Abteilung IV.
gelegt, zwischen denen je eine einzige Kassette
von großer Spannweite liegt. Wenn die Anten
breite gleich der Architravbreite ist, wird der Unter
schied der Querbalken b und c in der Breite nicht
nötig sein. Ein Ausgleich bei nicht übereinstim
mender Breite im Anlagemaß findet auch durch den
bei allen griechischen Quaderwänden vorhandenen
leichten Anzug statt. Die Zeichnung unserer Tafel
stützt sich im wesentlichen auf die Aufnahmen
vom Tempel in Priene, von dem Fig. 4 eine je
doch nicht ganz zutreffende Einzelheit gibt. Nach
den neuesten Vermutungen hatte zwar der Tempel
wahrscheinlich einen Fries, aber der Steinschnitt
des ganzen Oebälkaufbaus ist wesentlich anders.
Ganz sicher ist freilich die Annahme nicht. Da
jedoch auch das berühmte, von dem gleichen
Architekten Pytheos erbaute Mausoleum in Hali
carnaß nach den wahrscheinlichen Ergänzungen
von Newton, Niemann und Dinsmoor einen Fries
besaß, ist die Annahme auch für Priene berechtigt.
Tafel 44. Fig. 1. Ionische Anten- und
Pfeilerkapitelle. Ante von der Ostportikus des
Erechtheions (Marmor). Eigentlich ist es weniger ein
Antenkapitell als eine durchlaufende Wandbekrö
nung, verschieden von dem ionischen Pfeilerkapitell,
wie es in Kleinasien vorkommt (vgl. Tafel 42). Das
athenische Beispiel entspricht der älteren Art reicher
Eierstableisten. Seine feine, fast filigranartige Zeich
nung ist von äußerster Sorgfalt und feinster Durch
bildung, gleichmäßig die ganze Fläche überziehend.
Fig. 2—4. Später wird ein lockerer Stil üblich;
der Akanthus tritt in den Vordergrund und ent
wickelt aus seinem Organismus eine neue Formen
welt an Stelle der ursprünglich geometrischen De
koration. Es entstehen prachtvoll bewegte Ranken
gebilde von stets symmetrischer Komposition.
Nicht immer ist die einfassende Bandform der sog.
Sofakapitelle so hart, wie es Fig. 3 zeigt.
Tafel45—48. Fig. 1—3. Gesimsprofile und
Gliederverzierungen vom Erechtheion
(Material: Marmor). Ante der Ostportikus n. Gr.
Die Anten des Erechtheions sind wohl mit ioni
schem Ornament geziert, aber im Grunde genom
men ist die Idee des künstlerischen Aufbaues der
Ante dorisch (vgl. Tafel 9 u. 16a und im Gegen
satz dazu die ionische Pilasterkapitellform Tafel 42).
Den Hals schmückt ein weit vom ionischen Vor
bild abgewandelter Lotos- und Palmettenfries, von
feinster Ausführung und lebendiger Bewegung in
Linie und Fläche. Darüber folgt der Eierstab mit
sehr spitz ovalen Formen, tief und scharf ge
schnitten, dann ein Perlband und noch ein lesbi
sches Kyma von ebensolcher fast metallisch prä
ziser und tiefgezeichneter Form. Alle Zierglieder
sind genau axial übereinandergesetzt.
Fig. 4. Die oberste Bekrönung des Architravs
an der Nordportikus mit Perlband, lesbischem
Kyma und Deckplatte ist in der Form gleich, aber
vielleicht etwas stumpfer als an der Osthalle.
Fig. 5. Der obere Abschluß des Hauptgesimses
von der Nordhalle in V 2 n. Gr. mit dem Eierstab
glied und Perlband. Darüber folgte an denTrauf-
seiten eine Sima, am horizontalen Giebelgeison
bildete die Eierstabkante eine fein gekräuselte Um
rißlinie.
Die Abbildungen auf Tafel 45—48 sind wegen
ihres großen Maßstabes zur deutlichen Anschauung
der so unglaublich zart organisierten Einzelheiten
besonders wertvoll.
Tafel 49. Pilasterkapitelle und Zwischen
fries vom Tempel des Apollon Didymaios
bei Milet (Material: Marmor). Die Cellawand des
Riesenbaues war nach innen durch schwach vor
tretende Pilaster gegliedert. Diese trugen wech
selnde Kapitellformen, von denen Fig. 1 u. 3 Bei
spiele geben. Die Form dieser Pilasterkapitelle geht
auf Altionisches zurück. Sie ist hier entsprechend
der Zeit (3.—2. Jahrhundert v. Chr.) verfeinert und
mit reichen Ornamentfüllungen versehen. Die Seiten
ansicht Fig. 2 zeigt ebenso wie die beiden Vorder
ansichten die sprudelnde Fülle von Gestaltungs
formen, deren der griechische Akanthus stets fähig
war; dabei wird stets am gesetzmäßigen Aufbau
organischen Wachstums festgehalten. Kelch- und
Wurzelblätter, köstliche Ranken und Voluten mit
ihren fein gerieften und gedrehten Stengeln, zarte
Palmetten und Blüten bilden die stets in neuen
Rhythmen wiederkehrenden Motive. So gut die
Grundform des Kapitells uralt ist — sie kommt
von einer Dekoration mit seitlich überfallenden
Blättern, und ist wohl nichts anderes als eine
Übertragung dieses dem korinthischen Kapitell
eigenen Motives auf den rechteckigen Pfeiler —,
so sind auch die Einzelmotive der Ornamentfül
lungen alt: nämlich die nach Wappenart sich gegen
überstehenden Greife und das Mittelrankenstück
nach dem Vorbild alter Rankenakroterien. Zwischen
den Pilastern wurde eine Ornamentzone friesartig
fortgeführt.
Tafel 50 u. 51. Karyatidenhalle am Erech
theion (Material: Marmor). Das ist der zierlichste
Teil des ganzen Baues, ein Kabinettstück ionischer
Architektur, und dabei nur ein Treppenhaus (vgl.
Fig. 7F). Sechs Mädchenfiguren von vollendeter
Bildung tragen statt Säulen und Pfeilern die Last
der Decke. Staunenswert ist die Einstellung einer
menschlichen Figur in das tektonische Gerüst, ohne
daß das geringste Unbehagen für den Beschauer
entsteht. Prachtvoll die bewegte Ruhe der Figuren,
deren Gewandlinien in die stützende Richtung hin-
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