Volltext : Die Stuttgarter Stadterweiterung

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hiesiger  Stadt  nicht  viele  wirklich  lästige  Anlagen  zu  erwarten  sind“  und  „ausserdem  die
Einrichtungen  derartiger  Betriebe  sich  technisch  immer  mehr  vervollkommnen,  so  dass  sie
für  die  Nachbarschaft  mit  der  Zeit  weniger  lästig  werden“.
Jedenfalls  können  die  Industrie-Viertel  nicht  unbewohnt  bleiben,  man  hat  sich  vielmehr ­
  die  Bebauung  in  der  Art  zu  denken,  dass  die  Fabrikanlagen  in  der  Hauptsache  auf
den  Hinterplätzen  errichtet  und  vorne  an  die  Strassen  Verwaltungs-  und  Wohngebäude  gestellt ­
  werden.  In  dieser  Weise  ist  z.  B.  die  Lepmann’sche  Bettfedernfabrik  bei  Ostheim
zweckmässig  zur  Ausführung  gekommen.
Man  wird  nun  für  diese  3—4stockigen  Bauten  an  den  Strassenfronten  wohl  mindestens
dieselbe  Wolmdichtigkeit  wie  bei  der  vorhergehenden  Kategorie,  d.  h.  von  1  Person  auf
1  laufenden  Meter  Strassenfront,  voraussetzen  können.  Damit  ergiebt  sich  die  Zahl  der  in
den  Industrie-Vierteln  unterzubringenden  Personen  auf  ca.  21  000.
Stellen  wir  nun  für  die  verschiedenen  Abteilungen  vorstehend  bestimmte  Zahlen
zusammen,  so  ergiebt  sich,  dass  im  Erweiterungsgebiet  insgesamt  ungefähr  270  OÖÖ  Menschen
oder  170%  der  gegenwärtigen  Einwohnerzahl  wohnen  können,  während  Dr.  Rettich  nur
122  278  Menschen  oder  7  5%  der  jetzigen  Bevölkerung  gefunden  hat.
Dabei  ist  die  noch  ausstehende  Einlegung  von  Nebenstrassen  und  die  Möglichkeit
der  stärkeren  Heranziehung  der  Hinterplätze  zu  Wohnzwecken  noch  nicht  einmal
b  erücksichtigt.
Der  Unterschied  der  beiden  Rechnungsergebnisse  ist  aber  schon  so  bedeutend,  dass
er  hinreicht,  sämtliche  aus  dieser  Zahl  gefolgerten  Schlüsse  hinfällig  zu  machen  und  damit
das  ganze  Rettich’sche  Gebäude  in’s  Wanken  zu  bringen.
Mit  der  mehr  als  doppelt  so  grossen  Bevölkerungszahl,  welche  im  Stadterweiterungsgebiete ­
  unterzubringen  ist,  verschiebt  sich  in  erster  Linie  der  von  Dr.  Rettich
fixierte  Endtermin,  an  welchem  der  verfügbare  Raum  durch  die  Vergrösserung  der  Stadt
völlig  aufgebraucht  sein  soll,  um  etwa  20  Jahre  über  dieses  Ziel  hinaus.
Es  gestalten  sich  aber  damit  auch  —  und  das  ist  von  grösserer  Bedeutung  —  die
in  den  späteren  Abschnitten  über  die  finanzielle  Wirkung  des  Erweiterungsplanes  auf  den
Haushalt  der  Stadtgemeinde  angestellten  Berechnungen  über  die  einmaligen
und  laufenden  Aufwendungen,  welche  für  die  Anlage  von  Strassen  und  Kanälen,
deren  Unterhaltung  und  Reinigung,  Beleuchtung,  Bewachung  etc.  etc.  im  Stadterweiterungsgebiete ­
  notwendig  werden,  so  wesentlich  anders,  dass  ein  Unterschied  gegenüber  den
seitherigen  Kosten  nicht  mehr  entsteht  und  die  Befürchtung,  „es  werde  die  künftige
Generation  mit  derartigen  Aufwänden  ganz  erheblich  schwerer  belastet  sein,  als  die
jetzige“,  höchst  unbegründet  ist.
Im  allgemeinen  werden  ja  die  Ausgaben  der  Gemeindeverwaltung  mit  der  Ausdehnung
der  Stadt  zunehmen,  allein  die  Anlage  und  Unterhaltung  der  äusseren  Strassen  wird  sich
nicht  in  dem  Masse  kostspieliger  gestalten,  wie  es  der  Verfasser  voraussetzt.  Er  hat  bei
seinen  Berechnungen  ganz  ausser  Acht  gelassen,  dass  die  äusseren  Strassen  einem  geringeren
Verkehr  zu  dienen  haben  und  freier  liegen,  deshalb  auch  meist  nicht  gepflastert  zu  werden
brauchen,  wodurch  sie  weniger  einmaligen  und  weniger  dauernden  Aufwand  erfordern.  Bei
der  Kanalisation  blieb  unberücksichtigt,  dass  die  Kanäle  nach  aussen  naturgemäss  kleiner
werden,  also  auch  geringere  Kosten  verursachen  als  im  Innern;  auch  die  Strassen-Beleuchtung
und  -Bewachung  kann  nach  aussen  weniger  intensiv  angeordnet  und  damit  an  Kosten  gespart ­
  werden.
Sollten  sich  aber  auch  für  die  äusseren  Strassen  etwas  höhere  Ausgaben  ergeben,
so  würden  dieselben  reichlich  ausgeglichen  durch  die  Vorteile  und  Annehmlichkeiten,
welche  das  freiere  Wohnen  in  diesen  Strassen  unbedingt  bietet.  Diese  Aufwendungen  sind  es
überhaupt  keineswegs,  die  das  Bauen  und  das  Wohnen  in  Stuttgart  teuer  machen.  Gegenüber ­
  den  hohen  Bo  den  preisen  und  den  ganz  beträchtlichen  Kosten,  welche  bei  den  Verhältnissen ­
  unseres  coupierten  Terrains  die  Abhebung  der  Baustelle  und  die  Fundationen
  für  den  Aufbau  der  Mehrzahl  der  Häuser  erfordern,  spielen  jene  Ausgaben  und
zwar  sowohl  die  einmaligen  als  die  laufenden  nur  eine  ganz  untergeordnete  Rolle.
Deshalb  kann  nicht  im  Ernste  davon  gesprochen  werden,  dass  aus  diesem  Umstande
„die  Industrie  aus  unserer  Stadt  hinausgedrängt  oder  gar  der  Zuzug  von  Rentiers  nach
Stuttgart  zurückgehalten  werde“.  Von  einem  solch’  nachteiligen,  die  bauliche  Entwicklung  der
Stadt  hemmenden  Einflüsse  unserer  Bauordnung  hat  man  bis  jetzt  nichts  wahrnehmen  können.
Gewiss  wird  jedermann  dem  Ausspruche  Dr.  Rettichs  zustimmen,  dass  „ohne  Industrie,
Handel  und  Verkehr  Stuttgart  eine  tote  Stadt  wäre“.  Dass  unser  Handel  und  Gewerbe
aber  hier  augenblicklich  die  Tendenz  hätten,  in  einen  Zustand  des  Stillstandes  und  Rückganges ­
  oder  gar  des  Absterbens  zu  verfallen,  trifft  glücklicherweise  nicht  zu.
Wenn  die  Steigerung  der  industriellen  Thätigkeit  in  den  letzten  Jahren  etwas
nachgelassen  hat,  so  ist  dies  wohl  der  allgemeinen  ungünstigen  Lage  unserer  Stadt  zu  den
            
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