Full text: Der Hoppenlau-Friedhof in Stuttgart

   
  
  
  
  
Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verfaßte man gerne 
Grabschriften im elegiſchen Versmaß, in Distichen. Weitaus die ſchönste 
gilt einem vierzehnjährigen Knaben: 
Zweierlei Stätten sind übrig von deinem Verweilen auf Erden : 
Eine ein dunkelndes Grab, eine ein mütterlich Herz. 
Neu im einen erwachſt du mit jedem erwachenden Morgen, 
Doch einen Traum nur ließ Gott hier im andern zurück. 
Die Verse stammen von Friedrich Notter. 
Aber vor wie vielen Grabſtätten kommen uns Karl Geroks Worte 
in den Sinn: 
Wo sind die Teuern, denen beim Versenken 
Die Liebe ſchwur ein ewig Angedenken ? 
Leis flüstern diese düsteren Zypressen : 
Vergessen! 
Schließen wir mit einem lichteren Bilde, wie es auf dieſem Friedhof 
einem Anhänger freier Weltanschauung „Am Ahnengrab “ sich gestaltet hat : 
Friedlich spielt die Maiensſonne 
Schwanke Schatten auf das Grab - 
Dringst du nicht, o Frühlingswonne, 
Warm belebend hier hinab ? 
Ja, dich senden wir als Boten : 
Ruf uns einmal noch zurück, 
Heute nur, die teuren Toten, 
Daß sie schaun des Hauſes Glück : 
Elternfreude, Jugendwonne, 
Was manch froher Tag uns gab ~ 
Friedlich streut die Maiensonne 
Licht und Schatten auf das Grab. 
Alles Vergängliche iſt nur ein Gleichnis. Doch das ruhe im Hinter 
grund unserer Betrachtung. Neben dem c<hriſtlichen Auferstehungsglauben 
liegt auch darin ein von Selbstſucht freier tröſtlicher Gedanke, daß 
Menſchen, die ins Große gewirkt haben, selbſt auf dieser unvollkommenen 
Erde durch die Jahrhunderte fortleben. Freilich, gerade die größten Söhne 
unseres Landes fehlen an dieser Stätte; sie, die in alle Welt hinaus- 
gezogen sind, die in freiwilliger oder unfreiwilliger Verbannung ihres 
Daseins Kreise vollendet haben. Aber die Wurzeln ihrer Kraft sind in 
der Heimat; da sind ihre Stammväter, ihre Mütter. 
Und über wie viele andere Geiſter dürfen wir hier stille Heerſchau 
halten! Geht die Nachwelt über Titel und Würden raſch hinweg, so iſt 
  
   
 
	        

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