Full text: Jahresbericht der Königlichen Technischen Hochschule in Stuttgart für das Studienjahr 1900/1901 (1900)

  
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| 2, Arbeit mit dem Kennwort: Bilde Künstler, rede nicht. 
Der Totaleindruck der ganzen Arbeit ist ein fast überreicher, prüchtiger. Der Entwurf zeigt in seinem 
etwas schwerfälligen Charakter starke Anlehnungen an neuere Münchener Vorbilder, ohne sich jedoch in direkte 
Nachahmungen zu verirren. 
Die Konstruktion ist überall sinngemüss betont und der ganzen Dekoration diejenige architektonische 
Grundlage gesichert, welche bei so reicher Detailgestaltung als Gegengewicht notwendig erscheint. Die Farbengebung, 
obgleich auf dem etwas harten Farbenbild von rot und blau aufgebaut, ist durch reichliche Anwendung neutraler 
Töne; insbesondere grau, gold und weiss in vortrefflicher Weise gelungen, doch tritt der poetische Reiz des Ganzen 
vor dem des Prächtigen entschieden zurück. In allen Blättern ist ein einheitlicher, aus einem Gusse kommender 
Gedanke bewahrt. 
Was die Bildung der einzelnen Räume betrifft, so berührt die einfache Raumform des 
| Festsaals B sehr angenehm. Durch die vier in den Ecken des Saals befindlichen Portale ist die Massen- 
| teilung der Langwände klar ausgesprochen, die durch mächtige, dunkel wirkende Bilder noch unterstützt wird. Eine 
| Fülle wohl durehdachter Motive belebt das Architekturskelett, das durch aufgemaltes geometrisches Ornament in 
richtigem Wechsel mit dem Organischen gehalten ist, das sich in den Füllungen ausspricht. Die Bilder selbst 
sind etwas roh in der Farbe, vielleicht auch etwas gross im Massstab der Figuren. Das Umgekehrte hinsichtlich 
  
des Massstabs findet statt mit Bezug auf den Fries, der sich unter der Balkendecke rings um den ganzen Saal 
hinzieht; dort sind die Figuren zu klein. 
Die Decke mit ihrem bemalten Balken- und Lattenwerk ist gut verstanden und spricht den deutschen | 
Charakter besser aus, als die sehr ans Italienische streifenden Einzelheiten der Wände. Ein ausgezeichnetes De- 
korationsstück des Saals ist sodann das Hauptportal der Schmalwand. Gleich gut in der Behandlung des Materials 
des Massstabs, der Farbe, bildet es die glücklichste Idee dieses Entwurfs. 
| Der Nebensaal C ist im ganzen riclitig behandelt, doch ist der Prachtkamin, obgleich an und. für sich 
gut erfunden, etwas zu schwer und zu kurzbeinig in den Verhàltnissen ausgefallen. Das Getáfel hátte einer besseren 
Verbindung mit dem Kamin bedurft, auch ist die Tapete für die archaistische Richtung des Ganzen etwas zu modern 
  
  
  
  
  
  
ausgefallen. 
Die Rotunde A zeugt von lebendiger Phantasie und ist, nach oben leichter werdend, stilistisch durchaus 
richtig dekoriert. Die im Programm verlangte Verwendung dekorativer Materialien ist überall mit dem richtigen 
  
  
Nachdruck betont, auch zeugt eine Fülle reizender Motive von grosser Detailkenntnis. 
Die Fussböden wohl mangels an Zeit nicht ganz vollendet, bedürften noch der besseren Durcharbeitung, 
enthalten aber zum Teil sehr brauchbare Motive, wie z. B. der kreisrunde des Kuppelraums. 
Auf die im Programm verlangte Anbringung der Glühlampen ist vom Verfasser wohl in der Begleitschrift, 
aber zu wenig im Entwurf Bedacht genommen worden. 
Alles in allem genommen zeugt diese Arbeit von grossem Fleisse und treuestem Studium der Alten. Auch 
  
ist ein reich entwickelter Farben- und Formensinn zu konstatieren, so dass der talentvolle Verfasser eines Preises 
, 
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9. Arbeit mit dem Kennwort: Es war einmal, 
| Auch diese Lösung der Aufgabe zeigt eine selbständige Auffassung, steht aber in der Anordnung des 
wohl würdig wäre. 
  
  
Ganzen, sowie in der Detailbehandlung hinter den beiden andern Arbeiten zurück. 
Der Festsaal B macht im ganzen trotz des vielen Rot der Wände einen kühlen Eindruck, der haupt- 
ichlich hervorgebracht wird durch die Anwendung von zu viel Weiss in den struktiven Teilen. Als Hauptakkord 
ist an den Wänden ein warmes Rot, an der Decke ein warmes Hell-Blau gewählt, welche beiden Farben nicht so 
recht zusammengehen. Die an sich ganz richtig gedachten Kartouchen der Langwand sind zu gross im Detail 
und zu nüchtern in den Motiven für so grosse Ornamentflächen, dagegen sind die darunter befindlichen Gobelins 
sehr hübsch und höchst originell behandelt. Die Architektur der Langwand mit den runden Ecken der Felder- 
  
teilung macht einen. flauen Eindruck, 
Der Nebensaal C ist allzubescheiden, nach hergebrachter Art eines bürgerlichen Wohnzimmers gehalten 
und fällt gegen den Hauptsaal, mit dem er organisch ein Ganzes bildet, durch seine langweilige Tapete entschieden 
ab. Der grosse Prachtkamin steht auch unvermittelt und zu schlank in den Verhältnissen auf der Wand, und ent- 
behrt einer gewissen Selbständigkeit der Erfindung, die wir an den beiden übrigen Arbeiten so günstig beurteilen 
| konnten. Dagegen sind die grossen Saalthüren, sowie das grosse Portal der Schmalwand gut erfunden und richtig 
  
  
  
  
  
  
  
 
	        

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