleibt auch der Gegensatz bestehen zwischen 
dem dorischen Peripteros und dem ionischen Cella 
bau mit offener Vorhalle. Es gibt hier keine ioni 
schen Peripteraltempel wie in Kleinasien. 
Interessant ist die Eckbildung an der Cella 
wand. Nach den Vorhallen hin treten den Säulen 
entsprechende flache Pfeiler vor, die nach außen 
nur als schmale Leisten erscheinen. Hierbei ist 
die Tradition vom dorischen Bau her stärker (vgl. 
die dorischen Anten), als der frei schaltende künst 
lerische Wille. Ionisch ist aber wieder der zwi 
schen Stufen und Wand vermittelnde fein profilierte 
Sockel, dem oben an der isodomen Quaderwand 
ein außerordentlich zartes Gesimsglied entspricht. 
So ist die Wand selbst ähnlich wie die Säulen 
mit Basis und Kapitell gegliedert. Ein dreiteiliger 
Architrav mit kräftiger Leiste ruht darüber, beide 
verbindend. Im allseitigen Figurenfries zeigt sich 
nochmals die große Lust, jeden Bauteil durch reiche 
Gliederung zu betonen. So wird die Ausdrucks 
fähigkeit des Ganzen noch gesteigert. In Ionien 
führte solches Verzieren leicht zum Übermaß. Das 
zeigen auch die altionischen Gebäude, die nach 
Delphi gestiftet worden sind, ln Attika fanden sich 
die Meister der Beschränkung, die, in der dorischen 
»Bauhütte« geschult, ein sicheres Gefühl für die 
Harmonie, das Ebenmäßige hatten und in den Ge 
bäuden der Akropolis einen neuen ionischen Kanon 
schufen. Dieser wirkte nach Kleinasien zurück 
und eroberte im korinthischen Stil die Welt. 
Tafel 28. Asiatisch-ionischeSäulenfüße 
(Material: Marmor). Bezeichnend für die alter 
tümlichen kleinasiatisch-ionischen Basen ist, daß 
sie aus einem hohen gekehlten Unterglied und aus 
einem meist etwas kleineren Wulstglied darüber 
bestehen. Beide Teile sind in archaischer Zeit 
mit außerordentlich zarten Riefelungen geradezu 
liniert, wie auch die Säulenschäfte damals mit 
vielen schmalen Kannelüren versehen waren. Sicher 
war das eine absichtliche Kunstform; verflimmernde 
Licht- und Schattenlinien erzeugten eine weiche 
24
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.