Vorwort.
Vorgänge von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung vollziehen
sich während der letzten zwei Jahrzehnte in China. Eine Monarchie
bricht vor unseren Augen zusammen, die in ihren Wesensformen unverändert
bestand seit der Zeit des zweiten Punischen Krieges, also
früher gegründet ward als die der römischen Cäsaren, von der seit
anderthalb Jahrtausenden nur noch Trümmer zu uns reden. Eine
Kultur steht in gleicher Gefahr, die noch viel älter ist, die in ihren
Grundzügen schon fertig war, als die Ramessiden ihre Tempelkolosse
an den Ufern des Nils erbauten, die sich seit so langen Zeiträumen,
infolge geographischer Abgeschlossenheit, in einer beispiellosen Selbständigkeit
und Eigenart erhielt und gegenwärtig sicher mehr als ein
Fünftel, nach neuesten Angaben vielleicht sogar ein Viertel der gesamten
Menschheit umfaßt; sie ringt heute, seit die Entwicklung des
Weltverkehrs diese Schranken niedergerissen hat, in ihre Grundfesten
erschütternden Kämpfen um die Möglichkeit, gegenüber dem Ansturm
der modernen abendländischen Weltkultur ihr Bestes zu bewahren und
doch die Wege des notwendigen Angleichs an diese Gesittung zu finden.
Ein Wirtschaftsgebiet von allergrößter Bedeutung, sowohl an Ausdehnung,
wie an Ausstattung mit wertvollsten Bodenschätzen und mit intelligenten
und fleißigen Arbeitskräften, ist dabei, sich der gemeinsamen
„Weltwirtschaft“ zu erschließen. Ein Völkerkessel endlich tut sich auf,
der möglicherweise in naher Zukunft auch eine Quelle schwerster Gefahren
werden kann, als Ausgangspunkt einer alles überschwemmenden
Auswanderung oder als Herd furchtbarster revolutionärer Geschehnisse.
Dem durch all dies bei uns erweckten Interesse an der chinesischen
Welt will das vorliegende Buchentgegenkommen mit einer kurzgefaßten
Darstellung des chinesischen Landes und Volkes und der Hauptlinien
seiner jüngsten Entwicklung. Der Darstellung liegt großenteils eigene
Anschauung von China zugrunde; sonst einschlägige Literatur, deren
hauptsächlichste am Schluß zusammengestellt ist.
Berlin, im Herbst 1929.
Georg Wegener.