Full text: Neubauten und Concurrenzen in Österreich und Ungarn : Organ für d. Hochbaufach u. seine Interessenten, II. Band (1896)

  
  
  
  
  
  
  
Seite 36. 
stattung der Königsgemächer zählt trotz des dem modernen 
Leben so fern abliegenden Styles geradezu Zum besten, 
was im letzten Jahrzehnte an innerer Ausstattung geleistet 
Wir. hoffen‘ noch Gelegenheit Zu finden, Details 
dieser Bauten und der Innenausstattung unseren Lesern 
vorführen zu können. 
Unweit von der malerischen Gruppe der historischen 
Ausstellung sehen wir wieder Thürme in die Höhe ragen, 
welche eine massige weitgespannte Brücke miteinander 
verbindet. Es-ist dies die früher erwähnte Reconstruction 
der alten Burg Ofen (Ös-Budavara) zur Zeit der Türken- 
herrschaft in Ungarn, ein. Werk... des Architekten Oskar 
Marmorek. Diese Reconstructionen ganzer Städte sind. ja 
das modernste bei Ausstellungen. Keine entbehrt sie mehr. 
Die heurige Berliner Ausstellung. weist‘ gar zwei Schau- 
stellungen dieser Art auf: Alt-Berlin und Kairo. In 
Genf ist ein Schweizer Dorf gebaut worden. 
Ös-Budavara ist keine historisch-archäologische Re- 
construction, ‚es kann und will eine solche nicht sein. Es 
kann es nicht sein, mangels des vollständigen historischen 
Materials, und will es nicht sein, weil der K ünstler auf einem 
\leinen' Flecke den Charakter, das Wesen, gleichsam die 
Essenz des alten Stadtbildes vorführen will. und darum die 
charakteristischen Momente. etwa SO concentriren muss, wie 
der Dichter im Drama die Vorgänge des Lebens concentrirt. 
wurde. 
Es ist. die Frage aufgeworfen worden, ob: solche: un- 
historische Reconstructionen statthaft sind. Wenn „ein 
Künstler oder Dichter irgend einen historischen Vorgang 
der Vergangenheit schildern will, stellt er ihn so dar, 
wie er diesen Vorgang in. seiner . Phantasie sieht, und 
wenn es ihm gelingt, diese Darstellung lebenswahr und 
möglich zu gestalten, SO acceptirt das Volk die Darstellung 
und sieht dann die Vergangenheit nur wie sie. ihm 
sinnlich vorgeführt wurde. So leben Wallenstein, Maria 
Stuart, Don Carlos im Gedächtniss der Epigonen so weiter, 
wie. sie Schiller volksthümlich gemacht hat, und der Moses 
Michelangelo’s ist die Type für die historische Person 
geworden. Was den anderen Künstlern als licentia poetica 
erlaubt ist, sollte dem Architekten verwehrt sein? Gelingt 
es diesem, in. den. Geist der Vergangenheit eines‘ Landes, 
einer Stadt und deren Bewohner, der -Zeit- und ‚Ortsver- 
hältnisse einzudringen, so wird eine -auf dieser Basis vor- 
genommene Reconstruction vielleicht noch charakteri- 
stischer sein, als eine sclavische Copie. Das war wohl das 
Leitmotiv des‘ Architekten hei seiner -Composition. Ihre 
Bestimmung ist, neben der seriösen Ausstellung, von der sie 
durch eine Strasse getrennt ist, über welche eine Brücke 
gespannt ist, die wir im Bilde zeigen, der Unterhaltung 
Raum zu schaffen, und als: Rahmen. -hiezu glaubte der 
Architekt keine Zeit besser geeignet, als jene für Ungarn 
zuwaß traurige, aber denkwürdig-interessante, da Ofen die 
Zesidenz eines türkischen Paschas war, und, Orient und 
Occident sich in seltsamster Mischung hier trafen und ver- 
mengten. Als Quellenmaterial stand eigentlich sehr wenig 
zur Verfügung, nichts als ein im kais. Archiv‘ zu Wien er- 
haltener Situationsplan der Burg Ofen, den ein italienischer 
Ingenieurofficier des christlichen. Heeres in dem Augen- 
blicke aufgenommen hat. da dasselbe siegreich in die Burg 
einz0g, und Holzschnittflugblätter, welche diesen + im 
so, 
  
