Metadaten: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1981, Jg. 13, H. 55-57/58, [59], 60)

Frauen, Raume, Architektur —
Gruppe Frau, Steine, Erde im Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis
Beiträge Nr. 4 zur feministischen Theorie und Praxis, Verlag Frauenoffensive, München 1980

Praktikerinnen und Wissenschaftlerinnen
 aus der Frauenbewegung geben heute
in immer mehr Bereichen wichtige Denkanstöße.
 Sie haben erfahren, daß die patriarchalischen
 Strukturen nicht nur in
der Aufrechterhaltung der geschlechtsspezifischen
 Arbeitsteilung zum Ausdruck
kommen, sondern sich auch in den jeweiligen
 Praxis- und Wissenschaftsbereichen
manifestieren. Sie suchen daher ihren
eigenen Standpunkt gegenüber männlicher
 Forschung und Praxis zu formulieren
und brechen damit häufig genug eingefahrene
 Denkstrukturen auf. Endlich gibt es
nun auch im Bereich von Architektur und
Planung eine Aufsatzsammlung, die sich
weniger aus baulich-gestalterischer als aus
gesellschaftlich-planerischer Perspektive
mit der Situation von Frauen befaßt. Die
Gruppe „Frauen, Steine, Erde“ im Verein
„Sozialwissenschaftliche Forschung und
Praxis für Frauen“ demonstriert, wie eine
Frauenforschung und -praxis, die den
Interessen von Frauen in Planung und
Architektur zum Durchbruch verhelfen
soll, angelegt sein müßte. Vier Themenkomplexe
 werden behandelt: Erfahrungen
 und Lernprozesse von Frauen in
Planungsberufen, die baulich-räumliche
Umwelt als Moment patriarchalischer
Herrschaft, die Stellung der Frau zur
Ókologiebewegung und  Stadtutopieentwürfe.

Faszinierend fand ich zu lesen, welche
Erkenntnisprozesse - allerdings auch
problematische Unsicherheit und Frustration,
 wie Christiane Erlemanns Weg zum
Diplom-Ingenieur zeigt - móglich sind,
wenn erst einmal die objektivierende, analysierende
 „männliche“ Sichtweise von
Planung und Architektur abgestreift ist.
Subjektive Erfahrungen sind als Quelle
wissenschaftlicher Erkenntnis zugelassen,
ja notwendig. So schreibt Kerstin
Dörhöfer: „Die Darstellung des Zusammenhangs,
 auch des ganz alltäglichen
Lebenszusammenhangs, aus dem Erkenntnisse
 entstanden sind, macht diese
nachvollziehbar, ermöglicht deren Aneignung
 und entkleidet die Wissenschaft
ihrer scheinbaren Objektivität, Abstraktheit,
 durch die sie so oft zum Herrschaftsinstrument
 wird, statt zur Hilfe in alltäglichen
 Entscheidungs- und Handlungsprozessen.“
 (S. 30)
Aus dieser Sicht verlieren z.B. die statistischen
 Daten, die Astrid Zellmer zum
Beleg für den verschwindend geringen
Anteil von Frauen in Planungsberufen
heranzieht, ihre Aussagekraft, wenn sie sie
mit dem qualitativ großen Engagement
von ihr bekannten Planerinnen in Stadtteilinitiativen
 vergleicht. Das Schlagwort
von der Planung mit Betroffenen wird beleuchtet
 und bekommt Farbe in einem
Gespräch, das Christiane Bascön-Borgelt
mit Veronika Keckstein führte. Veronika
Keckstein hatte sich als ausgebildete
Architektin mit langjähriger Berufserfahrung
 auf die Beratung der Frauen eingelassen,
 die in Berlin das zweite Frauenhaus
 suchten. Ihr spannender Bericht
macht - wahrscheinlich exemplarisch -
deutlich, daß eine Befriedigung, die aus
dem Einsatz der fachlichen Qualifikation
resultiert, in der Planung mit Betroffenen
nicht zu erwarten ist. Kerstin Dörhöfer
zeigt, wie sich ihre Problemsicht der Wohnungsversorgung
 allmählich durch
Erfahrungen auf der Berliner Sommeruniversität,

 durch Konfrontation mit der
Frauenrealität in neuen Großsiedlungen
und in der Arbeit von Assistentenkollegen
über Wohnversorgung verändert hat. Ihr
Fazit ist, daß man für die Analyse der

FRAUEN FORMEN
IHRE STADT e.V.

... WO die Außenseiterinnen wohnen

Die Gruppe „frauen formen ihre stadt“ hat in
ihrer neuesten Ausgabe der gleichnamigen
Heftreihe, Nr. 7, einen Rückblick auf die
vergangene, aber noch weiter wandernde
Ausstellung „ein Raum für eine Frau“
gedruckt und die Ausschreibung für das neue
Ausstellungsprojekt, das im Juni 81 starten
soll, „... wo die Außenseiterinnen wohnen ...“
gebracht.
Um wen handelt es sich da? Es gibt
larmoyante Wesen, die sich selbst so nennen
und es gibt die, die es ganz unfreiwillig sind ...
Es gibt jedenfalls genug Ghetto-Situationen
für Frauen, die sie zu Außenseiterinnen
machen, ob sie das schön finden oder nicht:
z.B. Satellitenstädte, die Wohnungssuche
alleinerziehender Mütter, „Grüne-Witwen-Reservate";
 oft reicht es schon, mit dem
Kinderwagen vor der U-Bahn-Treppe zu
stehen, wo alle hinunterrennen, um sich als
AuBenseiterin zu fühlen.

