Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung VIII. 
in deutlicher Erinnerung an ihre Entwicklung 
(s. Tafel 76 ff.) zweiteilig und bereits tiefer als der 
Gewölbekämpfer heruntergeführt, aber noch ohne 
formale Bindung mit dem Triforium. Dieses bildet 
als schmaler Umgang wie in S. Yved noch ohne 
eigene Fenster die aus dem ganzen System ge 
forderte künstlerisch notwendige Belebung der 
Hochwand. Wie schwer und leblos ohne solches 
Zwischenglied die Hochwand wirken würde, zeigt 
Freiburg am besten (vgl. Tafel 8). Noch werden 
die Dienste durch zarte Horizontalgurten unter 
brochen in ihrem schlanken Aufwärtsstreben, noch 
stehen sie auf einer Kapitellzone des Jochpfeilers 
auf, dessen Rundkern erst durch vier axial vor 
gelegte Dienste gegliedert ist (vgl. Fig. 2 u. 6). 
Die Unterbrechung der Vertikalen wirkt hier nicht 
mehr so hart wie in S. Yved, auch das Teilungs 
verhältnis ist infolge der starken Höhensteigerung 
gut. Das ganze Aufbausystem atmet Größe und 
Klarheit. Man empfindet: Das Erstrebte ist er 
reicht, die Überwindung der konstruktiven Schwie 
rigkeiten gelungen und ein schöner Formausdruck 
gefunden. So steht die Kathedrale von Reims auf 
dem Höhepunkt der gotischen Bauentwicklung. 
Tafel 12. Kathedrale von Reims: Grund 
risse der Pfeiler usw. Die Abbildungen zeigen 
die Figuren der auf Tafel 11, Figur 6 angegebenen 
Horizontalschnitte. Aus Fig. 1—5 sieht man be 
sonders deutlich die Verhältnisse der Dienste zum 
Rundpfeiler, ferner die auf der Kapitellplatte auf 
sitzenden, zum Teil freistehenden Hochwanddienste 
und den Anschluß an Triforium, Fenster und Ge 
wölbe. Man sieht auch, wie bedeutend größer der 
Tiefe nach der Querschnitt des Pfeilers oben ist 
als unten (vgl. Fig. 6 der vorigen Tafel). Die 
Formen der Rippenprofile sind zum Teil scharf 
kantig eiförmig, zum Teil bereits so gebildet, daß 
sie als Vorstufe zu der später beliebten Birnform 
gelten können. Zu beachten ist auch in Fig. 6 u. 7 
die Grundrißbildung der Fenster und ihrer Mittel 
stützen (vgl. dazu Tafel 76). Es ist noch das 
Prinzip vorherrschend, alle vertikalen Stützenformen 
mit den zarten Stengeln der Dienste zu schmücken 
und zu steigern. 
Tafel 13. Dom in Köln (vgl. das zu Tafel 4 ; 
Fig. 6 Gesagte), ln dem vorliegenden Grundriß 
wird das Mißverhältnis zwischen den Turmbreiten, 
die das Maß der Seitenschiffe sogar noch über 
steigen, und dem Mittelschiff besonders auffallen. Wir 
sehen rechts die Anordnung der Strebepfeiler und 
auch hier wieder deren auffallende Masse gegenüber 
den dünnen Gebilden der eigentlichen Hochwand. 
Tafel 14 u. 15. Jochbildung des Chores 
am Kölner Dom. Schon der Vergleich mit Reims 
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(Tafel 10 u. 11) zeigt die gewaltige Steigerung der 
Bauabsichten und ihrer Durchführung gegenüber der 
maßvollen Reimser Kathedrale. In Köln sind die Ab 
messungen in der Höhe, und durch die Anlage des 
zweiten Seitenschiffes auch im Plan noch gewaltig 
vergrößert. Zugleich sind aber auch alle Pfeiler, alle 
Gliederungen; die Rippen und Bögen, die Maß 
werke und Fialen viel schlanker und dünner, der 
Reichtum an Spitzen und Giebeln ist verviel 
facht, so daß von vornherein ein großer Ab 
stand in der Empfindung zwischen dem Reimser 
Künstler und seiner Zeit und den Bauleuten von 
Köln vorhanden ist. War es in Reims Größe und 
Pracht und volle satte Schönheit, hier ist es Über 
maß im Großen und im Kleinen, in der Anlage 
und in den Türmen, in der Bildung der Einzel 
heiten und im Schmuck. Eine Überfülle von Formen, 
die verwirrend und aufregend wirkt, kein Steinbau 
mehr, sondern ein Gewebe architektonischer Linien. 
Neu gegenüber Reims, aber auch bereits in Straß 
burg (vgl. Tafel 9) angewandt, sind die Fenster 
im Triforium, daher die fatale Dachbildung über 
den Seitenschiffen. Die Fensterflächen erscheinen 
so noch viel größer, und der massive Raumab 
schluß verschwindet fast ganz. Die Gliederung 
im Triforium wird zum Maßwerkfenster. Die 
horizontalen Gurten durchbrechen die vertikalen 
Stützlinien nicht mehr. Alle Dienste werden von 
ihren Kämpfern ab, wo sie noch durch ein Kapitell 
band verziert sind, bis herunter auf den Pfeiler 
sockel geführt. So entstehen Pfeiler, die fast ins 
Unendliche aufzusteigen scheinen. Dem Zug nach 
oben wird keine Gegenbewegung mehr entgegen 
gestellt, alles treibt und strebt hinauf. Der Stein 
wird über seine stoffliche Fähigkeit hinaus ge 
zwungen, diesem Streben sich zu fügen: in dünnsten 
Profilstäben, in Spitzen und Zacken, in zierlichsten 
Maßwerken und Kreuzblumen wächst er hinauf 
und läßt es sich scheinbar gefallen, daß man ver 
gessen hat, wie wenig er dazu geeignet war, daß 
man der ihm innewohnenden Gesetze nicht achtete 
und die Natur zwang. Diese Widernatürlichkeit 
ist aber doch nur in wenigen Fällen so aufs 
äußerste getrieben worden wie in Köln. Vielfach 
haben Baustockungen davon abgehalten, das Geld 
ging aus, die Vernunft gebot Vereinfachung. 
Tafel 16. Chor des Domes zu Köln. Die 
Einzelheiten des Pfeiler- und Rippensystems wer 
den an trefflichen Schnitten erläutert, an denen 
wir den bedeutenden Fortschritt gegenüber den 
gleichen Teilen in Reims ersehen. Die Dienste 
am Rundkern der Pfeiler sind vermehrt, gegen 
Mittel- und Seitenschiff weiter herausgerückt als 
gegen die Arkaden, so daß die Grundform mit 
einer Raute umschrieben werden kann. Fig. 4 
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