Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung VIII. 
anschließt. Sehr geschickt ist eine Abstufung er 
reicht durch das Einrücken der oberen Fenster, 
während die unteren und das Triforium um die 
Breite des schmalen Triforiumganges herausgerückt 
sind und der inneren Flucht ein freies Maßwerk 
entspricht. Die Chorstrebepfeiler zeigen das Re 
lief eines Bogens, sind aber voll gemauert und 
oben reich bekrönt; sie geben zusammen mit den 
Wimpergen, der Balustrade und den Fialen eine 
prachtvolle Steigerung. 
Im Langhaus ist in der Anordnung der Hoch 
wandfenster und dem verkümmerten Triforium 
ein Fortschritt im Sinn deutscher Spätgotik zu 
bemerken, die Fenster füllen nicht mehr das ganze 
Joch aus, an der Zweiteilung wird aber noch fest 
gehalten; jedoch verläßt das obere Maßwerk die 
durch das französische Vorbild geschaffene Grund 
form (vgl. Tafel 76), während das untere fast früh 
gotisch hart, aber etwas ungeschickt gebildet ist. 
Auch das Strebesystem weicht vom französischen 
ab. Eine weitere Vereinfachung zeigt sich in der 
Gestalt der Wimperge und in der lockeren Form 
der Balustradenmaßwerke. Über dem Seitenschiff 
wird dieses Bauglied sogar um die Strebepfeiler 
herumgeführt: das verrät uns einen Zug des 
Geistes, den wir in der Spätgotik am Werk finden, 
nämlich: die Einheiten der Joche enger zu ver 
schmelzen und das Trennende der Pfeiler und 
Stützen zu überwinden. 
Tafel 24. Jochbildung der Elisabethen 
kirche zu Marburg (vgl. Tafel 2, Fig. 8). Etwas 
Unfreies, Unharmonisches liegt in den engen Achsen, 
den hohen, überspitzen Seitenschiffarkaden und den 
gestelzten Gewölben dieser frühen »Hallenkirche«. 
Der Hallenquerschnitt hatte den Vorzug, daß 
Strebebögen vermieden werden konnten. Der 
Strebebogen war in Deutschland ja nie beliebt, 
man hat ihn stets soviel als möglich unterdrückt 
oder doch sehr bescheiden ausgebildet. Der 
Typus Hallenkirche hat seinen Ursprung vielleicht 
in den südlichsten deutschen Gauen. Nicht un 
möglich ist der Urtyp in den bescheidenen roma 
nischen Hallen mit 1—3 Apsiden zu suchen, wie 
er in romanischen Kapellen und Unterkirchen ge 
rade im Alpengebiet und Oberitalien vorkam. Doch 
ist die Frage seiner Herkunft noch nicht sicher 
beantwortet. Er erscheint uns im 13. Jahrhundert 
nur vereinzelt, wird im 14. und 15. Jahrhundert aber 
immer häufiger angewandt und hat eine starke 
Abkehr vom französisch-gotischen System im Ge 
folge. In den Aufbauformen arbeitet der Meister 
mit den Mitteln der französischen Gotik: Grund 
pfeiler mit Diensten, zweigeschossige Anlage und 
Bildung der Fenster sogar mit äußeren Umgängen 
und Durchlässen in den Strebepfeilern. Ein 
strenger, auf alles kleine Beiwerk verzichtender 
Zug beherrscht die ganze Anordnung. 
Tafel 25. Elisabethenkirche in Mar 
burg. Die Fassade (1360 vollendet) gehört zu 
den spätesten Teilen des Baues. Vermutlich ist 
das zierliche gotische, in seiner Anlage noch an 
romanische Vorläufer erinnernde Portal etwa um 
1280 entstanden. Das folgende Fenstergeschoß 
wird mit dem Abschluß des Gewölbes des Lang 
hauses 1314 zusammenfallen, die Türme sind 1360 
vollendet worden. Abgesehen von dem kleinlichen 
Aufsatz über dem Mittelschiff ist es ein mit der 
harmonischen Führung der Umrißlinien sich be 
gnügender Aufbau von eindrucksvoller Kraft. Man 
beachtet, wie sich die in den unteren Teilen noch 
häufige Horizontale gegen oben immer mehr ver 
liert, und wie die Strebepfeiler zur pyramidalen 
Verjüngung der Türme beitragen. 
Tafel 26. Joch d,er Kapelle zu S. Ger- 
main en Laye. Aus der Reifezeit der französischen 
Gotik, aber nicht von der gleichen Vollendung und 
Schönheit wie die Ste. Chapelle in Paris. Das System 
hat am einschiffigen Bau mit natürlicher Folgerichtig 
keit zu großer Höheentwicklung der Fenster geführt. 
Eine Blendarkade umgibt den unteren Teil der Wand 
wie ein Triforium, darüber ist ein Umgang, das 
Fenstergerippe ist in die äußere Mauerschale ver 
legt und oben entsprechend der Abdeckung des 
engen Zwischenraumes zwischen Fensterwand und 
Schildbogen und anschließend an das horizontale 
Gesims und die darauf stehende Brüstung gerad 
linig abgeschlossen. Besonders starr wirkt das 
Maßwerk; es hat etwas mathematisch Hartes; auch 
das Gesamtfensterverhältnis ist unbefriedigend. 
Tafel 27. Jochbildung des Chores der 
Heiligkreuzkirche zu Gmünd. Die Gmün 
der Kirche ist eine der berühmtesten Hallenkirchen. 
Man vergleicht zuerst ihren Querschnitt (Fig. 3) 
mit dem durch die Marburger Kirche (Tafel 24). 
Die Vorteile fallen ins Auge: Weite Achsen, schlanke 
Pfeiler, wohltuende Gewölbelinien, Ausnützung des 
Raumes zwischen den Strebepfeilern zur Erweiterung 
des Innern. Mit der Gmünder Kirche steht eine 
eigentliche schwäbische Bauschule in Verbindung, 
die etwa von 1350 bis zu Beginn des 16. Jahrhun 
derts wirksam war. Kennzeichen dieser Schule sind: 
das Hallensystem, eine mächtige Choranlage, die 
durch Umführung des ganzen Systems um das Poly 
gon eines Binnenchors gebildet wird, und ein nied 
riger Kapellenkranz zwischen den Strebepfeilern. Der 
Chor der Gmünder Kirche (etwa 20 bis 30 Jahre 
jünger als das Langhaus) gehört eben diesem 
Typus an, der gewissermaßen eine basilikale Ord 
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