Full text: Jahres-Bericht des Königlichen Polytechnikums zu Stuttgart für das Studienjahr 1883-1884 (1883)

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Allein man vermisst den Charakter der objektiven Gehaltenheit, der von einer wissenschaftlichen Arbeit 
zu fordern ist. Zunächst ist die Anordnung überhaupt nicht zweckmässig. Die allgemeine literarhistorische Einleitung 
hätte besser, im Uebrigen bedeutend abgekürzt, die Entwicklungsgeschichte des Idylls, die der Verfasser im Excurse 
gibt, in sich aufgenommen, wobei jedoch weiter, zu den Anfängen des Aufkommens dieser Gattung im sechzehnten 
Jahrhundert, zurückgegangen sein müsste, als hier geschehen ist. — Warum sodann der Haupttheil des Ganzen als 
Commentar behandelt ist, dafür lassen sich Gründe angeben, dagegen aber spricht die Folge dieses Verfahrens: 
Vereinzelung, Verzettelung, Auseinanderfallen des Zusammengehórigen. Eine Analyse des Gedichts nach den wesent- 
lichen Standpunkten und Massstáben ásthetischer Kritik und Charakteristik: leitende Grundidee, Führung der Handlung, 
Motivirung, Charakterzeichnung, Veranschaulichung u. s. w. war entschieden vorzuziehen. 
Ferner ist jene Schlichtheit zu vermissen, die das Merkmal wohlgeordneten Denkens ist und lebhaftere, 
kühnere Wendungen am. rechten Orte doch keineswegs ausschliesst. Der Verfasser sucht das Geistreiche, Originelle, 
witzig Zugespitzte, steigert unnatürlich, hüuft mitunter gequollene wechselnde Bilder, baut seltsame Wörter, verirrt 
sich ins Barocke und bei polemischem Ausfall ins Leidenschaftliche, unpassend Derbe. Auch was er über Vers und 
Sprachklang Feines bemerkt, geht da und dort ins Gesuchte über. So eingehend der Commentar ist, wird doch an 
einigen Stellen eine nennenswerthe Schonheit oder Gewicht und Bedeutung eines Gedankens iibersehen. 
Die schwierige Abwügung dieser entgegengesetzten Eigenschaften hat die Fachschule doch in günstigem 
Sinn abzuschliessen für Pflicht erachtet, indem sie zu den genannten Vorzügen der Arbeit, die neben den Mängeln 
und Auswüchsen in ihrem Werthe bestehen bleiben, noch den sichtbar grossen Fleiss in die Wagschale legte, der 
auf sie verwendet ist." 
Auf Antrag der Fachschule wurde der Arbeit der Preis zuerkannt. Ihr Verfasser ist 
Viktor Gráter, Prüceptor a. D. von Cannstatt, von Herbst 1882/83 ordentlicher Studirender der 
allgemein bildenden Fachschule. 
Arbeit II mit dem Motto: „Die Sonne Homer's, siehe, sie lächelt auch uns“. 
.Man erkennt in dieser Arbeit eine auf dem gegebenen Gebiet noch ungeübte Kraft, aber auch ein warmes 
Streben, sich mit den zu Gebot stehenden Hilfsmitteln in den Gegenstand einzuarbeiten, seine Bedeutung an sich 
und im Verhültniss zur Literaturgeschichte und nationalen Bildung zu verstehen und aufzuzeigen. Der Verfasser 
folgt, den Inhalt wiedergebend, dem Gedicht in zusammenhüngender Darstellung, in welche die àsthetische Analyse 
und Beurtheilung eingeflochten ist.. Der hohe Werth des Gedichtes: die Einheit ethisch und national gewichtigen 
Inhalts mit vollendeter Form, tiefen subjektiven Gefühls mit classischer Objectivitàt, die Erhebung des Idylls zur 
Stylhöhe des Epos kommt gebührend zur Geltung. Allerdings beruht der grössere Theil dieser Bemerkungen auf 
Aneignung von Gedanken, die in der einschlagenden Literatur sich bereits finden, die Wiedergebung ist nicht immer 
glücklich, auch nicht umfassend genug, wichtige Stellen des Gedichts kommen zu kurz, wesentliche Momente treten 
nicht genug markirt hervor, dort wird etwas zu stark, hier zu schwach gesagt, sehr mager ist das Metrische be- 
handelt. Allein der Gesammteindruck ist dennoch keineswegs ein ungünstiger; die Aneignung des Fremden ist 
sichtbar nicht unfreies Entlehnen, sondern redlich beflissenes Lernen, da und dort finden sich auch eigene glückliche 
Bemerkungen und die hohe Schätzung des Gedichts erscheint zweifellos als lebendig selbstgefühlt.“ 
Als ermuthigende Würdigung solchen Strebens wurde dieser Arbeit eine öffentliche Be- 
lobung zuerkannt. Ihr Verfasser ist der Lehramtskandidat Carl Schmehl von Möckmühl, seit 
Herbst 1882 ordentlicher Studirender der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachschule, 
 
	        

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