Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1980, Jg. 12, H. 49- 51/52, [53], 54)

Zur Diskussion 
Dieter Hoffmann-Axthelm 
Plädoyer für die Abschaffung der Denkmalpflege 
Die Anzeichen mehren sich, daß die 
Denkmalpflege am Ende ist. Noch nie ist 
so viel als denkmalswürdig eingestuft 
worden wie heute - es können unter die- 
sen Hut Bereiche der Wirklichkeit ge- 
bracht werden, die im vergangenen Jahr- 
hundert, das doch so überaus denkmal- 
bewußt war, ganze Dome neu zu bauen, 
gerade den Inbegriff des Nichtdenkmal- 
gemäßen darstellten: Industrieanlagen, 
Bahnhöfe, Feuerwachen, Schulen usw. 
Auf der anderen Seite ist - was viel heißen 
will - noch nie so viel abgerissen worden 
wie heute. Die Denkmalspflege, als Ver- 
mittlungsfigur zwischen Schutzwürdig- 
keit und Abriß, zerplatzt in der wachsen- 
den Spannung wie eine Seifenblase. Was 
zurückbleibt, ist eine Synthese aus 
Schutz und Abriß, für die ein neuer Na- 
me zu finden bleibt. 
Nicht, daß das nur eine Folge von ein- 
zelnen Irrtümern wäre oder eine Über- 
dehnung des sogenannten Denkmalge- 
dankens, die auf die vernünftige Mitte zu- 
rückzuführen wäre. Was da landauf, lan- 
dab passiert, ist aus den wohlbehüteten, 
gebildeten Schranken des traditionellen 
Denkmalverständnisses unmißverständ- 
lich herausgetreten. Da werden Schlösser 
wieder aufgebaut, die man bisher als un- 
wiederbringlich zerstört angesehen hat- 
te, da werden barocke Gebäude abgetra- 
gen und am gleichen Ort auf der Beton- 
decke eines U-Bahnhofs wieder hinge- 
stellt oder auch ein paar Straßen weiter 
verschoben, da werden Häuser bis auf 
minimale Fassadenteile abgerissen und 
diese Reste dann mit Kaufhäusern, Ei- 
gentumswohnungen oder Altersheimen 
hinterbaut. Zerstörung und Denkmals- 
schutz scließen sich nicht mehr aus, son- 
dern gehen ineinander über. 
Erweiterter Text eines im Sender 
Freies Berlin 3 vor ca. einem Jahr 
gesendeten Essays. 
Tauschgeschäfte sind an der Tagesord- 
nung: Für einen zerstörten Komplex gibt 
es als Entschädigung ein eingebautes 
Originalportal oder ein aufwendig mumi- 
fiziertes Einzelgebäude. Zusammenhän- 
ge zählen nicht mehr. Hat man im Stadt- 
teil A ein historisches Gebäude stehen 
lassen, dann ist ein vergleichbares Ge- 
bäude im Stadtteil B entbehrlich, un- 
geachtet seiner lokalen Eingebunden- 
heit. Die Denkmalspflege ist zum Kom- 
plizen der Abrißmaschinerie geworden. 
Das ist etwas Neues. Neu ist also kei- 
neswegs, daß die Denkmalspflege in 
Auseinandersetzungen den kürzeren 
zieht, daß umstrittene Gebäude gleich- 
sam über Nacht abgerissen werden, daß 
überall ökonomische Interessen den 
Denkmalsschutz illusorisch machen. 
Neu ist, daß die Denkmalspflege sich im 
Zuge der Zerstörung ihres Gegenstandes 
vollzieht. Neu ist, daß die Denkmalspfle- 
ge das einzelne Bauwerk nicht mit 
Klauen und Zähnen verteidigt undauf der 
Einmaligkeit alles Gebauten insistiert, 
sondern daß sie sich auf Kulissenfabrika- 
tion und Kulissenverschiebung einläßt 
und zufrieden ist, wenn sie repräsentative 
Fassaden im Straßenbild sammeln kann 
wie aufgespießte Schmetterlinge. Neu 
ist, daß die Denkmalspflege zum Erfül- 
lungsgehilfen staatlicher und städtebauli- 
cher Dekoraktionsstrategien geworden 
ist. 
