Volltext : Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie

Die  Arbeiterführerschaft  proletarischer  Abstammung  377

Daß  der  Gewerkschaftsführer  in  der  einschlägigen  Literatur
von  allen  Arbeiterführern  am  meisten  Freunde  gefunden  hat,
ist  natürlich.  Die  Literatur,  auch  die  soziale,  insbesondere  in
Buchform,  ist  das  Werk  der  Gelehrten  und  Literaten.  Diese
sind  den  Gewerkschaftsführern  in  der  Regel  weit  günstiger
gesinnt  als  den  Führern  der  politischen  Arbeiterbewegung,  weil
die  ersteren  ihnen  weder,  wie  die  letzteren,  ins  Handwerk
pfuschen,  noch  durch  ihre  Abkehr  von  der  überkommenen
Theorie  und  Weltanschauungspolitik  die  Kreise  ihrer  Ideologien ­
  stören.  Man  tut  deshalb  gut,  von  den  in  den  gelehrten
Bänden  anzutreffenden  Lobreden  auf  die  Gewerkschaftsführer
ebensoviel  abzuziehen  wie  von  dem  Tadel,  der  darin  an  die
Adresse  der  Parteiführer  gerichtet  ist.
Man  hat  die  Gewerkschaftsführer  in  bewußten  Gegensatz
zu  den  geschwätzigen  Rabagas  unter  den  verbalrevolutionären
Führern  der  politischen  Arbeiterbewegung  gesetzt  und  ihnen
den  jenen  abgehenden  politischen  Sinn,  d.  h.  die  Einsicht  in
die  ungeheure  Kompliziertheit  des  politischen  und  ökonomischen ­
  Lebens  und  das  rechte  Verständnis  für  das  politisch
Erreichbare,  zugesprochen.  Bei  der  großen  Mehrzahl  der
Revisionisten  und  Reformisten  findet  sich  die  Überschätzung
der  proletarischen  Arbeiterführung  und  ihre  Wertung  als  Hoffnungsanker ­
  aus  dem  Wirrwarr  der  Parteisozialismen  und  dem
Chaos  imüberlegter  „radikaler”  Handlungen 1 ).
An  den  Vergleichen  ist  so  viel  richtig,  als  die  Führer  der
Gewerkschaften  einen  vom  sozialdemokratischen  Führer  in
vieler  Hinsicht  entschieden  abweichenden  Typus  darstellen.
Man  hat  auch  behauptet,  der  Umstand,  daß  er  als  Puffer
J )  Werner  Sombart:  „Dennoch!”  Aus  Theorie  und  Geschichte
der  gewerkschaftlichen  Arbeiterbewegung.  JenalQOO.  Fischer,  S.  90-9I;
Art.  Salucci:  „La  Teoria  dello  Sciopero”,  1.  c.,  S.  152;  Heinrich
Herkner:  „Die  Arbeiterfrage”,  1.  c.,  S.  186;  Beatrix  and  Sidney
Webb:  „Industrial  Democracy”,  1.  c.,  S.  152;  Paul  de  Rousiers:  „Le
Tradeunionisme  en  Angleterre”.  Paris  1897-  Colin,  S.  368.  Eduard
Bernstein:  „Die  Arbeiterbewegung”,  1.  c.,  S.  147.
            
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