Title:
Ostasien in der Krise
Creator:
Wegener, Georg Linde, M. Wertheimer, Fritz Praesent, Hans
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1539155476229_6/34/
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arbeitsamen chinesischen Bauern lastet. Aus den von Zeit zu Zeit 
in der europäischen Presse auftauchenden Alarmnachrichten jedoch 
die Schlußfolgerung zu ziehen, daß China über kurz oder lang dem 
Kommunismus bzw. Bolschewismus als reife Frucht in den Schoß 
fallen werde, ist sicher nicht richtig. Chinas Bauern kennen nur 
einen Wunsch: Ruhe im Lande, und sie haben nur eine Hoffnung, 
daß sie bald hergestellt sein möge. Kehren aber einmal wieder 
Ruhe und Ordnung zurück, dann ist der chinesische Bauer der 
erste, der, unbeeinflußt und unbeeinflußbar durch alles, was ab 
seits seines Dorfes vor sich geht, seinen Acker bestellen und ihm in 
harter Arbeit seine Erträge abringen wird. 
Gegenüber seiner auf etwa 350 bis 370 Millionen Menschen zu 
schätzenden bäuerlichen Bevölkerung spielt Chinas Industriearbei 
terschaft zahlenmäßig eine relativ geringe Rolle. Mag man sie auf 
drei Millionen, mag man sie auf das doppelte schätzen, sie stellt 
immerhin bei rein statistischer Betrachtung nur einen geringen 
Bruchteil der chinesischen Gesamtbevölkerung dar. Trotzdem ist sie 
nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch ein wichtiger Fak 
tor, denn sie zeigt einen großen Teil jener Züge, die wir von der 
europäischen Fabrikarbeiterschaft aus der Zeit kennen, in der sich 
die europäischen Agrarstaaten zu Industrieländern zu entwickeln 
begannen. Ein großer Teil der heutigen chinesischen Industriearbei 
terschaft, die zusammengeballt in den großen Städten des Landes 
(Schanghai, Kanton, Hankau, Tientsin usw.) lebt, steht unter dem 
Einfluß gewerkschaftlicher, sozialistischer, kommunistischer Ideen 
des Abendlandes, d. h. ist mehr oder minder radikal eingestellt. 
Sie kämpft um die Verbesserung ihrer Lage, der Arbeitsbedingun 
gen, der Arbeitszeit, des Arbeitslohnes. Die Methoden, die dabei 
entwickelt werden, gleichen vielfach denen in den industriell wei 
ter vorgeschrittenen Ländern: Bildung von Berufsverbänden, Gil 
den, Gewerkschaften und ihre geschlossene Einsetzung bei Streiks, 
Demonstrationen usw. Wenn auch die Arbeitsbedingungen des chi 
nesischen Industrieproletariats während der letzten Jahre ganz 
zweifellos mancherlei Verbesserungen in bezug auf Arbeitszeit und 
Lohn, Verhältnisse in den Fabriken, Frauen- und Kinderarbeit zei 
gen, so ist alles in allem doch noch vieles, selbst wenn man nicht mit 
europäischen Maßstäben mißt, verbesserungsbedürftig. Das kann 
gar nicht anders sein in einem Land, das erst in den allerersten An 
fängen seiner Industrialisierung steckt.
        

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