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Dieter Hoffmann-Axthelm
Plädoyer für die Abschaffung der Denkmalpflege
Die Anzeichen mehren sich, daß die
Denkmalpflege am Ende ist. Noch nie ist
so viel als denkmalswürdig eingestuft
worden wie heute - es können unter die-
sen Hut Bereiche der Wirklichkeit ge-
bracht werden, die im vergangenen Jahr-
hundert, das doch so überaus denkmal-
bewußt war, ganze Dome neu zu bauen,
gerade den Inbegriff des Nichtdenkmal-
gemäßen darstellten: Industrieanlagen,
Bahnhöfe, Feuerwachen, Schulen usw.
Auf der anderen Seite ist - was viel heißen
will - noch nie so viel abgerissen worden
wie heute. Die Denkmalspflege, als Ver-
mittlungsfigur zwischen Schutzwürdig-
keit und Abriß, zerplatzt in der wachsen-
den Spannung wie eine Seifenblase. Was
zurückbleibt, ist eine Synthese aus
Schutz und Abriß, für die ein neuer Na-
me zu finden bleibt.
Nicht, daß das nur eine Folge von ein-
zelnen Irrtümern wäre oder eine Über-
dehnung des sogenannten Denkmalge-
dankens, die auf die vernünftige Mitte zu-
rückzuführen wäre. Was da landauf, lan-
dab passiert, ist aus den wohlbehüteten,
gebildeten Schranken des traditionellen
Denkmalverständnisses unmißverständ-
lich herausgetreten. Da werden Schlösser
wieder aufgebaut, die man bisher als un-
wiederbringlich zerstört angesehen hat-
te, da werden barocke Gebäude abgetra-
gen und am gleichen Ort auf der Beton-
decke eines U-Bahnhofs wieder hinge-
stellt oder auch ein paar Straßen weiter
verschoben, da werden Häuser bis auf
minimale Fassadenteile abgerissen und
diese Reste dann mit Kaufhäusern, Ei-
gentumswohnungen oder Altersheimen
hinterbaut. Zerstörung und Denkmals-
schutz scließen sich nicht mehr aus, son-
dern gehen ineinander über.
Erweiterter Text eines im Sender
Freies Berlin 3 vor ca. einem Jahr
gesendeten Essays.
Tauschgeschäfte sind an der Tagesord-
nung: Für einen zerstörten Komplex gibt
es als Entschädigung ein eingebautes
Originalportal oder ein aufwendig mumi-
fiziertes Einzelgebäude. Zusammenhän-
ge zählen nicht mehr. Hat man im Stadt-
teil A ein historisches Gebäude stehen
lassen, dann ist ein vergleichbares Ge-
bäude im Stadtteil B entbehrlich, un-
geachtet seiner lokalen Eingebunden-
heit. Die Denkmalspflege ist zum Kom-
plizen der Abrißmaschinerie geworden.
Das ist etwas Neues. Neu ist also kei-
neswegs, daß die Denkmalspflege in
Auseinandersetzungen den kürzeren
zieht, daß umstrittene Gebäude gleich-
sam über Nacht abgerissen werden, daß
überall ökonomische Interessen den
Denkmalsschutz illusorisch machen.
Neu ist, daß die Denkmalspflege sich im
Zuge der Zerstörung ihres Gegenstandes
vollzieht. Neu ist, daß die Denkmalspfle-
ge das einzelne Bauwerk nicht mit
Klauen und Zähnen verteidigt undauf der
Einmaligkeit alles Gebauten insistiert,
sondern daß sie sich auf Kulissenfabrika-
tion und Kulissenverschiebung einläßt
und zufrieden ist, wenn sie repräsentative
Fassaden im Straßenbild sammeln kann
wie aufgespießte Schmetterlinge. Neu
ist, daß die Denkmalspflege zum Erfül-
lungsgehilfen staatlicher und städtebauli-
cher Dekoraktionsstrategien geworden
ist.
