Volltext: Anpassungsfähig bauen = Adaptable architecture (IL14, 1974)

“RIEDEMANN KUGEL 
775 Konstanz-16, Zum Purren 25 
zeboren 1932 in Heidenheim/Brenz, 1961 
Architekturdiplom Universität Stuttgart; 
1962 Stipendiat des BDI in Finnland; 1964 
"reier Architekt, Wettbewerserfolge, Aus- 
Führungen; 1967 wissenschaftlicher Mitar- 
beiter von Frei Otto am IL, Planung Ver- 
suchs- und Institutsneubau IL in Stuttgart- 
Y/aihingen, Mitarbeit an der Überdachung 
Dlympiastadion München, Grundlagenarbei 
‘Wandelbare Dächer" (IL 5); 1972 Algerien 
Leiter der Architekturabteilung in inter- 
nationaler Industrie-Engineering; 1975 
Technische Leitung "Großzelte" Fa. 
Stromeyer, Konstanz 
3°15 
Friedemann Kugel 
WANDELBARE DÄCHER 
UND ANPASSUNGSFÄHIGES BAUEN 
ANMERKUNG 
Der nachfolgende Beitrag ist als Erweiterung und Ergänzung zu der Ver- 
öffentlichung IL 5 "Wandelbare Dächer" des IL gedacht, zu deren Autoren- 
gruppe der Verfasser gehört. 
ABBILDUNGEN 
Seite 289: 
Jewegungsvorgang eines wandelbaren Daches. Modellstudie des IL im 
Auftrag der Farbwerke Hoechst fur eine Multi-Media Grofiraumuberdachung. 
(Genouere Daten in IL 5 "Wandelbare Ddcher", Seite 290 ff). 
Seite 290: N 
Systematische Übersicht wandelbarer Konstruktionen (aus IL 5, Seite 45). 
I. Merkmale wandelbarer Dächer 
Anpassungsfähige Architektur zeigt sich anderswo kaum 
augenfdlliger als bei wandelbaren Dichern. Gegenibe: 
anderen Formen anpassungsfihiger Architektur lassen 
sich wandelbare Dächer durch einige Merkmale kenn- 
zeichnen: 
- Die bauliche Erscheinung eines Raumes wird so ent- 
scheidend vom Dach bestimmt, daß dessen Verände- 
rung eine völlige Verwandlung des Raumes mit sich 
bringen muß. 
Dies wird besonders deutlich am Extremfall, wo das 
Dach praktisch weggenommen und der Raum aufge löst 
werden kann. 
Das Öffnen und Schließen eines wandelbaren Daches 
ist ein mechanisierter Veränderungsvorgang, der sich 
hierdurch vom "Umbauvorgang" grundsätzlich unter- 
scheidet, 
dieser Vorgäng läuft meist in wenigen Augenblicken 
ab, 
- er kann beliebig oft wiederholt werden, 
in manchen Fällen kann die Veränderung auch in 
beliebiger Weise graduell vorgenommen werden. 
2. Historie und heutiger Stand 
Wandelbare Dächer, wie sie heute gebaut werden, 
beruhen vielfach auf Prinzipien und Ideen, die bis ins 
Altertum zurückreichen. Wirkte damals das Know-how 
des Segelschiffsbaues stark fördernd auf die Konstruktion 
römischer Schattensegel über Theatern und Arenen, so 
sind es heute eine ganze Reihe von Technologien, wie 
Maschinenbau, Fördertechnik, Land-, Luft- und Wasser- 
fahrzeugbau, Elektro- und Steuerungstechnik, deren 
Erkenntnisse durch Kombination und sinngemäße An- 
wendung zu modernen Lösungen bei wandelbaren Dächern 
geführt haben. 
Von besonderer Bedeutung für große Spannweiten war die 
Entwicklung flexibler Dachmaterialien von hoher 
Festigkeit und Dauerhaftigkeit mit Hilfe der Chemie 
einerseits und einer systematischen Grundlagenfor- 
schung auf dem Gebiet des Membranbaus andererseits, 
3. Konstruktionsprinzipien wandelbarer Dächer 
Die beiden wichtigsten Hauptgruppen bei der Unter- 
scheidung wandelbarer Dachkonstruktionen stellen die 
steifen Konstruktionen und die Membrankonstruktionen 
dar. Die Membranen lassen sich weiter unterteilen in 
solche mit feststehender und solche mit beweglicher 
Tragkonstruktion. Jede Gruppe kann durch Anwendung 
der Kriterien "Bewegungsrichtung" und "Bewegungsart' 
gegliedert werden, eine Matrix aus den möglichen 
Kombinationen dieser Kriterien zeigt die wesentlichen 
Lösungen. Zur vollständigen Erfassung müssen jedoch 
noch viele weitere Kriterien und deren Kombinationen 
eingeführt werden. 
3.1 Steife Konstruktionen 
Diese sind besonders da beheimatet, wo es sich um 
davergenutzte Bauten handelt, die in der Regel gele- 
gentlich und oft auch nur teilweise gesffnet werden. 
Eines der wichtigsten Prinzipien ist das schachtel- 
artige Übereinander- oder Ineinanderschieben von 
Dachteilen. Dabei verbleibt stets eine Restfläche des 
Daches nicht wandelbar, je nach Anzahl der beweg- 
lichen Elemente. Die Bauform ist meist an recht- 
winklige oder kreisförmige Grundrisse gebunden ent- 
sprechend der Bewegungsrichtung. Steife wandelbare 
Dächer verlangen im Vergleich zu Membranen meist 
geringe Maßtoleranzen, d.h. hohe mechanische 
Präzision. Sie haben ein relativ großes Flächengewicht 
der beweglichen Teile (z.B. Pittsburgh mit 174 kg/qm) 
und müssen der Masse entsprechend langsamer gefahren 
werden. Die technischen Probleme wachsen mit der 
Spannweite sehr rasch, die deswegen wesentlich 
begrenzter ist als bei Membranen, Das Öffnen und 
Schließen ist praktisch windunabhängig, ein teilweises 
Verändern ist somit ebenfalls möglich. 
3.2 Membrankonstruktionen 
Membranen haben ganz andere Charakteristika, Sie 
beruhen auf den Möglichkeiten flexiblen Dachmate- 
rials, das sich auf vielfältige Weise raffen läßt. 
Bei parallelem Raffen oder Rollen bleibt nur ein läng- 
liches Paket übrig, bei zentraler Raffung läßt sich 
eine große Fläche Dachtuch auf ganz geringem Raum 
punktartig konzentrieren. Das geringe Gewicht (z.B. 
Bad Hersfeld mit ca, 6 kg/qm) gestattet auch sehr 
große Spannweiten in Kombination mit zugbeanspruch- 
ten Tragelementen wie Seilen. Die Masstoleranzen 
sind groß, ihnen muß durch geeignete Detailaus- 
bildungen begegnet werden, z.B. mit Hilfe von 
Schlauchelementen mit Innenluftdruck. Die moglichen 
Bauformen sind sehr vielfältig, weisen jedoch die 
typischen Merkmale räumicher Krümmung, anti- 
klastisch oder synklastisch (bei Luftinnendruck- 
Stabilisierung) auf, die sich aus den Regeln des 
Membranbaus herleiten. 
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