Dann gibt es Obdachlosenquartiere, Slums,
Südafrikas „Homelands“, die Vergessenen in
Heimen und Strafanstalten, demgegenüber
Frauenklöster und eine fast komplette Infrastruktur
 in manchen Städten, die sich Frauen
geschaffen haben, als sehr bewußte Gegenwelt.

Das Thema soll auch die Phantasie anregen,
Fluchtburgen und Traumstädte zu visualisieren,
 und es kónnen auch gar nicht genug
absurde Gefilde werden! Wiederum kónnen
konkrete alternative Projekte Selbstdarstellungen
 mit Fotos von ihren Anwesen und
Werkstätten schicken.

Kurz ein paar technische Angaben:
Adresse:
Marianne Pitzen, Galerie Circulus,
5300 Bonn, Bonner Talweg 68,
0228/210573 oder 219378
Und bitte sofort melden, der Juni ist bald da!
Die Blätter, Kartons u.ä. sollen 60x80 groß
sein, dafür haben wir Rahmen, und so
einsichtig wie sinnlich gestaltet. Fachfrauen:
Vorsicht mit fachlicher Detailfreude, es soll
lesbar für alle sein! Nicht-Fachfrauen: Nur
Mut! Künstlerinnen: wenn der enge Rahmen
eventuell gesprengt werden, eine begehbare
Installation errichtet werden soll, dann
natürlich auch gleich Rücksprache!

Wohnungsversorgung den ,kapitalistischen
 Determinanten" die ,patriarchalischen
 Determinanten" hinzufügen müsse
und damit die Wohnungsversorgung auch
einmal aus den Funktionen heraus erkláren
 sollte, die sie für die Aufrechterhaltung
 der geschlechts-spezifischen Arbeitsteilung
 und damit der Unterdrückung der
Frauen habe.
Der zweite Themenkomplex befaBt sich
mit dem Beleg der These, daB die Art der
Wohnungsversorgung, die baulich-räumliche
 Umwelt, die geschlechtsspezifische
Arbeitsteilung, stabilisiert. Ulla Terlinden
 analysiert die Wirkung der Stadtentwicklungsprozesse
 und der Baustrukturen
auf den Alltag von Frauen und fragt,
welche Móglichkeiten Frauen heute haben,
 selbst auf ihr Wohnumfeld EinfluB zu
nehmen. Rückblickend auf das Biedermeier
 zeigt Eva Schulze, daB sich die normativen
 Erwartungen an die Häuslichkeit
von Frauen wie die sich gleichzeitig
herausbildende funktionsspezifische
Raumaufteilung der Wohnung bis heute in
der Tendenz unverändert geblieben sind.
Diese räumlichen Bedingungen unterstützen
 subjektiv wie objektiv die Einsozialisierung
 traditioneller Rollenmuster und
sind damit als ein Moment der Unterdrükkung
 der Frau anzusehen. Diese ist nun
natürlich nicht einfach durch Veränderung
 der Wohnung und des Wohnumfeldes
 aufhebbar. Dies muß man bedenken,
wenn man Myra Warhaftigs Vorschläge
für die Gestaltung der modernen Küche
liest. Sie zeigt, daß die Küche so gestaltet
werden kann, daß sie nicht die geschlechtsspezifische
 Arbeitsteilung im Haushalt
unterstützt, daß ihre Einbindung in die
Wohnung so möglich ist, daß sie nicht zur
Isolierung und Mehrbelastung der Frauen
beiträgt.
Die Stellung der Frauen zur Ökologiebewegung
 problematisiert Ulla Terlinden
im dritten Themenbereich. Sie sieht eine
starke Affinität von Fraueninteressen und
ökologischen Interessen. Beide basieren
auf einem „nicht zerstörenden Verhältnis
zur natürlichen Umwelt“. Für die Frauen
leitet sie dieses Interesse aus Inhalt und
Form der Hausarbeit ab. Die Ökologiebewegung
 wäre also eigentlich der geeignete
 Ort, an dem Frauen ihr Interesse
politisch realisieren können. Dennoch ist
das nicht der Fall. Die Organisationsformen
 schrecken die Frauen ab. Frauen sollten
 sich also auch in der Ökologiebewegung
 autonom organisieren, ist das Ergebnis
 dieser Argumentation, bei der man
einen bestimmten negativen Erfahrungshintergrund
 vermutet, der aber leider nicht
offengelegt wird.
Etwas ratlos bin ich bei der Beurteilung
der Phantasie von Frauen (den Berliner
Lehrlingen Birgit, Elke und Ilona) darüber,
 wie sie leben möchten und den Reflexionen
 zu architektonischen Modellbauversuchen
 (von Hanne Möhler und
Petra Berndt). Deutlich wird, daß die
baulich-räumliche Umwelt auch unsere
Gedanken verstellt und begrenzt, was
vielleicht dann nirgends sichtbarer wird,
als wenn wir Phantasie entwickeln sollen.
Dies ist nicht nur ein Buch für Frauen,
sondern auch für solche Männer, die Lust
haben, ihre eigenen Denkgewohnheiten in
Frage zu stellen. Es kostet 12.80 DM.

Marianne Rodenstein

£7)
	        
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