ERDE + ERNTE
Energie- und Kapitalverschwendung hinneh-
men müssen, wenn es Baustoffe wie Lehm
gibt, die weniger als 1% der Energie benötigen
und die bei richtiger Anwendung genauso
haltbar und darüberhinaus für das Wohnkli-
ma wesentlich besser sind.
Aufgrund verschiedener Untersuchungen
kann angenommen werden, daß in über 50%
der Fälle der Bodenaushub für Fundamente
oder Keller aus Lehm mit ausreichender Qua-
lität für Wandkonstruktionen besteht. In der
Regel reichen für Wandkonstruktionen 5-10%
Tonanteil. Wenn der Lehm noch „fetter“ ist,
d.h. wenn er einen größeren Tonanteil besitzt,
kann man ihn mit Sand magern.
Wichtig bei massiven Lehmwänden ist, daß
sie auf einem Sockel stehen und somit vor
Spritzwasser und vor aufsteigender Erdfeuch-
tigkeit geschützt sind und daß der Schlagregen
durch einen ausreichenden Dachüberstand
abgehalten wird. Die Oberfläche kann durch
einen Kalkputz veredelt werden. Wesentlich
einfacher und in der Regel auch haltbarer ist es
jedoch, die Lehmwandoberfläche noch im
feuchten Zustand zu glätten, entstehende
Schwindrisse mit der Kelle zuzudrücken und
die glatte ausgetrocknete Oberfläche dann mit
einem Kalkanstrich zu versehen.
Einen besonders haltbaren, wetterfesten
und trotzdem atmungsaktiven Anstrich, der
etwa 4 Jahre lang nicht erneuert zu werden
braucht, erhält man, wenn man die ausge-
trocknete Lehmwand zweimal mit Molke vor-
streicht und dann zweimal mit einer dünnen,
speziellen Kalkbrühe folgender Zusammen-
setzung nachstreicht: 1 Sack Kalk, 1-2 kg
Kochsalz, 0,5-1 kg Alaun, 40-60 Liter Wasser.
Zum Abtönen kann man dem Anstrich etwas
Lehm oder Erdfarben beimengen.
Wenn man die relativ arbeitsaufwendige
Aufbereitung und Verarbeitung von Lehm
durch den Einsatz von Geräten vereinfacht, ist
die Lehmstampftechnik in allen Gegenden, in
denen entsprechender Lehm vorhanden ist -
also auch in Deutschland - anderen Techniken
unter ökonomisch-ökologischen KGesichts-
punkten betrachtet, weit überlegen.
Um. Lehm in größerem Umfang als
Baumaterial im modernen Wohnungsbau ein-
zusetzen, bedarf es einer verstärkten For-
schung auf diesem Gebiet. Alte, heute meist
vergessene Lehmbautechniken, wie beispiels-
weise das Mauern von Gewölben ohne Scha-
lungen, oder Materialveredelungsverfahren,
wie beispielsweise das Vorstreichen mit Blut
oder Molke, müsse wieder entdeckt, verbes-
sert und vor allem verbreitet werden. In-
dustrielle dezentrale Produktionstechniken
müssen verstärkt eingesetzt werden. So ist es
einfach, bei der bewährten Lehmstampftech-
nik Geräte einzusetzen, die den Herstellungs-
prozeß wesentlich beschleunigen (vgl. Abb.6,
7,8) und bei Altbausanierungen beispielsweise
maschinell vorgefertigte leichte Lehmbauteile
für Wandkonstruktionen zu verwenden.
Untersuchungen des Forschungslabors für
Experimentelles Bauen an der Gesamthoch-
schule Kassel haben gezeigt, daß es möglich
ist, massive Lehmwände herzustellen, die auch
im Klima Mitteleuropas keinen weiteren
Schutz gegen die Witterung benötigen. Dabei
ist es jedoch notwendig, daß der Lehm eine ris-
sefreie glatte Oberfläche aufweist, ca. 10%
Ton und 30% Schluff (Feinsand) enthält und
mit einem besonderen Kalkanstrich versehen
ist
Neu entwickelte Lehmbautechniken
Bauen mit extrudierten Lehmsträngen:
Aus einem umgebauten Tonschneider, wie er
in Töpfereien zur Aufbereitung von Ton ver-
wendet wird, wurde im Forschungslabor für
Experimentelles Bauen an der Gesamthoch-
schule Kassel ein Lehmstrangpressgerät ge-
Extrudierte Lehmstränge —Elementierte Lehmstampftechnik
moflehm
alle Fotos: Gernot Minka
baut, das weniger als 5.000,- DM kostet und
mit dem sich in 1 Minute ein 1,5 m langer,
8x16 cm dicker Lehmstrang erzeugen läßt
(Abb.6).
