Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung VIII. 
ist eine absichtlich unentwickelte zurückhaltende 
Gotik, die ihre Strebebögen unter dem Seiten 
schiffdach verbirgt. 
Tafel 6 u. 7. Jochbildung der Kirche 
S. Yved zu Braisne. (Grundriß vgl. Tafel 2, 
Fig. 7.) Typische französische Frühgotik. Säulen 
basilika von bescheidenen, aber wohlabgestimmten 
Abmessungen, verhältnismäßig breiträumig. Man 
erkennt in Fig. 4 den fabelhaften, weit über die 
Notwendigkeit hinausgehenden Aufwand am Strebe 
system. Gerade umgekehrt wie bei deutschen An 
lagen wird bei französischen auf die Hinausver 
legung der im Gewölbe wirkenden Kräfte der aller 
größte Wert gelegt. Man denkt zunächst nur an 
das Innere. So entsteht auch in der Frühzeit das 
Triforium als Rest der oft aus konstruktiven Grün 
den eingeschalteten Empore, als geeigneter Um 
gang in der Dachhöhe und zur Belebung der 
Schildwand; ein ästhetisch außerordentlich wert 
volles Verbindungsglied zwischen Arkade und 
Hochwandfenster. Es ergibt sich so auch im 
Aufbau eine Dreiteilung wie im Grundriß. Die 
reizende Form des Triforium zeigt hier noch keine 
Verbindung mit den darüberliegenden Fenstern; 
die Dienste sind noch nicht über die Rundpfeiler 
heruntergezogen, sondern stehen noch auf der 
polygonal gezeichneten Kapitellplatte auf; noch 
sind die Stützen durch korinthisierende Kapitelle 
völlig getrennt von den die Kreuzrippen aufneh 
menden Diensten. Das gibt einen etwas schwerfäl 
ligen Übergang bei N—O— (Fig. 4). Man beachtet 
auch die altertümlich schweren Rippen und Bogen 
profile (vgl. auch Tafel 49) und die großen noch 
ungeteilten Fenster; alles Zeichen der Frühzeit. 
Tafel 8. Jochbildung des Freiburger 
Münsters. Die Ostjoche des Freiburger Lang 
hauses gehen auf Straßburger Einflüsse zurück. 
Von dort scheint der Baumeister sich die Kennt 
nisse der Konstruktion und Form geholt zu haben. 
Aber es ist viel Plumpes und weniger Harmoni 
sches hier entstanden als dort. Merkwürdig sind 
die Raumverhältnisse wegen der breiten Seiten 
schiffe. Mißverstanden sind gotische Einzelheiten, 
z. B. die Pfeilerbildung in Fig. 3, wo die Grund 
linie nicht mehr als Rundkern mit Diensten nach 
westlichem Vorbild, sondern mehr als Bündel 
pfeiler durchgeführt ist; dann das derbe Fenster 
maßwerk und die Blendarkaden unter den Seiten- 
schiffenstern u. a. m. Im Aufbau fehlt das Triforium, 
die Fenster füllen nicht die ganze Schildwand in 
der Breite aus, wie es bei den französischen 
Vorbildern üblich ist, sondern sind schmäler und 
bereits dreiteilig ohne die kleinen Kapitelle an den 
Teilstützen des Maßwerks und mit harter Vier- 
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Egle, Baustil- u. Bauformeulehre. Text von Fiechter, 
paßteilung. Gegenüber den Seitenschiffenstern 
bedeuten diese Änderungen bereits Überleitungen 
zum deutschen spätgotischen Stil. 
Tafel 9. Jochbildung des Straßburger 
Münsters. Reife Hochgotik. Langhaus in kurzer 
Zeit und in einem Zug — wenigstens als Innen 
bau — zum Abschluß gekommen. Trotz der voll 
endeten französischen Konstruktion und französi 
scher Einzelheiten: durchbrochenes Triforium — 
daher Satteldach auf dem Seitenschiff — und Blend 
arkaden unter den Seitenschiffenstern — ein an 
das Triforium anklingendes Motiv —, doch ein 
in der Stimmung abweichendes Raumbild. Das 
kommt von der Weite und Breite der Öffnungen 
und des Querschnitts (man vergleiche daneben das 
französische System Tafel 10 u. 11). In Straßburg 
sind es deutsche Meister gewesen, die ihr deut 
sches Raumgefühl geschickt mit französischen 
Mitteln zum Ausdruck gebracht haben. Das war 
ja überhaupt die Aufgabe der deutschen Gotik 
immer wieder, man wollte nicht französisch bauen, 
sondern die deutschen Bauvorstellungen, die immer 
vom Raum ausgingen, mit dem Fortschritt der fran 
zösischen Konstruktion ausdrücken und steigern. 
Den breiten Raumverhältnissen entspricht die 
größere Breite der Fenster und damit ein reicheres 
vierteiliges Maßwerk. Das ist typisch deutsch und 
wird in der Gotik des 14. Jahrhunderts außer 
ordentlich beliebt. Auch die Vereinfachung des 
Strebeapparates gegenüber Köln und französischen 
Beispielen ist bezeichnend. Die Abneigung gegen 
diese französische Konstruktion wurde schon bei 
den Zisterziensern beobachtet; sie ist der ganzen 
deutschen Gotik eigentümlich. Es gibt in Deutsch 
land außer dem französischen Kölner Dom keine 
Kathedrale mit einem solch verwirrenden Wald von 
Strebepfeilern und Bögen wie in Frankreich die Kathe 
dralen von Paris, le Mans, Amiens und Beauvais. 
TafellOu.il. Jochbildung der Kathe 
drale von Reims. Kraft und Größe ist bei aller 
Pracht das Kennzeichen dieses glänzendsten Bau 
werkes französischer Gotik. Die Grundrisse Fig. 1 
bis 4 zeigen die Bildung der Pfeiler und Wand 
massen, die starke Hinausverlegung der Wider 
lager auf die Strebepfeiler. Auf verhältnismäßig 
dünnen Pfeilern ruht das sehr überspitze Mittel 
schiffgewölbe. Draußen aber, dem Auge von innen 
unsichtbar, stemmen sich wie mächtige Arme gegen 
die Hochwand die doppelten Strebebögen, die aus 
gehen von einem Strebepfeiler, der oben mit Bal 
dachin und Spitzhelm glänzend und großzügig 
dekoriert ist, unten aber eine klar umrissene und 
gewaltig wirkende Masse bildet. Die Hochwand 
fenster füllen die ganze Jochbreite aus. Sie sind 
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