Volltext: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

in ihrer ganzen Tiefe auszuleuchten. Er läuft nicht mehr 
Gefahr, im Prestige seines Status als Baugeschichtler 
verunsichert zu werden und erst jetzt ist er frei, sich 
auch "moderner" Methoden zu bedienen. Er braucht da- 
zuhin nicht zu befürchten, daß ihm seine Forschungsin- 
halte vorgeschrieben werden. Es ist vielmehr seine Auf- 
gabe, nicht allgemein bekannte historische Tatbestände 
arst bewußt zu machen: Indem er den historischen Kon- 
text der Objekte seiner Umwelt aufdeckt, übt er zugleich 
Kritik an den Sehweisen und sprachlichen Begriffen, mit 
denen unsere Umwelt kategorisiert zu werden pflegt, und 
zwingt dadurch, Planungsansätze der Gegenwart inhalt- 
lich jeweils neu zu überdenken (vgl. die kurzen Hinweise 
zum Urbanitätsbegriff in Abschnitt 1). 
Als eine der fruchtbarsten Methoden baugeschichtlicher 
Forschung erweist sich immer noch die Stilkritik, da sie 
von den optisch-haptischen Qualitäten des Objekts aus- 
geht, es also in seiner räumlich-dinglichen Gegenwär- 
tigkeit begreift. Durch den informationstheoretischen 
Ansatz der modernen Ästhetik sind Verfahren gegeben, 
die gegenüber verbalen Beschreibungen exaktere Ana- 
Iysen ermöglichen könnten, indem sie Objekte im Sinne 
der Semiotik auf ihre semantischen Gehalte (Funktion, 
Konstruktion, Bedeutung; Gesellschaft") hin untersucht; 
- mit anderen Worten genau das, was die vielverlästerte 
Stilgeschichte im ursprünglichen Sinn meint (glanzvoll 
formuliert bereits bei J. Burckhardt; die derzeit häufig 
zu beobachtende Aversion gegen den Stilbegriff beruht 
zumeist auf Unkenntnis und Mißverständnissen). Festzu- 
halten ist, daß die Baugeschichte dabei ihre Objekte in 
deren geschichtlichem Bezug beschreibt, eine Stadt als 
Form z.B. nicht ahistorisch-formalästhetisch als System 
von Räumen, Dominanten u.ä. sieht, sondern diese in 
der Beschreibung als Formalisierung jeweils bestimmter 
Handlungssysteme, als Ausdruck z.B. eines sozial- oder 
rechtshistorischen Feldes, interpretiert. 
Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß in sehr viel 
höherem Maße, als man gemeinhin weiß, Bauwerke weder 
in ihrer ursprünglichen Gestalt noch in ihrer Zeitstellung 
bekannt sind, wir z.B. vom Aufriß einer hochmittelalter- 
lichen Stadt noch kaum eine Vorstellung haben, Proble- 
me der Rekonstruktion und Datierung demnach - vor aller 
Interpretation - immer noch zentrale Hauptaufgaben 
architekturgeschichtlicher Forschung sind! 
Eine selbst in Ansätzen erst wenig angegangene Aufgabe 
ist eine Untersuchung der Frage, inwieweit Bauwerken 
der Vergangenheit eine Funktion als Träger bestimmter 
Aspekte des Selbstverständnisses der Gesellschaft zu- 
kommt, z.B. die Frage nach der räumlichen Orientie- 
rungsfunktion von Bauwerken, der normativ-ästhetischen 
Orientierungsfunktion, der repräsentativen Funktion 
(Bauwerk als Element der Selbstdarstellung gesellschaft- 
licher Gruppen; Prestigefunktion), der Stabilisierungs- 
funktion (Tradition), - umgekehrt vor allem der Frage, 
inwieweit unsere Gesellschaft überhaupt auf solche 
"Denk-Male" angewiesen ist. Es steht außer Zweifel, daß 
dieses Forschungsgebiet von einem Bauhistoriker tradi- 
tioneller Ausbildung nicht allein bewältigt werden kann, 
er hier zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit 
anderen Disziplinen kommen muß, bei der jedoch er die 
Fragestellung bestimmt. 
