Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung IV. 
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sehen, daß in der Zeit von der Mitte des 5. Jahr 
hunderts bis in das 2. Jahrhundert hinein die 
Säulenhöhe zunimmt, die Oebälkhöhe aber ver 
mindert wird. Auch die Verjüngung des Schaftes 
wird geringer (von */« zu YO und die Kapitellhöhe 
nimmt ab. Eine gleichmäßige Veränderung der 
Maßverhältnisse aller Einzelheiten ist natürlich nicht 
zu erwarten. Attische und asiatisch-ionische Bauten 
sind dabei ganz verschieden; auch die absoluten 
Orößenverhältnisse spielen eine Rolle, abgesehen 
von Absichtlichkeiten der bauführenden Leute und 
örtlichen Überlieferungen. Die Oesamtentwicklung 
vom vollgesättigten Stil des 5. Jahrhunderts in den 
mageren überschlanken der späteren Zeit, läßt sich 
aus den Tabellen aber deutlich ablesen. 
Tafel 40. Fig. 1 u. 2. Ionische Oebälke. 
Vom Erechtheion (Material: weißer Marmor, Fries 
platten eleusinischer blauschwarzer Stein, Figuren 
in weißem Marmor aufgesetzt). Fig. 3 u. 4. Vom 
Tempel in Priene (weißer Marmor). 
Das attisch-ionische Gebälk neben dem klein 
asiatisch-ionischen. Alles ist entsprechend den 
schlanken Säulen feiner und leichter durchgebildet 
als im dorischen Stil. Der Architrav besteht meist 
aus drei nach vorne wenig übereinander vortreten 
den Streifen (Faszien), die eine deutliche Erinne 
rung an den ursprünglichen Holzbau gewisser 
maßen versteinert enthalten — an einen Holzbau 
aus dünnen Kanthölzern (vgl. die Iykischen Felsen 
gräber, III, Tafel 8). Eine Steigerung der Größe 
dieser Streifen nach oben, wie sie in Priene er 
scheint und später allgemein üblich ist, wurde am 
Erechtheion und am Niketempel noch nicht ver 
sucht; umgekehrt ist dort die unterste Faszie als 
wichtigster Tragbalken höher als die beiden oberen. 
Den Architrav bekrönt ein Kymationglied, bald ein 
lesbisches mit Astragal und mit Platte (Fig. 1), 
bald ein Eierstabkyma mit Hohlkehle (Fig. 3). 
Darüber folgt der Fries; sicher am attischen Bau, 
dagegen am Athenatempel in Priene bestritten. 
Die ursprüngliche kleinasiatisch-ionische Bauweise 
kannte den Fries über dem Architrav nicht; dort 
folgte konstruktiv richtig sofort der Zahnschnitt, 
d. h. die kräftig ausladenden Köpfe der Decken 
balken, die so hoch waren, wie etwa eine Faszie 
des dreiteiligen Architravs. Diese Anordnung findet 
sich auch an ionischen Grabfassaden in Lykien, 
am Hallenbau des pergamenischen Altars, am 
Leonidaion in Olympia und an der Korenhalle des 
Erechtheions. 
In Griechenland wird dagegen schon an den 
Bauten des 6. Jahrhunderts in Delphi und dann 
an den klassischen in Athen ein Fries auf das 
Epistyl gesetzt und der Zahnschnitt weggelassen. 
War es die Absicht, dem Gebälk dadurch eine 
größere Höhe zu geben, oder ist der Figurenfries 
in Anlehnung an das dorische Triglyphon über 
den Architrav gesetzt worden? Wir wissen es nicht. 
Ununterbrochen aber umzog nun der Fries das 
Gebäude, Raum bietend zu umfangreichen Relief 
darstellungen. Dieser Bildfries hat sich, ähnlich wie 
die attische Basis, auch in Kleinasien eingebürgert, 
vielleicht also schon in Priene und am Mausoleum 
des Pytheos, sicher aber an den großen späteren 
ionischen Bauwerken in Magnesia, Didymae u. a. 
Über dem Fries oder über dem Zahnschnitt 
folgt als Überleitung zur Hängeplatte (Geison) ein 
Kymation mit Astragal. Niedrig, weit ausladend, 
erinnert auch die Hängeplatte wenigstens bei klein 
asiatischen Formen an den Holzstil. Ein Giebel 
fehlte ursprünglich. Der ionische Bau hatte ein 
ebenes Dach. Das beweist allein schon die Bil 
dung des Geisons. Das dorische Gesims hat eine 
schräg geneigte Unterseite; in seinen Mutulen er 
kennt man eine Reminiszenz an die Bohlensparren 
seines Giebeldaches. Hier aber am ionischen Ge 
sims fehlt jeder Hinweis auf ein Giebeldach, die 
Platte hat nur eine Wassernase. Tatsächlich gab 
es horizontal abgedeckte ionische Bauten noch in 
klassischer Zeit: die Halle am Pergamonaltar, der 
große Tempel in Didymae, abgesehen von all den 
alten vorpersischen Bauten, von denen zu wenig 
mehr erhalten ist, und von den Iykischen Fels 
fassaden (vgl. III, Tafel 8). Der Giebel am ioni 
schen Bau ist ebenso wie der Peripteros und wie 
wahrscheinlich auch die Stellung des Frieses nur 
als eine Anleihe an den Dorismus zu verstehen. 
So hat der ionische Stil erst durch den dorischen 
seine höchste Entwicklung und monumentale Voll 
endung bekommen. 
Tafel 41. Asiatisch-ionische Gebälke. 
Beide Figuren zeigen den späteren ionischen Stil. 
Der Architrav hat bereits die schwächliche untere 
Faszie, bei beiden ist auch die Abstufung nicht 
so schön wie bei Priene (vgl. Tafel 42, Fig. 1). 
Die rein dekorative und inhaltlose Friesverzierung 
entspricht ebenso späterem Gebaren. Zahnschnitt 
und Zwischenglieder sind niedriger geworden; 
statt des strengen Eierstabs vermitteln kleinliche 
Profilleisten nach oben und unten den Übergang. 
In Fig. 1 ist die Sima als Hohlkehle gebildet, 
was einer Vorliebe zu ägyptisierenden Formen in 
der hellenistischen Zeit entspricht. 
Tafel42 u.43. Fig.l—3. Asiatisch-ionische 
Hallendecke. Schema eines kleinasiatisch-ioni 
schen Peripteros mit ringsum gleich breiter Halle, 
gleichen Säulenabständen und völlig axialer Bin 
dung des Pterons mit den Cellawänden. Bei dieser 
streng organisierten Anordnung sind von jeder 
Säulenachse aus nach der Innenwand Querbalken
	        

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