Full text: Erläuternder Text (Textband) (1905)

Abteilung VIII. 
nung des Aufbaues im Relief zeigt (Fig. 3 u. 4) 
und geschickt zwischen die schwere Masse der 
Strebepfeiler zur räumlichen Erweiterung Kapellen 
einbezieht. So entsteht bei einer einfachen Kon 
struktion eine reichere Abstufung als z. B. in 
Regensburg am Dom. Die Verteilung des Reich 
tums ist jedoch hier nicht so gut wie dort am 
Chor, die Steigerung nach oben fehlt; auch daß 
die oberen Fenster schmäler sind als die unteren, 
wird nicht als ein Vorzug gewürdigt werden. Die 
Behandlung des Maßwerks zeigt schon große Frei 
heit, aber auch einige wenig gelungene Lösungen. 
Tafel 28. Joch der Frauenkirche in Eß 
lingen*). Wiederum eine Hallenkirche. Sie gehört 
aber nicht zu der vorhin genannten Schule; ein älterer 
Hallentyp (vgl. Taf. 24) scheint hier maßgebend 
gewesen zu sein, der Kapellenkranz zwischen den 
Strebepfeilern fehlt. Die Bildung weist daher 
einige Verschiedenheiten auf: eingeschossige Fenster 
anlage, schlichte Bildung des Aufbaues, vortretende 
Strebepfeilermassen. Das entsprach der stark ver 
einfachenden Richtung, die in Deutschland bis zum 
Ende des Mittelalters, trotz manchen Formen 
reichtums im Einzelnen herrschte. Die Anlage 
stammt aus dem Jahre 1324. Das Langhaus wurde 
1350 begonnen, aber erst nach 1400 fertiggestellt. 
Die Pfeilerbildung (Dienste auf sechsseitigem Kern), 
ebenso die Fenster mit ihrem ziemlich streng ge 
gliederten Maßwerk gehören formal der ersten 
Periode an. Dagegen entstanden die Gewölbe, deren 
stark profilierte Rippen in die Dienste einschnei 
den, ohne daß mehr eine Unterbrechung durch ein 
Kapitell eingeschaltet wäre, in der zweiten Bau 
periode; ebenso auch die Strebepfeilerbekrönungen 
mit den fein geschweiften Verdachungen, ln diesen 
Gebilden äußert sich die einziehende Spätgotik. 
Tafel 29 u. 30. Turm der Frauenkirche 
in Eßlingen. Eine der reizendsten Schöpfungen 
des 15. Jahrhunderts in Süddeutschland! Über dem 
schlichten Untergeschoß mit dem sehr einfachen 
Portal und der vom Langhaus herübergenommenen 
Galerie folgt ein dreigliedriges Hauptgeschoß, dar 
über ein genau halb so hohes Achteck, das den 
reich durchbrochenen Helm trägt. Den Turm hat 
Ulrich Ensinger begonnen, von 1440 ab war Hans 
Böblinger daran tätig (f 1482). 
Besonders reizvoll ist die unsymmetrische An 
lage der Treppentürmchen. Von unten steigt rechts 
das eine an bis zum Umgang über dem quadrati 
schen Turmgeschoß, wo es mit einem fein ge 
schweiften Steinhelm endigt. Die Schneckenstiege 
bis zum oberen Umgang schmiegt sich auf der 
*) »Die Frauenkirche in Eßlingen«. Herausgegeben von 
J. v. Egle. 27 Taf. Imp.-Format nebst Text in Mappe. 
linken Seite an das Achteck an, ist ganz durch 
brochen und auch mit einem Steinhelm gekrönt. 
Durch diese unbekümmerte Gruppierung bekommt 
der Turm einen lebendigen, je nach dem Stand 
punkt des Beschauers wechselnden Umriß, in den 
auch noch die entzückenden Linien der reichen 
Fialen hineinspielen, bis sich alles in dem gleich 
mäßig ansteigenden, zierlich gegliederten Helm 
beruhigt. Aber noch einmal unterbricht ein oberster 
Umgang die aufstrebende Bewegung (man beachtet 
unter diesem Gesichtspunkt auch die als horizon 
tale Akzente wirkenden deutschen spätgotischen 
Krabben, die von den französischen stark verschieden 
sind), bis endlich die Spitze mit ihrer doppelten 
Kreuzblume erreicht wird. In diesem Nachkömmling 
des Freiburger Turmes ist ein gutes Stück mehr von 
deutscher Art verkörpert, als in seinem Vorbild. 
Tafel 31. Turm der Marienkirche zu 
Reutlingen*). Ganz anders als der vorhergehende 
deutsche Turm mutet dieser an. Eine strengere be 
wußtere Gotik hat ihn von unten auf geformt. An 
französische Vorbilder gemahnt die reiche Bildung 
der drei Eingänge, die Fensterrose und die ganze 
Maßwerkzeichnung. Man erwartet eigentlich nach 
der Anlage des Portalbaues zwei Türme, ausgeführt 
wurde aber nur ein Mittelturm. Oberhalb des 
Stabwerks (man denkt an Straßburger Einflüsse) 
endigt plötzlich der ganze Reichtum und die folge 
richtige Fortsetzung der unten angefangenen 
Motive. Ausgesprochene Vereinfachung, spät 
gotische Bildung zeigt sich in der Anlage der 
horizontalen Galerien und der Wimperge. Wie 
weit der obere Teil einem Erneuerungsbau ange 
hört, den der Stadtwerkmeister Peter von Breisach 
unter dem beratenden Beistand des Mathias Böb 
linger nach einem Blitzschlag im Jahr 1494 aus 
geführt hat, ist nicht genau zu sagen. Man möchte 
erwarten, daß nach dem ursprünglichen Plan die 
Eckstreben weiter in die Höhe führen und die an 
sich originelle Auflösung zum Achteck wirksamer 
einrahmen sollten, als es jetzt durch die dünnen 
spätgotischen Eckfialen geschieht. Das überschlanke 
Fensterpaar sowie der geschlossene Helm erinnern 
an westliche Einflüsse. So passen die Teile nicht 
so harmonisch zusammen wie in Eßlingen. Der 
Typus dieser Auflösung vom Quadrat ins Achteck 
kehrt aber in Württemberg einige Male wieder: 
Rottenburg, Tübingen, Nürtingen usw. 
Tafel 32. Hallenkirchen. 
Fig. 1. Stiftskirche Stuttgart. Langhaus 
bau der Stiftskirche begonnen von Meister Eberlin 
*) »Die Marienkirche in Reutlingen«. Eine Denkschrift, 
herausgegeben von Gradmann, Merz u. Dolmetsch. 37 Tafeln 
in gr. 4° nebst 46 Seiten Text m it 33 Abbildungen. 
121 
122
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.