Full text: Geschichte der Stadt Stuttgart

Doch ging es unter (einem schwächeren Sohn und Dacbsolger Johann friedrieb (geboren 
sßömpelgard, 5. flßai 1582, f Stuttgart, 18. Juli 1628) einige Jahre ohne merkliche Veränderung 
des Hllgemeinjustandes weiter. Hber 1614 wurde in der Hauptstadt über Zunehmen des Betteins, 
1616 über die vielen in der Stadt wohnenden unverbürgerten Leute, allerlei Schelmengetindel, 
Huren, Näherinnen, Reuter mit Öleib und Kind, Boßler und Lungerer, Stümpler, Landfahrer 
geklagt. Wenige Jahre noch und der längste und ruchloseste Krieg, von dem die deutsche 
Geschichte berichten muß, bringt auch nach Stuttgart (eine Schrecken und endlosen Jammer. 
Renaissance und Reformation. Wenn der größte unter den süddeutschen Vertretern 
eines neuen, aus den Klassikern und der Bibel geschöpften Geisteslebens, Johann Reucblin, der 
Stuttgart und Tübingen für einige Jahre zu „Zentralpunkten des Kampfes um Gewissensfreiheit, 
Duldung und Wissenschaft" gemacht hat, klagen mußte: 
Deckar und Schwarzwald meiden von je die himmlischen Musen, 
nirgends im schwäbischen Land ist für die Dichter ein Raum — 
und wenn er 1518, im Codesjahr des anregendsten Lehrers der jungen Hochschule in Tübingen, 
Heinrich Bebel, seinen ebendort von der alten Schule gedrückten „Sohn“ Philipp sßelanchthon 
als Propheten, dessen die Heimat nicht wert, nach Wittenberg auswandern hieß, so scheint damit 
ein Tiefstand der neuen Studien im schwäbischen Winkel bezeichnet zu fein. Hber, auch von 
persönlicher Verstimmung des alternden, streitmüden Beurteilers abgesehen, ist doch daran zu 
erinnern, daß in einer Hnjabl württembergiseber Landstädte an den Schulen tüchtige junge 
Humanisten standen: in Cannstatt Sebastian Koch (Coccinius), in üracb und am Tübinger 
Pädagogium Johannes Köl (? Kölreuter — Brassicanus), in Vaihingen Jobs. Scbmidlin, der 
Lehrer eines Brenz, in Waiblingen Sebastian Lang, in Schorndorf Jobs. Thomas, ein Schüler 
Reucblins, in unserem Stuttgart Balthasar Stump und nach ihm der Dominikaner Magister 
Hlexander sDärklin (Marcoleon) von Marbach, der den Vertretern der alten Richtung gefährlich 
genug erschien, daß ihn die österreichische Regierung vertrieb. H er ?°9 Ulrich rief ihn 1534 
ehrenvoll zurück und Christoph erhob durch ihn um 1560 die zweiklassige Lateinschule zu einem 
Pädagogium mit sechs Klaffen. Der lateinische Unterricht, den schon die Stuttgarter Schul 
ordnung von 1501 ausdrücklich für ein Mittel „zur Erlangung anderer Künste“, d. b. einer 
höheren Bildung erklärt, wurde von diesen Humanisten auf eine neue Grundlage gestellt; das 
„barbarische“ Latein mußte dem „reinen“, das scholastische dem klassischen weichen, die verbesserte 
Rhetorik und Dialektik sollten, jene schön und geschmackvoll, diese logisch richtig reden lehren. 
Dun kamen, wenigstens wahlweise, Griechisch und Hebräisch hinzu. Man darf wohl sagen, daß 
wenn „nach unsern jetzigen Begriffen von Bildung die damals gewährte nicht sehr reich er 
scheinen mag, es jedenfalls nach den Begriffen der damaligen Zeit nichts reicheres gegeben hat“. 
Die deutsche Schule, lange mit der lateinischen unter demselben Dach in der Schulgasse, 
verlegte man, als diese unruhiger wurde, mit der lateinischen 1536 in das Häus der Beginnen 
auf dem Turnieracker an der hohen Krähen (beim späteren Eberhard Ludwigs-Gymnasium), 
bald daraus aber „unter die Mauer“, wo man es Schulhaus in der innern Stadt oder nach dem 
ersten Lehrer darin Stürmlinsschule nannte. Erst 1572 wurde eine zweite ordentliche Schule 
errichtet, „weil gar eine große Jugend und unter dem gemeinen Volk so viel Kinder allbier, 
die allein einen Damen zu schreiben und zu lesen begehren“. Zu dieser Schule, die nun nach 
dem Platz jener allerersten die Krähenschule hieß, wurde von der Stadt eine Behausung aus dem 
Wäschbach vor dem innern St. Leonhardstor hergegeben (wo ihre Dacbfolgerin noch heute steht). 
Bei diesen zwei Volksschulen ist es bis weit ins 18. Jahrhundert hinein geblieben. Hber es gab
	        

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