Volltext: Jahres-Bericht der Königlichen Technischen Hochschule zu Stuttgart für das Studienjahr 1892/93 (1892)

ERDE + ERNTE 
Energie- und Kapitalverschwendung hinneh- 
men müssen, wenn es Baustoffe wie Lehm 
gibt, die weniger als 1% der Energie benötigen 
und die bei richtiger Anwendung genauso 
haltbar und darüberhinaus für das Wohnkli- 
ma wesentlich besser sind. 
Aufgrund verschiedener Untersuchungen 
kann angenommen werden, daß in über 50% 
der Fälle der Bodenaushub für Fundamente 
oder Keller aus Lehm mit ausreichender Qua- 
lität für Wandkonstruktionen besteht. In der 
Regel reichen für Wandkonstruktionen 5-10% 
Tonanteil. Wenn der Lehm noch „fetter“ ist, 
d.h. wenn er einen größeren Tonanteil besitzt, 
kann man ihn mit Sand magern. 
Wichtig bei massiven Lehmwänden ist, daß 
sie auf einem Sockel stehen und somit vor 
Spritzwasser und vor aufsteigender Erdfeuch- 
tigkeit geschützt sind und daß der Schlagregen 
durch einen ausreichenden Dachüberstand 
abgehalten wird. Die Oberfläche kann durch 
einen Kalkputz veredelt werden. Wesentlich 
einfacher und in der Regel auch haltbarer ist es 
jedoch, die Lehmwandoberfläche noch im 
feuchten Zustand zu glätten, entstehende 
Schwindrisse mit der Kelle zuzudrücken und 
die glatte ausgetrocknete Oberfläche dann mit 
einem Kalkanstrich zu versehen. 
Einen besonders haltbaren, wetterfesten 
und trotzdem atmungsaktiven Anstrich, der 
etwa 4 Jahre lang nicht erneuert zu werden 
braucht, erhält man, wenn man die ausge- 
trocknete Lehmwand zweimal mit Molke vor- 
streicht und dann zweimal mit einer dünnen, 
speziellen Kalkbrühe folgender Zusammen- 
setzung nachstreicht: 1 Sack Kalk, 1-2 kg 
Kochsalz, 0,5-1 kg Alaun, 40-60 Liter Wasser. 
Zum Abtönen kann man dem Anstrich etwas 
Lehm oder Erdfarben beimengen. 
Wenn man die relativ arbeitsaufwendige 
Aufbereitung und Verarbeitung von Lehm 
durch den Einsatz von Geräten vereinfacht, ist 
die Lehmstampftechnik in allen Gegenden, in 
denen entsprechender Lehm vorhanden ist - 
also auch in Deutschland - anderen Techniken 
unter ökonomisch-ökologischen KGesichts- 
punkten betrachtet, weit überlegen. 
Um. Lehm in größerem Umfang als 
Baumaterial im modernen Wohnungsbau ein- 
zusetzen, bedarf es einer verstärkten For- 
schung auf diesem Gebiet. Alte, heute meist 
vergessene Lehmbautechniken, wie beispiels- 
weise das Mauern von Gewölben ohne Scha- 
lungen, oder Materialveredelungsverfahren, 
wie beispielsweise das Vorstreichen mit Blut 
oder Molke, müsse wieder entdeckt, verbes- 
sert und vor allem verbreitet werden. In- 
dustrielle dezentrale Produktionstechniken 
müssen verstärkt eingesetzt werden. So ist es 
einfach, bei der bewährten Lehmstampftech- 
nik Geräte einzusetzen, die den Herstellungs- 
prozeß wesentlich beschleunigen (vgl. Abb.6, 
7,8) und bei Altbausanierungen beispielsweise 
maschinell vorgefertigte leichte Lehmbauteile 
für Wandkonstruktionen zu verwenden. 
Untersuchungen des Forschungslabors für 
Experimentelles Bauen an der Gesamthoch- 
schule Kassel haben gezeigt, daß es möglich 
ist, massive Lehmwände herzustellen, die auch 
im Klima Mitteleuropas keinen weiteren 
Schutz gegen die Witterung benötigen. Dabei 
ist es jedoch notwendig, daß der Lehm eine ris- 
sefreie glatte Oberfläche aufweist, ca. 10% 
Ton und 30% Schluff (Feinsand) enthält und 
mit einem besonderen Kalkanstrich versehen 
ist 
Neu entwickelte Lehmbautechniken 
Bauen mit extrudierten Lehmsträngen: 
Aus einem umgebauten Tonschneider, wie er 
in Töpfereien zur Aufbereitung von Ton ver- 
wendet wird, wurde im Forschungslabor für 
Experimentelles Bauen an der Gesamthoch- 
schule Kassel ein Lehmstrangpressgerät ge- 
Extrudierte Lehmstränge —Elementierte Lehmstampftechnik 
moflehm 
alle Fotos: Gernot Minka 
baut, das weniger als 5.000,- DM kostet und 
mit dem sich in 1 Minute ein 1,5 m langer, 
8x16 cm dicker Lehmstrang erzeugen läßt 
(Abb.6). 