Es hat ja durchaus eine Zeit der Denk-
malspflege gegeben. Sie war allerdings
nicht dadurch ausgezeichnet, daß allge-
mein mit Denkmälern schonender um-
gegangen wurde, vielmehr dadurch, daß
es noch einen Begriff von der histori-
schen Identität von Bauwerken gab. So
ist ein Höhepunkt in der Geschichte der
Denkmalspflege die Veröffentlichung
der ersten Auflage von Georg Dehios
Handbuch der deutschen Kunstdenkmä-
ler, Band 1 erschienen 1905. Just zu der
Zeit, da dieser erste Band, von Kaiser
Wilhelm IT. bezuschußt, gedruckt wurde,
riß man auf Veranlassung selbigen Kai-
sers in seinenm unmittelbaren Blickwin-
kel so zentrale Gebäude ab wie die alte
Kunstakademie (seitdem steht dort die
Staatsbibliothek), den von Schinkel um-
gebauten Boumannschen Dom und die
alte Börse von Langhans (dem Erbauer
des Brandenburger Tores), beides, um
für Raschdorffs gotteslästerlichen Dom
Platz zu gewinnen, den die DDR heute
wieder aufbaut; ferner - vorangegangene
Abrisse rund ums Schloß auf sich beru-
hen lassend - verschwand die “Alte Post“
von Schlüter als Stadtpalais dem Schloß
gegenüber an der langen Brücke gebaut,
abgerissen zugunsten eines Geschäfts-
hauses, das inzwischen der letzte Krieg
kassiert hat, und, etwas später gefallen,
der Packhof von Schinkel, abgerissen zu-
gunsten von Messels barbarrischem Per-
gamon-Museums - das alles nur Spitze ei-
nes Eisbergs. An kaiserlich-imperialisti-
schem und bürgerlich-ökonomischem
Vandalismus war also kein Mangel, im
Zentrum Berlins mindestens wurde weit-
gehend reiner Tisch gemacht.
Aber was abgerissen war, war wenig-
stens weg, es spukte "nicht weiter. Die
Denkmalspflege hatte ihren Bereich, zu
dem alles zählte, was einerseits Kunst
war, andererseits keinem Großstadtver-
kehr im Wege stand. Ihr Arbeitsgebiet
setzte sich aus lauter Einzelobjekten zu-
sammen, an deren Kunstwert niemand
rüttelte, solange das Objekt nicht abgeris-
sen wurde, Die Eigenart dieser Kunst-
werke bestand darin, daß sie in kein Mu-
seum verbracht werden konnten, son-
dern daß man sie an Ort und Stelle, da wo
sie nun einmal hingebaut worden waren,
pflegen mußte. Zu dieser Pflege gehörte
die genaue Aufnahme, die Rekonstruk-
tion der Baugeschichte einschließlich
Zuweisung zu Architektenpersönlich-
keiten und vor allem auch Instandsetzun-
gen und Restaurierungen. Da es sich um
vorkapitalistische Bauwerke mit oft ver-
wickelter Geschichte handelte, hatte die
Identität des einzelnen Gebäudes natür-
lich ihre Grenzen. Diese Grenzen lagen
gerade dort, wo auch die Stärke jenes
Denkmalstandpunktes war: in der naiven
Haltung nämlich, ein Gebäude einfach
als Kunstwerk zu verstehen.
Diese Isolierung eines Aspektes gab
zwar eine klare Handhabe, warum man
sich um ein bestimmtes einzelnes Objekt
zu kümmern hatte, aber dabei grenzte
man die wirklichen historischen Zusam-
menhänge aus. Wenn diese sich zum Bei-
spiel so durchsetzten, daß das Kunstwerk
schlicht verkauft wurde, weil es nach wie
vor noch das darstellte, was es einst vor al-
lem gewesen war: eine Investition, und
zwar verkauft, um durch Abriß und Neu-
bau einer höheren Grundrente habhaft
zu werden - dann war das der Einbruch
einer anderen Welt in den Bereich der
Kunst, die der Kunstfreund hinnehmen
mußte. Ebenso wenig war beim una-
breißbaren Kunstwerk geklärt, welcher
Stellenwert seiner Geschichte zukam.
Das ästhetische Bedürfnis drängte vor al-
lem auf Ursprünglichkeit. Die Schichten
historischer Umgangsweisen mit dem
Gebäude, die sich in Umbauten, Stuckie-
rungen, ganzen neuen Stilkleidern nie-
dergeschlagen hatten, wurden entfernt
wie Übermalungen eines Gemäldes, das
einst unbefleckt aus der Werkstatt des
Meisters hervorgegangen war. Besonders
im Bestand alter Kichenbauten wuchs
die Zahl der lupenrein romanischen Kir-
chen sprunghaft an, und noch die Zerstö-
rungswelle des Zweiten Weltkrieges wur-
de von der Denkmalspflege benutzt, um
die beschädigten Objekte echter als je
wiederaufzubauen - ein schlagendes Bei-
spiel dafür ist der Wiederaufbau von St.
Michael in Hildesheim.
Insofern war auch dies nur eine halbe
Sache. Aber es war immerhin eine. An
der Kunstidentität von Gebäuden ist ge-
rade noch das mithörbar, was in früheren
Zeiten überhaupt nur der Grund war, um
bestimmte Gebäude über die Jahrhun-
derte stehen zu lassen, auch wenn sie den
eigenen stilistischen Standards nicht ent-
sprachen. Hinter der alten ästhetischen
Denkmalspflege guckt - man erkennt es
gerade am Abgetrennten, Bereichsmäßi-
gen des Kunstwerks - der Untersinn des
Wortes Pflege hervor: der Kultus.