Title:
Ostasien in der Krise
Creator:
Wegener, Georg Linde, M. Wertheimer, Fritz Praesent, Hans
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1539155476229_6/25/
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alte große Weltkulturen an großen Strömen und im Kampf mit 
ihnen entstanden sind, in Mesopotamien, in Ägypten, im Pandschab, 
so auch hier und aus den gleichen Gründen. Der Strom war zwar 
Lebensspender, aber zugleich audh gefährlicher Gesell, dessen Über 
schwemmungen gebändigt werden mußten. Das aber konnte nicht 
die Leistung eines Einzelnen sein; das erzwang Zusammenschluß 
der Massen unter einheitlicher Führung; das schuf Ordnungen, Ge 
setze, öffentliche Interessen, die Grundlagen aller Kultur. 
Und gerade der Hwangho erzwang derartiges, denn er ist an 
sich der wildeste, unbändigste aller großen Ströme der Erde. Ein 
Wildbach in riesigstem Stil. Durch die ungeheuren Massen von 
Lößschlamm, mit denen seine Fluten beladen sind, höht er unab 
lässig sein eigenes Bett auf und muß sich neue Wege suchen. So 
hat er von seinem Austritt aus den Bergen von Schansi und Honan, 
soweit wir nicht nur historisch, sondern auch geologisch zurück- 
schauen können, sein Bett unaufhörlich gewechselt; so sehr, daß er 
zeitweilig im Norden von Tientsin mündete, zeitweilig sich sogar 
mit dem Yangtse vereinigte. Seit alters haben deshalb die Chinesen 
ihn in gewaltige Dämme geschlossen, um ihre Äcker zu schützen. 
Aber immer von neuem bricht er sich durch, besonders dann, wenn 
Niedergang der Staatsgewalt die Arbeit an den Dämmen vernach 
lässigen läßt. Noch Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahr 
hunderts mündete er seit Jahrhunderten südlich der Halbinsel 
Schantung, dann brach er, während der furchtbaren Taiping-Re- 
bellion, nach Norden durch, unter entsetzlichen Verwüstungen, und 
mündet jetzt nördlich von der Halbinsel. Schon aber hat er in den 
letzten J ahrzehnten wieder versucht, nach Süden zurückzukehren. So 
nennen ihn die Chinesen häufig den „Kummer Chinas“. Sie dürften 
ihn aber auch mit dem gleichen Recht als den Segen Chinas be 
zeichnen. Nicht nur aus jenem erzieherischen Grunde, sondern auch, 
weil er hauptsächlich mit seinen Alluvionen die Große Chinesische 
Ebene auf gebaut hat, die, mit dem Yangtsedelta zusammen, die 
größten Millionenmassen der Chinesen ernährt. 
In letzter Zeit freilich ist auch hier des Segens, wenn man das 
Anwachsen der Volkszahl als einen solchen bezeichnen will, eher 
zu viel geworden. Auch in China erleben wir im letzten Jahrhun 
dert — geheimnisvollerweise, obwohl hier nichts ähnliches wie in 
Japan als Ursache Vorliegt, ja obwohl gerade das letzte Jahrhun 
dert in China eine Zeit schwersten Niedergangs ist, mit fürchter 
lichen, nicht endenden Revolutionen und Bürgerkriegen, mit Dür
        

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