Baugeschichte aus Lehre 
Didaktische Probleme einer Organisation des Lernprozes- 
ses brauchen hier nicht zur Diskussion stehen, da diese 
ARCH+ 3 (1970) H. 9 
nicht von einem bestimmten Fachgebiet her bestimmt sind 
und gelöst werden können. Es geht vielmehr um Lernin- 
halte, die hier jedoch nur noch kurz angesprochen werden 
sollen. 
Grundsätzlich erscheint es unzweckmäßig, einen beson- 
deren Studiengang für Denkmalpfleger einzurichten. Je- 
der zukünftige Planer und Architekt hat sich später mit 
historischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und muß 
die Möglichkeit erhalten, sich darauf vorzubereiten 
(Denkmalpflegerausbildung bestenfalls im Rahmen eines 
Aufbaustudiums oder einer Assistententätigkeit). 
Baugeschichte hat im Rahmen unserer Prämisse Kategorien 
der Wertung zu vermitteln. Dies erscheint nur über eine 
Grundkenntnis der großen abendländischen Bauten mög- 
lich ("Parthenon, Chartres, Versailles"). 
Eine der baulichen Hauptaufgaben der nahen Zukunft 
werden Altstadtsanierungen sein und gerade hier ist die 
Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz des Histori- 
schen besonders eindrucksvoll greifbar. Dabei wird vor 
allem die Baugeschichte eine große Zahl von Planungs- 
komponenten liefern, die zu erkennen nun weniger eine 
Kenntnis der Sternstunden abendländischer Baukunst voraus- 
setzt, als vielmehr eine vertiefte Vorstellung von der Be- 
deutung mittelalterlicher und nachmittelalterlicher Pro- 
fanbaukunst (Bürgerhausbau, Bauten des Wirtschaftsle- 
bens, u.ä.), um zu möglichen Maßstäben einer Wertung 
zu gelangen. Hier sind zumindest auch die Grundzüge 
stadtbaugeschichtlicher Entwicklungen darzustellen, was 
z.T. nur unter Mitbehandlung allgemeiner historischer 
Raumordnunasprobleme möalich ist. 
IV. Zeitliche Grenze der Baugeschichte 
Planen und Bauen innerhalb einer als historisch verstan- 
denen Gesellschaft kann Baugeschichte nicht als ein will- 
kürlich 1800, 1870 oder 1914 zum Abschluß gekommenes 
Geschehen betrachten, sondern muß auch eine Arbeit in 
Gegenwart und für die Zukunft als geschichtsbestimmten 
und geschichtssetzenden Prozeß verstehen. So gesehen 
mündet Baugeschichte ständig in Planung, ist Planung 
bereits Bauaeschichte. 
Objektbereich der Baugeschichte 
Innerhalb eines wie immer definierbaren historischen 
Raums ist jedes Bauwerk nur Element unter anderen. Eine 
exakte Grenze läßt sich vom Standpunkt der Planung. in 
diesem Raum nicht festlegen. Ihr sind Bauwerke gleichbe- 
deutend’ anderen historischen Elementen der Raumordnung, 
wie eine Straße, eine Grenze, die Flureinteilung der 
Felder, die volkskundlich interessante alte Steinsetzung, 
schließlich auch die natürlichen Elemente einer durch die 
Geschichte geformten Landschaft: Baugeschichte geht in 
diesem Sinn in Umweltgeschichte auf, wobei sich die 
Frage nach der Organisation einer Umweltgeschichte an 
der Universität nicht auf die nach dem Universalgenie 
reduziert, sondern sich vielmehr an das Selbstverständnis 
der den Handlungsraum des zukünftigen Architekten und 
Planers bereits abdeckenden Fachdiszipline richtet (Städte- 
bau, Landesplanung, Raumordnung; Geographie), bzw. 
die Ausweitung entsprechender Studien auf bereits histo- 
risch arbeitende Diszipline zur Folge haben kann (allge- 
meine Geschichte, Kunstgeschichte, Geographie). Nichts 
würde die Baugeschichte an einer Architekturabteilung 
mehr disqualifizieren als der Versuch, alles Historische 
auf einen einzelnen hin zu personalisieren! 
N
	        
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