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Alles zusammen betrachtet, muss man sagen, dass nicht leicht eine Stadt infolge ihrer
natürlichen Lage, ihrer örtlichen und klimatischen Verhältnisse so wenig geeignet ist zur
Durchführung der geschlossenen Bauweise und der Mietskasernen als Stuttgart. Dagegen ist
unsere Stadt für die offene Bauweise und die weiträumige Bebauung wie geschaffen!
Wir wissen wohl, die „Zahnlücken-Abstände“ zwischen unsern Häusern sind Manchem
ein Dorn im Auge; allein der einzige Fehler an ihnen ist, dass sie zu schmal sind. Gerade
der Zug, dem man in denselben ausgesetzt ist, beweist, dass sie die Funktion, die ihnen zukommt,
richtig erfüllen: durch ständigen Luftwechsel die Stagnation der Luft und die Feuchtigkeit
aus den Höfen und Hinterplätzen zu beseitigen. Bei der geschlossenen Bauweise — ohne
Abstände — ist dies einfach nicht möglich! Dr. Rettich glaubt zwar, „es linde hier nach
physikalischem Gesetze eine Ventilation in vertikaler (!) Richtung statt“, welche die horizontale
Lüftung durch die Abstände entbehrlich mache. Diese eigentümliche Meinung steht
aber mit den Thatsachen wie mit den Naturgesetzen in direktem Widerspruch. Der Verfasser
hat ganz ausser Acht gelassen, dass die verdorbene Luft erheblich schwerer ist als die
übrige und dass die wenigsten Höfe so sonnig und luftig gelegen sind, dass sich die dort befindlichen
Luftschichten genügend erwärmen können, um aufzusteigen. Die Mehrzahl der
Höfe bleibt leider feucht und kalt und es fällt dort der Luft gar nicht ein, in die Höhe zu
steigen. Sie stagniert, und was das in sanitärer Beziehung zu bedeuten hat, das mögen
die Herren Aerzte näher erklären.
Diejenigen, welche schon Veranlassung gehabt haben, in den dumpfen Hofräumen zu
Berlin, Hamburg, München etc. sich einige Zeit aufzuhalten, werden von dem dortigen „vertikalen“
Luftwechsel wohl nicht gerade die angenehmste Empfindung mitgenommen und gewiss die
Feberzeugung von der Notwendigkeit des horizontalen Luftdurchzuges gewonnen haben.
Da wir gerade an den „verkannten“ Häuserabständen sind, möchten wir zu deren
Rettung eine Lanze brechen und kurz deren Vorzüge hervorheben:
1. Beim Bauen in Abständen (offene Bauweise) ist der Bauende von seinem Nachbar
viel weniger abhängig, als bei der geschlossenen Bauweise; er hat vollständige Freiheit bezüglich
der Stellung und Anordnung seines Hauses nach aussen und der Einteilung im Innern;
er hat die Möglichkeit, an allen Seiten Fenster anzubringen und dadurch sein Haus besser
einzuteilen, den Platz vorteilhafter auszunützen. Der Verlust, der an der Strassenfront durch
das Freihalten des Abstandes entsteht, kann durch grössere Haustiefe ersetzt werden, so
dass an Grundfläche keine Einbusse entsteht.
2. Durch Anordnung von Doppelhäusern lässt sich der Zwischenabstand teilweise
ersparen.
3. Einzelhäuser lassen sich leichter beliebigen Richtungen und Krümmungen der
Strassen anschliessen, ein Vorteil, der bei den vielen gewundenen Strassen des
Stadterweiterungsplans sehr in Betracht kommt.
4. Die hässlichen toten Giebel, welche bei der geschlossenen Bauweise insolange auftreten,
bis der Nachbar sein Haus auch aufgeführt hat, kommen in Wegfall.
5. Luftwechsel zwischen Strasse und Höfen, infolge dessen vorteilhaftere Ausnützung
der Hinterplätze.
Hierüber haben wir oben schon gesprochen, wir möchten aber, da Dr. Rettich die
Abstände in gesundheitlicher Beziehung so nieder taxiert, nicht versäumen, auf den Ausspruch
einer medizinischen Autorität (Dr. Mein ert in Dresden) über den hygienischen Wert
der Abstände hinzuweisen. Derselbe sagt, „dass bei Kindersterblichkeit an Durchfällen etc. etc.
der Luftwechsel, wie er durch freistehende Häuser herbeigeführt werden kann, noch wichtiger
sei, als das Mass der Wohndichtigkcit innerhalb der Häuser“.
Die offene Bauweise ist in ihrer Anwendung keineswegs auf Villenbez irk e
beschränkt, sie passt auch für gewöhnliche Wohnhäuser und Kleinbauten; dagegen ist sie
da weniger vorteilhaft, wo der Wert des Grundes und Bodens an der Strasse denjenigen des
Hinterplatzes um mehrfaches übersteigt, also in Strassen mit lebhaftem Verkehr, Verkaufsläden
u. s. w. In solchen Fällen wird die geschlossene Bauweise lediglich aus finanziellen
Gründen am Platze sein. Diese Fälle werden sich aber im allgemeinen auf diejenigen
Strassen, bei welchen die erwähnte Voraussetzung zutrifft, also auf die Hauptverkehrsstrassen
zu beschränken haben. In allen übrigen Fällen wird man mit der offenen Bauweise in technischer,
hygienischer und sozialer Hinsicht besser durchkonnnen.
Angesichts der geschilderten Vorzüge der offenen Bauweise und ihrer bewährten Anwendung
in unserer Stadt halten wir das von Dr. Rettich gestellte Verlangen nach Wiederbeseitigung
derselben und Ersetzung durch die Mietskaserne wirklich nicht für begründet,
ja sogar für bedenklich.
Wir sind von der Zweckmässigkeit und Nützlichkeit seiner Vorschläge um so weniger
überzeugt, als wir glauben, dass sie neben den Nachteilen, welche sie mit sich bringen, ihren