Full text: Geschichte der Stadt Stuttgart

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es keine Aufregung, daß Kapff wider, sein Schwager Gerok für Schiller predigte. Mehr noch 
als der Kircbenbefucb zeugt von einem regeren kirchlich-religiösen Leben weiterer Kreise der 
evangelischen Bevölkerung das Gedeihen der Anstalten für christlich-kirchliche Zwecke: des 1843 
gegründeten Gustav Adolfvereins für kirchliche Versorgung der in der Zerstreuung wohnenden 
Evangelischen, welchem König Wilhelm sofort mit einem namhaften Beitrag und einem Begleit 
schreiben beitrat, worin er lieh offen zu den Grundsätzen der Keformation und der Ausgabe des 
Vereins bekannte: der Anstalten für Bibelverbreitung, äußere und innere Mission. Dasselbe gilt 
von der katholischen Kirche. Der friede zwischen den Angehörigen beider Bekenntnisse hat in 
der langen Zeit nie erhebliche Störungen erlitten. Der im Jahr 1845 auch nach Württemberg 
verpflanzte Deutschkatholizismus hatte in Stuttgart nur vier Jahre lang eigene Prediger. 
Die Ceurungsjabre 1816 und 17 hatten mancherlei VeranstaltungenundVereinigungen 
zur Linderung der Dot und nachhaltigen Hebung des Wohlstands ins Leben gerufen 
(Seite 49). 6s folgten zahlreiche weitere: 1819 die Kinderrettungsanstalt paulinenpflege; 1829 
die Kleinkinderschulen Katharinenpflege und Marienpflege: 1831 Jfraelitifcher Waisenverein; 1834 
frauenverein zur Versorgung verwahrloster Kinder; 1840 Verein für verschämte Lausanne, Verein 
zur Unterstützung älterer Honoratiorentöchter; ,841 Witwenhausverein; 1842 Kleinkinderschule 
Augustenpflege, Pfarrwaisenverein; 1845 Cheodolindenpflege in Heslach; 1846 Paulinenverein für 
Bekleidung armer Landleute; 1848 Jfraelitifcher frauenverein; 1849 Jungfrauenverein für ver 
wahrloste Kinder, Vüiccnj-6lisabetbenverein für katholische Arme und Kranke; 1850 Blinden 
anstalt, Kreuzerverein für kranke Landleute, Olgaheilanstalt; 1852 Verein für Abschaffung des 
Bettels; (1852 freiwillige feuerwebr); 1859 Herbstverein für Unterstützung Alter auf dem Lande, 
Verein für Errichtung einer Lehrlingsherberge: (1862 Lierschutzverein.) 
Dazu kamen verschiedene Vereine für Bildung, edle Geselligkeit u. dgl.: 1824 
Stuttgarter Liederkranz (mit jährlichem Schillerfest seit 1825; zugleich Anregung des Schiller- 
denkmals; Gründung des Schwäbischen Sängerbunds ,849): 1827 Württembergischer Kunstverein, 
,839 Litterarischer (Bibliophilen-) Verein, 1843 Württembergischer Altertumsverein, Männerturn 
verein, 1844 Verein für vaterländische Naturkunde, 1847 Verein für klassische Kirchenmusik, 1857 
Verein für Christliche Kunst in der evangelischen Kirche, 1861 Stuttgarter Verschönerungsverein. 
Die Geselligkeit ist bei uns je länger je mehr fast nur im Wirtshaus und Mirtschaftsgarten 
gepflegt worden. Jean Paul fand 1819 die in den Häusern geübte wenig befriedigend: man 
werde aus den Cbeeabenden gewöhnlich ohne Abendbrot heimgeschickt und leider „setzen die 
frauen und stellen die Männer beim Chee sich zusammen", weshalb er „dem Cotta seine eigene 
frau vorstellte, damit er höflich dem Halbzirkel näher käme“ — ganz wie schon 1783 ein junger 
Wolzogen gespottet hatte: „Kommt man in eine Gesellschaft, so stehen die Chapeau* auf der 
einen Seite des Zimmers, die frauenzimmer auf der andern; alles geht dann so pünktlich, so 
abgemessen, so steif vor, daß man nur froh wird, wenn man wieder fortkann.“ Daß übrigens 
solche Ungelenkbeit, Ungeübtheit im feineren geselligen Verkehr ein wichtigeres: edle Gastlichkeit, 
warmes unbefangenes Entfalten der besseren Stammeseigenschaften nicht ausschließt, ist doch 
auch hie und da zu tage getreten. Am schönsten gleich bei der ersten größeren Gelegenheit, 
den aus ganz Deutschland Zugereisten die schwäbische Hauptstadt nicht bloß im Glan; ihrer Lage 
und Umgebung zu zeigen, bei einer der ersten von jenen für die geistige Einigung der Deutschen 
so wichtigen Daturforscherversammlungen, im September 1834. Damals schrieb der Königsberger 
Mathematiker ßeumann an seine Gattin: „Ganz Stuttgart hat sich bemüht, jedem fremden den 
Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, und uns allen hat die schwäbische Offenheit 
und Biederkeit wohlgetan. Jcb erinnere mich nicht, 8 Lage wie hier in Schmaus und Braus
	        

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