Volltext : Erläuternder Text (Textband)

Abteilung  VI.

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natischen  Bau  des  Julius  Argentarius  belegt.  Eine
Entwicklung  aus  dem  harten  Achtecksraum  zu
einem  durch  offene  Halbkreisnischen  erweiterten
Polygon  von  größter  Durchsichtigkeit,  technischer
Vollendung  und  einst  reichster  musivischer  Ausstattung. ­
  In  Ravenna  ist  alles  aus  dem  5.  und
6.  Jahrhundert  stark  byzantinisch  beeinflußt.  Wir
bemerken  das  hier  in  der  Bildung  der  Apsis,  in
der  Zweigeschossigkeit  des  Baues,  aber  vor  allem
in  der  Anlage  der  ausgebauchten  Exhedren  am
zentralen  Achteck.  DieVorliebe  für  das  Hineinziehen ­
  eines  Raumes  in  den  anderen
ist  spezifisch  byzantinisch  (vgl.  dazu
Tafel  12—16).  Im  Gegensatz  zu  Konstantinopels
gleichzeitigen  Riesenbauten  ist  der  Innnenraum
mit  15 1 /*  m  Durchmesser  bescheiden.  Die  Beweglichkeit ­
  im  Wölben  hat  hier  gegenüber  der
römischen  Übung  noch  zugenommen.  Tonnengewölbe ­
  von  wechselnder  Breite  und  wechselnden ­
  Stichkappen  bilden  eine  vortreffliche  und
ungezwungene  Überdeckung  der  bewegten  Umgangsräume. ­
  Wichtig  ist  ferner  die  unter  dem
Dache  angelegte  einhüftige  Tonne  als  Widerlager
für  die  Kuppel.  Verstärkte  Wandpfeiler  und  Eckstreben ­
  treten  aus  dem  Organismus  der  Mauer
hervor.  Das  alles  sind  Anzeichen  einer  neuen  Entwicklung, ­
  die  hinausführt  über  die  großartige,  aber
noch  schwerfällige  Bildung  der  römischen  Gewölbekonstruktionen ­
  zu  einer  immer  klarer  und
bewußter  werdenden  Anordnung  der  Stützen  und
Lasten.  Im  Innern  ist  vom  musivischen  Schmuck
noch  manches  wertvolle  Bild  erhalten:  in  der  Apsis
Christus  auf  der  Weltkugel,  umgeben  von  Engeln
und  Heiligen;  an  der  Seitenwand  Bildnisse  Justinians
  und  der  Theodora.
Tafel  12.  Die  Kirche  der  H.  Sergius  und
Bacchus  in  Konstantinopel  (begonnen  527)
zeigt  dasselbe  Grundrißmotiv  des  zentralen  Raumes
wie  S.  Vitale,  jedoch  mit  der  wichtigen  Abweichung,
daß  die  Achteckseiten,  die  zu  den  umschließenden
Rechtecken  parallel  gerichtet  sind,  keine  halbkreisförmig ­
  ausgebogenen  Exhedren,  sondern  eine  geradlinige ­
  Säulenstellung  besitzen.  Aber  nicht  der
Wechsel  zwischen  beiden  Motiven  als  solcher  ist
wichtig,  sondern  die  trotz  des  zentralen  Raumes
erreichte  Richtungslinie  im  Raum,  die  im  Presbyterium ­
  ihre  stärkste  Betonung  findet,  ln  der
Sophienkirche  (vgl.  Tafel  13)  wird  diese  Vereinigung ­
  vom  Zentralraum  mit  Langhausrichtung  ins
Große  gesteigert.  Kennzeichnend  für  Byzanz  im
Gegensatz  zu  Ravenna  ist  die  rechtwinkelige  Umschließung ­
  des  inneren  Achteckraumes,  der  große
Narthex,  die  zweigeschossige  Fensteranlage  in  der
Apsis  und  die  Sichtbarkeit  der  Kuppel  im  Äußern.
Abweichend  ist  auch  die  Konstruktion  der  Kuppel,

