Volltext : Jahres-Bericht des Königlichen Polytechnikums zu Stuttgart für das Studienjahr 1885-86 (1885)

 

Es sind 3 Bearbeitungen eingegangen, welche folgende Beurteilung fanden und zwar:

1. Der Entwurf mit dem Motto: „Licht und Luft.“

„Der Verfasser dieses Entwurfs hat die Kirche in die Mittelaxe des Bauplatzes so gelegt, dass sie, dem
Programm entsprechend, von der Stadt aus direkt zugänglich ist. Rechtsseitig der Kirche ist das Haus der barmherzigen
 Schwestern gelegt, welches im Erdgeschoss die Ráume für die Oberin, das Sprechzimmer der Schwestern,
das Refectorium und den Kapitelsaal, im Obergeschosse aber die viel zu knapp bemessenen Schlafräume für
30 Schwestern und die Oberin samt dem Krankenzimmer der Schwestern in sonst ganz hübscher Weise angeordnet zeigt.
Es sind in diesen Schlafräumen der Schwestern die Betten nicht eingezeichnet, sonst hätte sich der Verfasser
 überzeugen müssen, dass in den hiefür vorgesehenen Räumen kaum die Hälfte der programmmässigen Zahl
untergebracht werden kann.
Um in der äussern Erscheinung eine symmetrische Anlage zu erhalten, hat der Verfasser die Spitalräume
willkürlich geteilt und linksseitig der Kirche einen mit dem Schwesternhaus genau symmetrischen kleinen Spitalbau
angeordnet, während sich der Hauptbau des Spitals rückwärts von den 3 vordern Gebäulichkeiten in der ganzen
Länge des Bauplatzes ausdehnt.
Während in letzterem Bau linksseitig die Männer, rechtsseitig die Frauen in je 2 Geschossen in grossen
Sälen von je 24 Betten untergebracht sind, ist in dem vordern kleineren Spitalbau eine solche Trennung der Geschlechter
nicht durchgeführt und sind auch hier wieder die Räume für die Zahl der aufzunehmenden Betten sehr knapp bemessen.
Durch die Trennung der Spitalräume ist der Dienst ausserordentlich erschwert, da eine organische
Verbindung des Hauptbaus mit dem kleineren Spitalbau ebenso wie mit dem Schwesternhaus nicht vorhanden ist, denn
die offenen Verbindungsgänge können nicht als genügend bezeichnet werden.
Im Aussern sind die Verhältnisse der einzelnen Massen ebensogut abgewogen, als die Architektur im
Ensemble und in der Einzelausbildung charakteristisch und gut durchgeführt ist. Ebenso ist die Darstellungsweise
ansprechend und gefällig, so dass die Zuerteilung eines Preises nur durch die angeführten Mängel der Gesamtanlage
unstatthaft geworden ist, und dieser Bearbeitung nur eine öffentliche Belobun g zuerkannt werden konnte.“
Ihr Verfasser ist: Carl Hengerer von Stuttgart, seit Ostern 1882 ordentlicher Studierender

der Architekturfachschule. .

2, Der Entwurf mit dem Zeichen eines Kreuzes.

„In diesem Entwurf ist die Kirche in den Mittelpunkt der ganzen Anlage gelegt, nach vornen vom
Haus der Schwestern, nach rückwärts vom Spitalbau und seitlich von Verbindungshallen zwischen letzteren Gebäulichkeiten
 umschlossen. Der Zugang zu derselben erfolgt für die Besucher aus der Stadt entweder durch das Vestibül
des vorgelegten Hauses der Schwestern oder durch die seitlichen, innerhalb des umgränzten Platzes liegenden Hallen,
ist also nach dem Programm nicht direkt genug.
Durch diese Anordnung ist für die äussere Erscheinung der bedeutungsvollste Teil der ganzen Bauanlage,
die Kirche, nicht zur Geltung gebracht und ist die direkte Anfahrt zum rückliegenden Spitalbau auf die Rückseite
der. ganzen Anlage gelegt,
Auch hier sind im Haus der Schwestern die Schlafräume zu klein für die Unterbringung von 30 Betten.
Ferner zeigen die Aborte dieses Hauses, welche nur im 1. Geschoss angebracht sind, eine bedenkliche Lage über den
untern offenen Durchgangshallen, was auch bei den symmetrisch hiezu gelegten Aborten des Spitals der Fall ist.
Trotz der unglücklichen Gesamtanlage zeigt der Entwurf im Gegensatz zu den andern Projekten mehr
organischen Zusammenhang in der Planbildung.
Die äussere Erscheinung des Bauwesens zeigt leider eine trockene und wenig ansprechende Ausbildung.“

9. Der Entwurf mit dem Zeichen des Stuttgarter Wappens.
„Der Verfasser dieses Entwurfs stellt seine Kirche in die Mittelaxe zunächst der Strasse, die sämtlichen
übrigen Gebäudeteile aber so weit von letzterer zurück, dass zwischen der Kirche und dem Mittelbau des dahinter
liegenden Spitals noch eine Durchfahrt ist. Durch diese Anordnung und durch die Disposition der Anfahrten und

 
            
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