Lehmstränge aus diesem Gerät lassen sich
im plastischen Zustand ohne Schalung und
ohne Mörtel zu einer Wand aufschichten.
Fährt das Strangpreßgerät auf Rädern um den
Bau herum, so lassen sich die produzierten
Lehmstränge ohne Zwischenlagerung direkt
zum Aufbau der Wand verwenden. Die Wand
wird dann schichtweise „gewickelt“, während
das Gerät um das Haus herumfährt. Diese
Technik ist die bei weitem schnellste Lehm-
baumethode. Es wurde geschätzt, daß sich da-
mit die Außen- und Innenwände eines 80 m?
großen Wohnhauses mit 4 Arbeitskräften in 3
Tagen erstellen lassen. Will man mit dieser
Technik glatte und exakt senkrechte Wände
erstellen, so müssen die Wandflächen entwe-
der verputzt oder mit einem Außenrüttler ge-
glättet werden. Die erste Methode bietet sich
für Innenwände, die zweite für Außenwände
an.
‚ Dabei weisen Grundrißformen mit abge-
rundeten Ecken wesentliche Vorteile auf. Ein-
mal lassen sich dadurch die sonst beim Aus-
trocknen entstehenden großen Schrumpfrisse
an den Ecken vermeiden, zum anderen ermög-
lichen die Rundungen einen kontinuierlichen
Arbeitsprozeß, der wesentlich zur Zeiterspar-
nis beiträgt. Ein entsprechender Versuchsbau
ist für 1982 geplant.
Lehmstampftechniken:
Vor Forschungslabor für Experimentelles
Bauen wurde eine elementierte Stampflehm-
Wandbauweise entwickelt, bei der mit Hilfe
einer neuentwickelten, aufklappbaren Wand-
schalung 0,8 m breite geschoßhohe Tafelele-
mente stufenweise aus gestampftem Lehm
hergestellt werden können. Diese Bauweise
wurde an einem 1978 in Kassel errichteten
Versuchsbau getestet und bei einem Wohn-
haus in Guatemala mit Erfolg angewendet
(Abb.7). Die dafür entwickelte T-förmige
Schalung weist gegenüber üblichen .Scha-
lungsformen aus parallel angeordneten Flä-
chen drei wesentliche Vorteile auf:
® durch den T-förmigen Querschnitt ist bei
gleichem Lehmverbrauch die Bruchsicherheit
der Wand wesentlich höher
® durch die Begrenzung der Elementbreite auf
80 cm entstehen bei richtiger Lehmaufberei-
tung keine größeren Schwindrisse während
des Austrocknungsprozesses (die entstehen-
den. Haarrisse können mit einer. Kelle
zugedrückt werden)
® die Schalung läßt sich schnell abnehmen
und neu aufbauen.
Die Fuge zwischen den Elementen läßt sich
nachträglich sehr einfach mit Lehmmörtel
verfugen. Diese Technik hat den Vorteil, daß
die Wand nicht verputzt zu werden braucht.
Die Oberfläche läßt sich durch einen Kalkan-
strich (wie vorher erläutert) wetterfest ma-
chen.
Da das Umsetzen und Justieren der
Schalungen jedoch arbeitsaufwendig ist, wur-
de vom Forschungslabor ein neues Schalungs-
system entwickelt, bei dem die Schalung ent-
sprechend dem Herstellungsprozeß mit nach
oben wandert ohne daß sie neu justiert zu wer-
den braucht (vgl. Abb.8).
Ferner wurde ein Außenrüttler zu einem
fahrbaren Rüttler umgebaut, der selbsttätig in
der Schalung hin und her wandert und die lose
eingeschüttete erdfeuchte Lehmmischung ver-
dichtet. Durch diesen Rüttler und das spezielle
Schalungssystem gelang es über 80% der Ar-
beitszeit gegenüber herkömmlichen Stampf-
lehmtechniken einzusparen. Im Sommer 1982
wird ein Versuchsbau mit dieser Technik in
Kassel erstellt werden. Für 1983 und 1984 ist
die Anwendung dieser Lehmbautechnik bei
mehreren Einfamilienhäusern geplant.
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