in ihrer ganzen Tiefe auszuleuchten. Er läuft nicht mehr
Gefahr, im Prestige seines Status als Baugeschichtler
verunsichert zu werden und erst jetzt ist er frei, sich
auch "moderner" Methoden zu bedienen. Er braucht da-
zuhin nicht zu befürchten, daß ihm seine Forschungsin-
halte vorgeschrieben werden. Es ist vielmehr seine Auf-
gabe, nicht allgemein bekannte historische Tatbestände
arst bewußt zu machen: Indem er den historischen Kon-
text der Objekte seiner Umwelt aufdeckt, übt er zugleich
Kritik an den Sehweisen und sprachlichen Begriffen, mit
denen unsere Umwelt kategorisiert zu werden pflegt, und
zwingt dadurch, Planungsansätze der Gegenwart inhalt-
lich jeweils neu zu überdenken (vgl. die kurzen Hinweise
zum Urbanitätsbegriff in Abschnitt 1).
Als eine der fruchtbarsten Methoden baugeschichtlicher
Forschung erweist sich immer noch die Stilkritik, da sie
von den optisch-haptischen Qualitäten des Objekts aus-
geht, es also in seiner räumlich-dinglichen Gegenwär-
tigkeit begreift. Durch den informationstheoretischen
Ansatz der modernen Ästhetik sind Verfahren gegeben,
die gegenüber verbalen Beschreibungen exaktere Ana-
Iysen ermöglichen könnten, indem sie Objekte im Sinne
der Semiotik auf ihre semantischen Gehalte (Funktion,
Konstruktion, Bedeutung; Gesellschaft") hin untersucht;
- mit anderen Worten genau das, was die vielverlästerte
Stilgeschichte im ursprünglichen Sinn meint (glanzvoll
formuliert bereits bei J. Burckhardt; die derzeit häufig
zu beobachtende Aversion gegen den Stilbegriff beruht
zumeist auf Unkenntnis und Mißverständnissen). Festzu-
halten ist, daß die Baugeschichte dabei ihre Objekte in
deren geschichtlichem Bezug beschreibt, eine Stadt als
Form z.B. nicht ahistorisch-formalästhetisch als System
von Räumen, Dominanten u.ä. sieht, sondern diese in
der Beschreibung als Formalisierung jeweils bestimmter
Handlungssysteme, als Ausdruck z.B. eines sozial- oder
rechtshistorischen Feldes, interpretiert.
Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß in sehr viel
höherem Maße, als man gemeinhin weiß, Bauwerke weder
in ihrer ursprünglichen Gestalt noch in ihrer Zeitstellung
bekannt sind, wir z.B. vom Aufriß einer hochmittelalter-
lichen Stadt noch kaum eine Vorstellung haben, Proble-
me der Rekonstruktion und Datierung demnach - vor aller
Interpretation - immer noch zentrale Hauptaufgaben
architekturgeschichtlicher Forschung sind!
Eine selbst in Ansätzen erst wenig angegangene Aufgabe
ist eine Untersuchung der Frage, inwieweit Bauwerken
der Vergangenheit eine Funktion als Träger bestimmter
Aspekte des Selbstverständnisses der Gesellschaft zu-
kommt, z.B. die Frage nach der räumlichen Orientie-
rungsfunktion von Bauwerken, der normativ-ästhetischen
Orientierungsfunktion, der repräsentativen Funktion
(Bauwerk als Element der Selbstdarstellung gesellschaft-
licher Gruppen; Prestigefunktion), der Stabilisierungs-
funktion (Tradition), - umgekehrt vor allem der Frage,
inwieweit unsere Gesellschaft überhaupt auf solche
"Denk-Male" angewiesen ist. Es steht außer Zweifel, daß
dieses Forschungsgebiet von einem Bauhistoriker tradi-
tioneller Ausbildung nicht allein bewältigt werden kann,
er hier zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit
anderen Disziplinen kommen muß, bei der jedoch er die
Fragestellung bestimmt.
