Das Abhebungsbedürfnis in der Arbeiterschaft 373
vorübergehend drückender oder stetig erhöhender Wirkung *).
Selbst die soziale Reform kann deshalb zu einer noch weiteren
Akzentuierung der bereits infolge der nationalen, lokalen sowie
technischen Differenzierung vorhandenen staffelförmigen
Struktur des proletarischen Gruppenkomplexes beitragen.
Zusammenfassend kann man sagen, daß sich schon im
Schoße der heutigen Arbeiterschaft Tendenzen einer Abgrenzung
nach unten hin bemerkbar machen. Im Mutterleibe
des vierten Standes regt sich bereits der fünfte. Eine
der wesentlichsten Gefahren für den Sozialismus besteht in
der nicht kurzerhand abzuweisenden Hypothese, daß nach
und nach eine Reihe von Schichten des Arbeiterstandes durch
eine kombinierte Aktion der allgemeinen Mehrung des gesellschaftlichen
Reichtums im Verein mit den energischen
Bestrebungen der Arbeiter zur Hebung ihrer Klassenlage auf
eine Höhe gelangen, auf der sie zwar des allgemein menschlichen
Gefühles des Nimmersattseins, das selbst die Millionäre
immerhin nicht vollständig verläßt, nicht verlustig gehen
werden, auf der sie aber doch insofern verbürgerlichen und
sich zufrieden geben werden, als die heiße, aus der Entbehrung
geborene Massensehnsucht nach einem von Grund aus
verschiedenen Gesellschaftssystem ihnen allmählich fremd werden
wird 2 ). Auf solche Weise würde durch einen Prozeß
der Abbröckelung in sozialer Hinsicht gesättigter Gruppen
x ) Deshalb ist es ganz falsch, wenn bei den Debatten über die
Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Einführung der Arbeiterschutzgesetzgebung
und der Wohnungsfrage, wie sie mit besonderer Leidenschaftlichkeit
und großem Gedankenreichtum insbesondere in Italien
geführt wurden (siehe z. B. die Polemik zwischen Gina Lombroso und
Tullio Rossi Doria im Jahrg. 1907 der Zeitschrift „II Socialismo”)
nur die absolut negative und die absolut positive Richtung zum Worte
kommt.
gj “) „Je mehr der Arbeiter bedeutet, desto realistischer wird er.
Legt einen Lorbeerkranz um den unvergeßlichen Marmorkopf von
Marx und zahlt höhere Gewerkschaftsbeiträge als bisher!” (Friedr.
Naumann: „Das Schicksal des Marxismus”. Die Hilfe. XIV, Nr. 41).