Handbuch der Ornamentik zum Gebrauche für Muster- 
zeichner, Architekten, Schulen und Gewerbe- 
treibende, sowie‘ zum Studium im Allgemeinen, 
herausgegeben von Franz Sales Meyer, Professor an 
der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe: Mit vielen; auf 
300 Tafeln zusammengestellten und in‘ den; Fext 
gedruckten Abbildungen: Fünfte durchgesehene Auf- 
lage.‘ Leipzig, Verlag von‘ Z. 4. Seemann‘ 1895. 
Br.; 9. Mk. ; 
Dieses Buch, das aus. der „Orna mentale Formen- 
lehre“ desselben Verfassers hervorgegansch ist; behandelt 
die Ornamentik; die Lehre von der Verzierungskunst, nicht, 
wie die: Mehrzahl denselben Stoff. bearbeitender Werke, 
nach Zeiten und Völkern, also historisch geordnet, sondern, 
näch dem System Semper’s und Bötticher’s, mehr synthe- 
Neubauten und Concurrenzen in Oesterreich und 
DE m 
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Ungarn. 
nn AN T a 
Abendlande vielbejubelten Sieg bildlich darstellen. . Aus 
ihnen ist. aber wenig mehr Zu ersehen, als dass Ofen da- 
mals ein Gemisch aufwies von mittelalterlichen Bauwerken 
aus der vortürkischen Zeit und Bauten der Türken . im 
orientalischen. Style. 
In erster Zeit mögen die Türken wohl die 
der ungarischen Bewohner und 
Gewohnheiten und Bedürfnissen gemäss umgestaltet 
Häuser 
ihren 
haben, 
sich angeeignet 
bevor „sie an Neubauten gingen, die natürlich. im Style 
des Islam ausgeführt wurden. Hatte so der. Architekt 
Hand für die Schaffung‘. des Gesammtbildes, 
an die Composition des Einzelnen nur nach 
Studien, die er für die mittelalterliche 
und Siebenbürgen machen 
Zahl. von Bauwerken aus vVOTr- 
Tag erhalten ist, 
und 
ziemlich. freie 
so: schritt; er 
sehr eingehenden 
Baukunst in Oberungarh 
konnte, wo eine grosse 
türkischer. Zeit‘ bis auf. den‘ heutigen 
während. für. die islamitischen Bauwerke 
Studien im. Orient, insbesonders aber auch in Bosnien 
vemacht wurden, da historisch feststeht, dass die 
{ürkische Bevölkerung Ofens zumeist aus Bosnien stammte 
und nach dem Verluste Ofens dorthin. zurückkehrte. 
Sind im Königspalaste und Stadthause Monumental- 
bauten der Burg dargestellt, so sollen andererseits schmale 
mit enggedrängten, hochanstrebenden Häusern 
der Stadt in mittelalterlicher Zeit wiedergeben. 
ein Bau. aus: der Menge heraus, 
italienische Renaissance auf- 
Eingang gefunden hatte 
Reisen 
cs 
Gässchen 
ein Bild 
Dazwischen ragt wieder 
welcher. Anklänge an die 
weist, die notorisch /in Ungarn 
Ein anderes Haus etwa gebaut, wie die über 
Krakau nach Oberungarn gelangten deutschen Baumeister 
gebaut haben, also im Style deutscher Renaissance 
fallt wieder durch seine türkischen Muschabeks auf, 
vergitterten Holzerker, wie sie an den Frauengemächer! 
der türkischen. Häuser angeordnet sind. 
Jer Hauptbau Ös-Budaväras aber 
— so 
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ist: die Mosche:« 
(im beigedruckten Bilde ersichtlich), | von dessen‘ Prach 
die zeitgenössischen Schriftsteller. voll des: Lobes:: un 
Ruhmes - sind. Der Orientmaler 7z4lius Tornay hat sı 
prachtvoll bemalt, 
des übrigen Theiles, von dem Maler A%0os 
Zu erwähnen wäre noch eine malerische 
Alt-Ofen, d. 1 em derartig angebrachtes Panorama, . ( 
man. vermeint, auf die Wälle der Burg zu steigen, \ 
wo man. den Blick auf das „lte Pest auf dem ander 
Ufer. der. Donau hat: Es ist dieses Panorama ein herrli« 
gelungenes Werk des Malers Ignaz Ujvary. 
Os-Budavara ist wohl die grösste Schöpfung ih! 
Art. Auf einem Terrain von 85.000 m? sind 12.000 
verbaut. Der beigedruckte Grundriss ‚gibt wohl die det 
lichste Vorstellung der Anlage. 
Den geehrten Fachgenossen können wir nur 
objectiven Rath ertheilen; den Besuch dieser. Ausstellu 
nicht zu unterlassen. Sie werden mit Bewunderung se! 
was ein energisches Wollen, selbst einer kleineren Nat 
zwrleisten im Stande ist, wofür übrigens einen noch stärk 
Beweis der Rahnien gibt, in den diese Ausstellung‘ e1n- 
gefügt. ist: — Die Stadt Budapest ein Ausstellungsstuck 
für sich, ‚eine in amerikanischem Style sich ‚entwickel 
europäische Grosstadt. 
während die ebenso gelungene Bemalun 
Tolnay herrühr 
Ausweitung 
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Architekt E. | 
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tisch aus den Elementen entwickelnd, wodurch. es -v jelleicht 
weniger wissenschaftlich aussieht, an praktischer Verwend- 
barkeit . jedoch erheblich gewinnt. Der überreiche off 
des Handbuches zerfällt in- drei ‚Hauptabtheilungen: 
L.. Grundlagen des Ornaments, eingetheilt in 8°07 
metrische. Motive, Naturformen, ‚entweder der Flora, der 
Fauna oder dem menschlichen Organismus | entnommeN, 
und künstliche Motive (Embleme). 
IL: Das Ornament als solches. Hier; werd die 
Ornamentalen Einzelformen in Bezug auf ihre Functionen 
geordnet und nach den Wechselbeziehungen betrachtet, 
ih welcher die Verzierungstorm zu deren Anwendung 
| steht. Diese Abtheilung gliedert sich in die Capitel: B inder, 
freie Endungen, Stützen, begrenztes Flachornament (Fül- 
| 
lungen), unbegrenztes (endloses) Flachornament. 
    
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