Full text: Jahres-Bericht des Königlichen Polytechnikums zu Stuttgart für das Studienjahr 1883-1884 (1883)

  
ist die Nordrichtung mit Hilfe der Flurkarten und unter Berücksichtigung der Meridianconvergenz zu ermitteln. Die 
Resultate sind: auf denselben Zeitpunkt zu reduciren. Abzuliefern ist eine Karte, in welche die einzelnen Standpunkte 
eingetragen sind; ferner eine Begleitschrift, welche die Resultate enthält (die Coordinaten der Standpunkte, die ge- 
messenen Declinationen u, s. w.), und in welcher der Gang der Messungen, das benützte Bussoleninstrument und 
dessen Justirung eingehend beschrieben sind. 
Für die Messungen wird aus dem geodátischen Apparat ein Bussoleninstrument zur Verfügung gestellt.* 
Es ist eine Lósung mit dem Motto , Bussole“ eingegangen; die Beurtheilung derselben lautet: 
Die Losung erfüllt im Wesentlichen die in der Aufgabe gestellten Bedingungen; es ist in der Preisarbeit 
das benützte Instrument beschrieben mit Angabe der an demselben vorzunehmenden Correctionen, die Declination 
wurde in Punkten gemessen, welche in dem durch die Punkte Leonberg, Markgróningen, Waiblingen, Echterdingen 
begrenzten Viereck liegen. Die einzelnen Declinationsbestimmungen sind gut, auch die Berechnung ist nahezu 
fehlerfrei, Da die Declination in jedem Punkte mit Benützung mehrerer Visuren nach bekannten Objekten mehrfach 
bestimmt wurde, so war die Möglichkeit gegeben, für jede einzelne Bestimmung die Abweichung vom Mittel zu 
berechnen. So fand sich bei der Prüfung als grösste Abweichung vom Mittel 1 Minute, und die durchschnittliche 
Abweichung = 0,36‘, was entschieden als ein gutes Resultat zu bezeichnen ist, wenn man bedenkt, dass das benützte 
Instrument als kleinstes Intervall 20' hat, und also durch Schätzung höchstens noch 2 anzugeben erlaubt. Aus den 
Resultaten der Beobachtungen hat der Verfasser noch eine Karte der Isogonen zusammengestellt, welche eine Ueber- 
einstimmung mit den Lamont’schen Resultaten zeigt, wie man dieselbe nicht besser wünschen kann. Zu Aufstellungs- 
punkten hat der Verfasser fast durchaus Marksteine gewählt, deren Coordinaten durch Abstechen der betreffenden 
Maasse aus den Flurkarten unter Berücksichtigung des Karteneingangs gefunden wurden; zu wünschen wäre hier 
gewesen, wenn die Aufstellung wo möglich über trigonometrischen Punkten erfolgt wäre, deren Coordinaten gegeben 
gewesen wären. Wenn ferner in der Aufgabe die Reduction der Resultate auf den gleichen Zeitpunkt verlangt war, 
so war darunter verstanden dasselbe Datum und dieselbe Tageszeit. Verfasser hat die Reduction bloss auf die gleiche 
Tageszeit ausgeführt und hiebei zwei Reihen stündlicher Beobachtungen am 12. und 16. Oktober benützt, während 
er die im Lauf der Arbeit vor sich gegangene Aenderung der Declination, welche allerdings ganz unbedeutend gewesen 
zu sein scheint, vernachlässigte. Um die Reduktion vollständig zu erhalten, wäre es angezeigt gewesen, innerhalb 
des Zeitraums, über welchen die Beobachtungen sich erstreckten, etwa drei Reihen stündlicher Beobachtungen anzu- 
stellen, eine zu Anfang (Aug. 27), eine in der Mitte, eine am Schluss (Okt. 10).« 
Trotz dieser Ausstellungen wurde der Arbeit im Hinblick auf den grossen Fleiss, das be- 
wiesene gute Verstindniss und namentlich auf die guten Resultate der Preis zuerkannt. Der Ver- 
fasser ist Ludwig Schiele von Ulm, seit Herbst 1881 ordentlicher Studirender der Ingenieurfachschule. 
VI. Die allgemein bildende Fachschule 
hatte die Aufgabe gestellt: 
„Goethe’s Dichtung „Hermann und Dorothea“ soll literaturgeschichtlich und ästhetisch. beurtheilt werden.“ 
Es sind zwei Arbeiten eingegangen, welche folgende Beurtheilung fanden: 
Die Arbeit I mit dem Motto: „Greift nur hinein in’s volle Menschenleben“, 
„Der Verfasser gibt eine Einleitung über den Gang der neueren deutschen Literatur bis zu Goethe und 
über dessen Entwicklung, er begleitet hierauf das Gedicht in der Weise eines Commentars und lässt schliesslich eine 
Studie über die Wandlungen des neueren Idylls bis auf Goethe folgen, wobei er seine Gedanken über Eintheilung 
dieser Dichtungsform nach dem Unterschied ihrer Grundauffassung und ihres Styls vorbringt (Idyll und Epyll). 
Die Arbeit zeigt viel Belesenheit, Kenntniss der ganzen, auch der auslündischen Literatur über den Gegen- 
stand, selbständiges Urtheil, ja es fehlt ihr nicht an Geist; öfters begegnet man treffenden , guten Gedanken. Be- 
sonders eingehend beschäftigt sich der Verfasser mit dem Metrischen und dem Sprachklang in seinem Verhältniss 
zum Sinn, die Arbeit ist darin reich an feinen Bemerkungen. Um so mehr, da der Verfasser mit sichtbarer Vorliebe 
sich auf diesem Boden bewegt, ist anzuerkennen, dass darüber der Inhalt, der poetische und zugleich ethische Werth 
des Gedichts nicht zu kurz kommt, sondern richtig und warm geschätzt wird. 
 
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.