Baugeschichte aus Lehre
Didaktische Probleme einer Organisation des Lernprozes-
ses brauchen hier nicht zur Diskussion stehen, da diese
ARCH+ 3 (1970) H. 9
nicht von einem bestimmten Fachgebiet her bestimmt sind
und gelöst werden können. Es geht vielmehr um Lernin-
halte, die hier jedoch nur noch kurz angesprochen werden
sollen.
Grundsätzlich erscheint es unzweckmäßig, einen beson-
deren Studiengang für Denkmalpfleger einzurichten. Je-
der zukünftige Planer und Architekt hat sich später mit
historischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und muß
die Möglichkeit erhalten, sich darauf vorzubereiten
(Denkmalpflegerausbildung bestenfalls im Rahmen eines
Aufbaustudiums oder einer Assistententätigkeit).
Baugeschichte hat im Rahmen unserer Prämisse Kategorien
der Wertung zu vermitteln. Dies erscheint nur über eine
Grundkenntnis der großen abendländischen Bauten mög-
lich ("Parthenon, Chartres, Versailles").
Eine der baulichen Hauptaufgaben der nahen Zukunft
werden Altstadtsanierungen sein und gerade hier ist die
Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz des Histori-
schen besonders eindrucksvoll greifbar. Dabei wird vor
allem die Baugeschichte eine große Zahl von Planungs-
komponenten liefern, die zu erkennen nun weniger eine
Kenntnis der Sternstunden abendländischer Baukunst voraus-
setzt, als vielmehr eine vertiefte Vorstellung von der Be-
deutung mittelalterlicher und nachmittelalterlicher Pro-
fanbaukunst (Bürgerhausbau, Bauten des Wirtschaftsle-
bens, u.ä.), um zu möglichen Maßstäben einer Wertung
zu gelangen. Hier sind zumindest auch die Grundzüge
stadtbaugeschichtlicher Entwicklungen darzustellen, was
z.T. nur unter Mitbehandlung allgemeiner historischer
Raumordnunasprobleme möalich ist.
IV. Zeitliche Grenze der Baugeschichte
Planen und Bauen innerhalb einer als historisch verstan-
denen Gesellschaft kann Baugeschichte nicht als ein will-
kürlich 1800, 1870 oder 1914 zum Abschluß gekommenes
Geschehen betrachten, sondern muß auch eine Arbeit in
Gegenwart und für die Zukunft als geschichtsbestimmten
und geschichtssetzenden Prozeß verstehen. So gesehen
mündet Baugeschichte ständig in Planung, ist Planung
bereits Bauaeschichte.
Objektbereich der Baugeschichte
Innerhalb eines wie immer definierbaren historischen
Raums ist jedes Bauwerk nur Element unter anderen. Eine
exakte Grenze läßt sich vom Standpunkt der Planung. in
diesem Raum nicht festlegen. Ihr sind Bauwerke gleichbe-
deutend’ anderen historischen Elementen der Raumordnung,
wie eine Straße, eine Grenze, die Flureinteilung der
Felder, die volkskundlich interessante alte Steinsetzung,
schließlich auch die natürlichen Elemente einer durch die
Geschichte geformten Landschaft: Baugeschichte geht in
diesem Sinn in Umweltgeschichte auf, wobei sich die
Frage nach der Organisation einer Umweltgeschichte an
der Universität nicht auf die nach dem Universalgenie
reduziert, sondern sich vielmehr an das Selbstverständnis
der den Handlungsraum des zukünftigen Architekten und
Planers bereits abdeckenden Fachdiszipline richtet (Städte-
bau, Landesplanung, Raumordnung; Geographie), bzw.
die Ausweitung entsprechender Studien auf bereits histo-
risch arbeitende Diszipline zur Folge haben kann (allge-
meine Geschichte, Kunstgeschichte, Geographie). Nichts
würde die Baugeschichte an einer Architekturabteilung
mehr disqualifizieren als der Versuch, alles Historische
auf einen einzelnen hin zu personalisieren!
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