Inhalt / Download: Geschichte der Stadt Stuttgart

«p Die bauliche GntwicMung 
Bis dabin war jahrzehntelang der Rennweg (Kiesweg) als Straße nach Berg benutzt 
worden, welcher vom unteren Cor des Lustgartens ausging; 1782 wurde aber dieses „Cann- 
ftattertor“ geschloffen. 
Jm Zusammenhang mit dieser Verkehrsumleitung stand die Anlage des Reuen Schloß 
platzes mit einer dreifachen, im Halbkreis herumlaufenden Allee von Kastanienbäumen nebst 
einem Springbrunnen und geraden Seitenalleen. Von den Gebäuden an seiner Rordwestfeite 
wurde hauptsächlich das Ballhaus abgebrochen. Dagegen blieben längs der jetzigen Königftraßc 
bis 1818 stehen das Jägerhaus (zuletzt Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten) und eine 
an Stelle des Viehhaufes getretene Kaserne für das Leibkorps mit „langer schöner front gegen 
die Straße“ (zuletzt Kriegsministerium). 
Der schöne Garten des fürftenhaufes war 1775 zum botanischen Garten gemacht worden; 
1782 aber wurde das dem fürftenbaus zunächst gelegene Stück davon weggenommen und als 
Zufahrt zur Seegaffe (friedrichftraße) die Reue Straße durchgebrochen, die heutige fürftenftraße. 
Zugleich brachte man die Ludwigsburgerstraße auf die doppelte Länge, indem man das Cor 
von der Kreuzung der heutigen Königs- und Schloßftraße in die Räbe des Siecbenbaufes ver 
legte (etwa bis an die Kronenstraße), ferner wurde am oberen 6nde des Grabens gegenüber 
der Legionskaferne 1782 die Kleine oder Judenplanie geschaffen. 
Straßenbeleuchtung durch Laternen mit Hohlspiegeln (Reverberes) wurde 1786 eingeführt. 
Stuttgart zählte 1789 schon 2072 Gebäude; auf dem Bollwerk besonders, der höchsten, luftigsten 
und gesündesten Gegend der Stadt, wo früher fast lauter Gärten gewesen waren, hatte man 
inzwischen viele und zum Ceil ansehnliche Häuser aufgeführt. Die Bevölkerung hatte 1776 die 
Zahl 18000 überschritten, für das Codesjahr Herzog Karls, 179z, kann sie auf 22000 insgesamt 
angenommen werden. 
Me urteilten fremde Beobachter über das Stadtbild im ganzen? Ziemlich ungünstig 
der Berliner Ricolai, welcher 1781 hier war. Auf feine zum Ceil ziemlich oberflächlichen Be 
merkungen können wir nicht eingeben. Hm meisten gefällt ihm die Lage zwischen grün- 
bewachsenen Berghängen, die fast in alle Straßen hereinblicken. Aus einem anderen Gesichts 
punkt findet 1793 der Göttinger Professor flßeiners die Lage der Stadt beklemmend, er möchte sie 
lieber an der verkehrsreichen Stelle von Cannstatt sehen. Jm Innern habe sich Stuttgart feit 
1778, wo er es zum erstenmal besucht, sehr verändert, so daß mehrere Straßen kaum wieder zu 
erkennen feien. Die Bauart fei jwar nicht schön: trot; der guten Gleichste in brü che vor den Coren 
nur Hotzbau auf steinernem Qnterstock. Die hohen gegen die Straße gekehrten Giebeldächer 
und die vorspringenden Stockwerke, letzteres übrigens ein Merkmal der ersten Hälfte des 18. 
Jahrhunderts, gefallen ihm nicht, ebensowenig die unbewohnbaren dunklen Dielen im Grdgefcboß, 
die steilen , schmalen Creppen, in den Klobnräumen die übergroße fensterzahl ohne gehörige 
Spiegelwände. Richtsdeftoweniger mache Stuttgart auf den Reifenden einen angenehmen Ein 
druck dadurch, daß man allenthalben Beweise-von nicht geringem, stets zunehmendem Wohl 
stände und wenig oder gar keine Spur von Armseligkeit oder Verfallenbeit der Wohnungen 
sehe, wie anderswo. 
Die frühere Prachtentfaltung in fürstlichen Bauten hatte beim Hofadel, im Beamten- und 
Bürgertum nur einen schwachen Widerhall gefunden. Zögernd entschloß man sich ?u einigem 
Aufwand im Bauwesen. Das in feiner ganzen Erscheinung vornehmste Privatgebäude von Alt- 
Stuttgart ist das sogenannte Calwerbaus, Ecke der Königs- und Breitenstraße. Unter Ver 
zicht auf durchgreifende Gliederung wirkt es durch große, freie Verhältnisse. Die verzierten 
Schlußsteine der Stichbogenfenster erinnern an das Refidenjfcbloß. Schon 1776 stand das große 
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