Lehmstränge aus diesem Gerät lassen sich 
im plastischen Zustand ohne Schalung und 
ohne Mörtel zu einer Wand aufschichten. 
Fährt das Strangpreßgerät auf Rädern um den 
Bau herum, so lassen sich die produzierten 
Lehmstränge ohne Zwischenlagerung direkt 
zum Aufbau der Wand verwenden. Die Wand 
wird dann schichtweise „gewickelt“, während 
das Gerät um das Haus herumfährt. Diese 
Technik ist die bei weitem schnellste Lehm- 
baumethode. Es wurde geschätzt, daß sich da- 
mit die Außen- und Innenwände eines 80 m? 
großen Wohnhauses mit 4 Arbeitskräften in 3 
Tagen erstellen lassen. Will man mit dieser 
Technik glatte und exakt senkrechte Wände 
erstellen, so müssen die Wandflächen entwe- 
der verputzt oder mit einem Außenrüttler ge- 
glättet werden. Die erste Methode bietet sich 
für Innenwände, die zweite für Außenwände 
an. 
‚ Dabei weisen Grundrißformen mit abge- 
rundeten Ecken wesentliche Vorteile auf. Ein- 
mal lassen sich dadurch die sonst beim Aus- 
trocknen entstehenden großen Schrumpfrisse 
an den Ecken vermeiden, zum anderen ermög- 
lichen die Rundungen einen kontinuierlichen 
Arbeitsprozeß, der wesentlich zur Zeiterspar- 
nis beiträgt. Ein entsprechender Versuchsbau 
ist für 1982 geplant. 
Lehmstampftechniken: 
Vor Forschungslabor für Experimentelles 
Bauen wurde eine elementierte Stampflehm- 
Wandbauweise entwickelt, bei der mit Hilfe 
einer neuentwickelten, aufklappbaren Wand- 
schalung 0,8 m breite geschoßhohe Tafelele- 
mente stufenweise aus gestampftem Lehm 
hergestellt werden können. Diese Bauweise 
wurde an einem 1978 in Kassel errichteten 
Versuchsbau getestet und bei einem Wohn- 
haus in Guatemala mit Erfolg angewendet 
(Abb.7). Die dafür entwickelte T-förmige 
Schalung weist gegenüber üblichen .Scha- 
lungsformen aus parallel angeordneten Flä- 
chen drei wesentliche Vorteile auf: 
® durch den T-förmigen Querschnitt ist bei 
gleichem Lehmverbrauch die Bruchsicherheit 
der Wand wesentlich höher 
® durch die Begrenzung der Elementbreite auf 
80 cm entstehen bei richtiger Lehmaufberei- 
tung keine größeren Schwindrisse während 
des Austrocknungsprozesses (die entstehen- 
den. Haarrisse können mit einer. Kelle 
zugedrückt werden) 
® die Schalung läßt sich schnell abnehmen 
und neu aufbauen. 
Die Fuge zwischen den Elementen läßt sich 
nachträglich sehr einfach mit Lehmmörtel 
verfugen. Diese Technik hat den Vorteil, daß 
die Wand nicht verputzt zu werden braucht. 
Die Oberfläche läßt sich durch einen Kalkan- 
strich (wie vorher erläutert) wetterfest ma- 
chen. 
Da das Umsetzen und Justieren der 
Schalungen jedoch arbeitsaufwendig ist, wur- 
de vom Forschungslabor ein neues Schalungs- 
system entwickelt, bei dem die Schalung ent- 
sprechend dem Herstellungsprozeß mit nach 
oben wandert ohne daß sie neu justiert zu wer- 
den braucht (vgl. Abb.8). 
Ferner wurde ein Außenrüttler zu einem 
fahrbaren Rüttler umgebaut, der selbsttätig in 
der Schalung hin und her wandert und die lose 
eingeschüttete erdfeuchte Lehmmischung ver- 
dichtet. Durch diesen Rüttler und das spezielle 
Schalungssystem gelang es über 80% der Ar- 
beitszeit gegenüber herkömmlichen Stampf- 
lehmtechniken einzusparen. Im Sommer 1982 
wird ein Versuchsbau mit dieser Technik in 
Kassel erstellt werden. Für 1983 und 1984 ist 
die Anwendung dieser Lehmbautechnik bei 
mehreren Einfamilienhäusern geplant. 
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