die  über  den  Hängezwickeln  am  zylindrischen  Tambour ­
  auf  16  Rippen  ruht,  zwischen  denen  geblähte ­
  Kappen  eingespannt  sind,  sogenannte  Segelgewölbe. ­
  Besondere  Widerlager  sind  bei  der  sehr
geschickten  Druckverteilung  bei  den  tief  angesetzten ­
  Rippen,  den  starken  Pfeilern  mit  schwerer
Übermauerung  der  Bögen  nicht  mehr  nötig.
Tafel  13—16.  Sophienkirche  in  Konstantinopel. ­
  »Ich  habe  dich  übertroffen,  o  Salomo,«  rief
Justinian  am  27.  Dezember  537  bei  der  Einweihung
dieses  herrlichen  Baues.  In  der  Tat  bildet  diese
seit  1453  als  Moschee  dienende  Kirche  nicht  nur
den  Höhepunkt  der  byzantinischen  Baukunst,  sondern ­
  eine  der  bedeutsamsten  Raumschöpfungen
aller  Zeiten,  eine  seltsame  Vereinigung  von  Zentral- ­
  und  Longitudinalbau,  eine  Lösung  des  ewigen
Widerstreites  der  beiden  Raumgegensätze  für  die
erst  in  der  Spätrenaissance  neue  ebenbürtige  Leistungen ­
  gefunden  worden  sind.  Anthemios  von
Tralles  und  Isidoros  von  Milet  begannen  den  Bau
532  nach  dem  Brand  einer  älteren,  vermutlich
basilikalen  Sophienkirche.  Aber  schon  558  stürzte
die  Kuppel  wieder  ein.  Justinian  ließ  sie  sofort
mit  stärkeren  Widerlagern  und  in  größerer  Höhe
von  dem  jüngeren  Isidoros  wieder  aufbauen  und
erlebte  noch  ihre  Vollendung.
Grundgedanke  ist  der  zentrale  Kuppelraum,  ein
Quadrat  mit  Kalottenkuppel  über  dem  eingeschriebenen ­
  Kreis.  Zwei  Quadratseiten  sind  ausgebogen
zu  Halbkreisexhedren,  und  diese  wiederum  sind
durch  kleinere  Rundnischen  und  je  eine  tiefer  geführte ­
  Mittelnische  gegliedert.  So  entsteht  im  Zentralbau ­
  die  Längsrichtung.  Die  Halbkuppelgewölbe
über  den  großen  Exhedren  führen  die  Wölbelinie
vom  Kuppelscheitel  hinunter  auf  die  Stichkappen
der  kleineren  Rund-  und  Rechtecknischen,  und  deren
kleinste  Gewölbe  leiten  sie  endlich  bis  auf  den
allgemeinen  Kämpfer  des  Raumes  hinab.  Das  bedeutet ­
  nicht  nur  räumlich  ein  harmonisches  Zusammenklingen ­
  all  dergleichen  Wölbeformen,  sondern
auch  eine  großartige  Steigerung  von  der  kleinsten  zur
größten  Einheit.  Es  bedeutet  auch  konstruktiv  ein
bewundernswertes  System  von  Streben  und  Widerlagern ­
  für  die  Kuppel,  die  über  dem  Lichtkreis
von  40  kleinen  Fenstern  zu  schweben  scheint,  ein
System,  das  dadurch  noch  günstiger  gestaltet  wird,
daß  die  Vierungsbögen  etwa  um  ^io  der  Spannweite ­
  überhöhte  Halbkreise  sind.  Auf  beiden  Langseiten, ­
  wo  die  geraden  Abschlußwände  unter  den
Vierungsbögen  stehen,  sind  gewaltige  Strebepfeiler
vorgelegt,  welche  die  Seitenräume  in  je  drei  Abteilungen ­
  trennen.  Der  reiche  Stützenapparat  dieser
Wände  und  der  Nischen  ist  vorzüglich  abgestuft
in  Höhen-  und  Maßverhältnis:  oben  kleinere  Öffnungen ­
  als  unten,  daher  engere  Säulenstellung;
            
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