Es hat ja durchaus eine Zeit der Denk- 
malspflege gegeben. Sie war allerdings 
nicht dadurch ausgezeichnet, daß allge- 
mein mit Denkmälern schonender um- 
gegangen wurde, vielmehr dadurch, daß 
es noch einen Begriff von der histori- 
schen Identität von Bauwerken gab. So 
ist ein Höhepunkt in der Geschichte der 
Denkmalspflege die Veröffentlichung 
der ersten Auflage von Georg Dehios 
Handbuch der deutschen Kunstdenkmä- 
ler, Band 1 erschienen 1905. Just zu der 
Zeit, da dieser erste Band, von Kaiser 
Wilhelm IT. bezuschußt, gedruckt wurde, 
riß man auf Veranlassung selbigen Kai- 
sers in seinenm unmittelbaren Blickwin- 
kel so zentrale Gebäude ab wie die alte 
Kunstakademie (seitdem steht dort die 
Staatsbibliothek), den von Schinkel um- 
gebauten Boumannschen Dom und die 
alte Börse von Langhans (dem Erbauer 
des Brandenburger Tores), beides, um 
für Raschdorffs gotteslästerlichen Dom 
Platz zu gewinnen, den die DDR heute 
wieder aufbaut; ferner - vorangegangene 
Abrisse rund ums Schloß auf sich beru- 
hen lassend - verschwand die “Alte Post“ 
von Schlüter als Stadtpalais dem Schloß 
gegenüber an der langen Brücke gebaut, 
abgerissen zugunsten eines Geschäfts- 
hauses, das inzwischen der letzte Krieg 
kassiert hat, und, etwas später gefallen, 
der Packhof von Schinkel, abgerissen zu- 
gunsten von Messels barbarrischem Per- 
gamon-Museums - das alles nur Spitze ei- 
nes Eisbergs. An kaiserlich-imperialisti- 
schem und bürgerlich-ökonomischem 
Vandalismus war also kein Mangel, im 
Zentrum Berlins mindestens wurde weit- 
gehend reiner Tisch gemacht. 
Aber was abgerissen war, war wenig- 
stens weg, es spukte "nicht weiter. Die 
Denkmalspflege hatte ihren Bereich, zu 
dem alles zählte, was einerseits Kunst 
war, andererseits keinem Großstadtver- 
kehr im Wege stand. Ihr Arbeitsgebiet 
setzte sich aus lauter Einzelobjekten zu- 
sammen, an deren Kunstwert niemand 
rüttelte, solange das Objekt nicht abgeris- 
sen wurde, Die Eigenart dieser Kunst- 
werke bestand darin, daß sie in kein Mu- 
seum verbracht werden konnten, son- 
dern daß man sie an Ort und Stelle, da wo 
sie nun einmal hingebaut worden waren, 
pflegen mußte. Zu dieser Pflege gehörte 
die genaue Aufnahme, die Rekonstruk- 
tion der Baugeschichte einschließlich 
Zuweisung zu Architektenpersönlich- 
keiten und vor allem auch Instandsetzun- 
gen und Restaurierungen. Da es sich um 
vorkapitalistische Bauwerke mit oft ver- 
wickelter Geschichte handelte, hatte die 
Identität des einzelnen Gebäudes natür- 
lich ihre Grenzen. Diese Grenzen lagen 
gerade dort, wo auch die Stärke jenes 
Denkmalstandpunktes war: in der naiven 
Haltung nämlich, ein Gebäude einfach 
als Kunstwerk zu verstehen. 
Diese Isolierung eines Aspektes gab 
zwar eine klare Handhabe, warum man 
sich um ein bestimmtes einzelnes Objekt 
zu kümmern hatte, aber dabei grenzte 
man die wirklichen historischen Zusam- 
menhänge aus. Wenn diese sich zum Bei- 
spiel so durchsetzten, daß das Kunstwerk 
schlicht verkauft wurde, weil es nach wie 
vor noch das darstellte, was es einst vor al- 
lem gewesen war: eine Investition, und 
zwar verkauft, um durch Abriß und Neu- 
bau einer höheren Grundrente habhaft 
zu werden - dann war das der Einbruch 
einer anderen Welt in den Bereich der 
Kunst, die der Kunstfreund hinnehmen 
mußte. Ebenso wenig war beim una- 
breißbaren Kunstwerk geklärt, welcher 
Stellenwert seiner Geschichte zukam. 
Das ästhetische Bedürfnis drängte vor al- 
lem auf Ursprünglichkeit. Die Schichten 
historischer Umgangsweisen mit dem 
Gebäude, die sich in Umbauten, Stuckie- 
rungen, ganzen neuen Stilkleidern nie- 
dergeschlagen hatten, wurden entfernt 
wie Übermalungen eines Gemäldes, das 
einst unbefleckt aus der Werkstatt des 
Meisters hervorgegangen war. Besonders 
im Bestand alter Kichenbauten wuchs 
die Zahl der lupenrein romanischen Kir- 
chen sprunghaft an, und noch die Zerstö- 
rungswelle des Zweiten Weltkrieges wur- 
de von der Denkmalspflege benutzt, um 
die beschädigten Objekte echter als je 
wiederaufzubauen - ein schlagendes Bei- 
spiel dafür ist der Wiederaufbau von St. 
Michael in Hildesheim. 
Insofern war auch dies nur eine halbe 
Sache. Aber es war immerhin eine. An 
der Kunstidentität von Gebäuden ist ge- 
rade noch das mithörbar, was in früheren 
Zeiten überhaupt nur der Grund war, um 
bestimmte Gebäude über die Jahrhun- 
derte stehen zu lassen, auch wenn sie den 
eigenen stilistischen Standards nicht ent- 
sprachen. Hinter der alten ästhetischen 
Denkmalspflege guckt - man erkennt es 
gerade am Abgetrennten, Bereichsmäßi- 
gen des Kunstwerks - der Untersinn des 
Wortes Pflege hervor: der Kultus.
	        
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